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Fünf-Sterne-Bewegung


"Grillini" - eine neue Art von Politik




Beppe Grillo im Wahlkamf in Rom. (Reuters)

Beppe Grillo im Wahlkamf in Rom.

(Reuters)

Ohne TV-Präsenz hat es Beppe Grillo in Italien zu einem grossen Wahlerfolg geschafft. Genutzt hat er das Internet und die öffentliche Piazza. Wird das basisdemokratische Modell der Protestbewegung den politischen Machtspielen und dem Druck der Medien Stand halten?

Vor den Parlamentswahlen vom 24./25.Februar gab es keinen Anlass für eine persönliche Zusammenkunft. Denn der Treffpunkt der "Grillini“ befand sich im Internet. Alles, was von den Anhängern der Fünf-Sterne-Bewegung M5S (MoVimento 5 stelle) in Italien gemacht wurde, spielte sich im Web ab: Von inhaltlichen Diskussionen bis zur Festlegung von Prioritäten und Strategien.

88% mit Uni-Abschluss

"Im Fernsehen gibt es keine Interaktion. Im Internet gibt es hingegen Nachrichten, die man erhält, aber auch teilen und kommentieren kann. Dadurch wird man zum Teilhaber und Gestalter einer Bewegung. Beppe Grillo war der erste, der aus den neuen Technologien ein politisches Thema gemacht und deren Potential genutzt hat, noch vor Barack Obama“, hält Sébastien Salerno fest. Der Sohn italienischer Auswanderer ist Experte für Sozialbewegungen und politische Kommunikation an der Universität Genf.

Die M5S-Kandidaten beziehungsweise "Sprecher“ – wie sie sich selbst definieren - wurden durch eine Art von Vorwahlen ermittelt. Niemand hat je zuvor aktiv Politik betrieben oder war Mitglied einer politischen Partei. Alle sind Newcomer: Einfache Bürger, die aber im Regelfall über eine gute Ausbildung verfügen. 88% besitzen einen Universitätsabschluss. Das Durchschnittsalter beträgt 39 Jahre. Marta Grande, die jüngste "Grillini“, ist gerade mal 25 Jahre alt.

Internet und Piazza

Beppe Grillo waren 1986 Auftritte im öffentlichen Fernsehen in Italien verboten worden, weil er den damaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi verulkt hatte. Seither ist der Komiker nicht mehr am italienischen TV zu sehen gewesen. Anders im Ausland: Besonders beim  Schweizer Fernsehen italienischer Sprache war Grillo wiederholt zu Gast. Dies verschaffte ihm auch in Italien Öffentlichkeit.

Seit 2005 nutzt Grillo als Informationskanal – neben der Bühne – vor allem das Internet. Sein Blog gehört zu den meistbesuchten Websites in Italien. Die britische Wochenzeitung Observer bezeichnete diesen Blog im Jahr 2008 als eine der zehn einflussreichsten Web-Publikationen auf der Welt.

So kam es, dass sich der 63-jährige Grillo eine Art Monopolsituation im Internet geschaffen hat, während sich seine Kontrahenten auf der Linken und Rechten am Fernsehen stritten. Seine Strategie hatte jedenfalls einen unglaublichen Erfolg. Bei den Parlamentswahlen vom 24./25.Februar erhielt die Bewegung M5S acht Millionen Stimmen und eroberte auf Anhieb 163 Sitze im Parlament.

Massen verzaubern

Doch der Erfolg der Bewegung lässt sich nicht nur auf das Internet zurückführen. Grillo ist ein Mann der Bühne, der Massen verzaubern kann. Im Jahr 2007 gelang es ihm, 50‘000 Personen in Bologna für den sogenannten V-Day zu versammeln,  den "Vaffanculo-Day“ – zu Deutsch in etwa "Leck-mich-am-Arsch-Tag.“

Während der Wahlkampagne fuhr er mit seinem Camper kreuz und quer durch Italien für seine "Tsunami Tour“. Er eroberte mit seinen Auftritten die Plätze Italiens. Er redete, schrie und schwitzte. Seine direkte und sarkastische Art kam bei den Leuten an.  Doch man bezichtigte ihn auch des Populismus und der Demagogie.

"Beppe Grillo hat es gewagt, Themen anzusprechen, die andere Politiker lieber totschweigen. Er hat einen Draht zu jungen Leuten gefunden und sich zum Megaphon ihrer Wut gemacht. Mit seinem provokativen und zugleich lustigen Stil hat er das Publikum entwaffnet. Und er konnte sogar böse Dinge sagen – ein wenig  wie ein Hofnarr. Nicht alle, die M5S gewählt haben, teilen Grillos Art und Weise aufzutreten, doch sie erhoffen sich, mit ihrer Stimme die politischen Verhältnisse aufzubrechen“, sagt Hervé Rayner, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Lausanne und Autor mehrerer Büchern über Italien.

Koalition der Ideen

Da die Parlamentswahlen keine klaren Mehrheiten ergeben haben, steuert Italien auf ein politisches Patt und möglicherweise sogar auf Neuwahlen zu. Von den Entscheiden der Bewegung M5S hängt jedenfalls die Zukunft der neuen Regierung und des Landes ab. Doch viele fragen sich, wie man den absoluten Politik-Neulingen diese Aufgabe anvertrauen kann. Die M5S-Vertreter selbst wollen keine Koalitionen eingehen, sondern jeden Vorschlag einzeln gemäss ihren Überzeugungen und unabhängig von jeglicher Parteien-Logik diskutieren.

Dieser vollkommen unkonventionelle Ansatz wirft viele Fragen auf, auch wenn es schon ein Beispiel dieses Politstils in Kleinformat gibt. Dieses Beispiel heisst Sizilien. Dort war M5S im vergangenen Herbst zur ersten Partei geworden, während als Präsidentin der Region Sizilien Rosario Crocetta von der sozialdemokratischen Partei (PD)gewählt wurde. "Die bisherige Bilanz in Sizilien ist positiv“, hält Sébastien Salerno fest. Die Bewegung M5S habe den PD punktuell, aber bei wichtigen Vorlagen wie der Kostenreduktion der Politik unterstützt. Salerno: "Crocetta selbst hat die Zusammenarbeit gelobt.“

Doch kann dieser Mechanismus auch auf nationaler Ebene funktionieren? Unsere Gesprächspartner wollen keine Prognosen wagen. Denn viel hängt davon ab, in welche Richtung Beppe Grillo gehen wird und wie er die unterschiedlichen Strömungen seiner Bewegung zusammenhält. Denn letztlich bestimmt Grillo den Kurs, auch wenn er immer wieder von partizipativer Demokratie spricht. Seinen starken Willen hat er gegenüber Anhängern unter Beweis gestellt, die von seiner Linie abgewichen sind.

Druck von den Medien

Beppe Grillo selbst wird nicht im Parlament einsitzen. Er wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt (Autounfall). Die parlamentarischen M5S-Vertreter müssen daher ihre Schritte im Parlament alleine machen, nicht im Schutze des Internets und ihres Leaders, sondern im Rampenlicht der Öffentlichkeit.

"Es gibt die Gefahr, dass die Bewegung M5S ihrem Gründer entgleitet und zugrunde geht. Aber sie könnte auch einem Land, das am Boden liegt, ein wenig Sauerstoff bringen und als Stachel im Fleisch der anderen Parteien dienen“, sagt Hervé Rayner.

Sicher ist bisher nur eines: Die "Grillini“, die Anhänger von Beppe Grillo, haben keinerlei Erfahrung mit den Spielen der Realpolitik. "Es könnte sein, dass sie zwischen rechts und links zerrieben werden und keine einheitliche Linie finden. In einer Bewegung gehören Meinungsverschiedenheiten, auch sehr harte, zur politischen Kultur. Im Parlament herrschen aber andere Regeln, "sagt  Rayner.

Dazu kommt der mediale Druck auf die Neugewählten. Beppe Grillo hat daher einen Marschhalt verordnet. Vorläufig keine Interviews mit italienischen Medienschaffenden. Damit will man sich wahrscheinlich der Belagerung durch die Presse entziehen und sicherstellen, dass die Bewegung  M5S die Situation noch unter Kontrolle hat.

Beppe Grillo

Beppe Grillo wird am 21.Juli 1948 in Genua geboren.

Er wird zum Buchhalter ausgebildet. Seine künstlerische Karriere beginnt als Kabarettist.

Er wird dann bei einem Vorsprechen beim TV-Sender RAI in Mailand entdeckt. 1978 leitet er das italienische Schlager-Festival San Remo, eine der Sendungen mit der höchsten Einschaltquote in Italien.

In den 1980er Jahren macht er sich einen Namen als Satiriker. Doch bei RAI erhält er nach einer Satire über den sozialistischen Premier Bettino Craxi ein Auftrittsverbot.

Grillo bereist danach ganz Italien mit Bühnenstücken, in denen er Politik- und Umweltthemen aufgreift. Er gehört zu den ersten, die die Telecom- und die Parmalatskandale anprangern und die Vorteile des Internets preisen.

In Italien tritt er nicht im Fernsehen auf, doch das Schweizer RSI und französische Kanäle bieten ihm eine Plattform.

2004 gründet er zusammen mit dem italienischen Unternehmer Gianroberto Casaleggio einen Blog. Sein Partner gilt als "Stratege“ des Blogs.

2007 organisiert Grillo in mehreren italienischen Städten den so genannten V-Day, um gegen die Privilegien der Politiker in Italien zu protestieren. Für eine von ihm lancierte Volksinitiative werden in kürzester Zeit 330‘000 Unterschriften gesammelt.

Wegen seiner Vorstrafe kandidiert Beppe Grillo selbst nicht. Grund ist ein von ihm verursachter Unfall im Jahr 1981, bei dem drei Mitfahrer seines Wagens das Leben verloren. Die definitive Strafe wegen fahrlässiger Tötung datiert von 1988.

Vor einigen Jahren hat Grillo eine Wohnung in Lugano gekauft, "um sich für den Fall einer Sperrung seines Blogs zu schützen“, wie er sagt.


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch



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