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Kampf gegen Lohnexzesse "Die Initiative wird globale Ausstrahlung haben"

Denken die Aktionäre, hier an der UBS-Generalversammlung, wirklich nur ans Geld?

(Keystone)

Das Verdikt des Schweizer Volks zur Initiative gegen die Abzockerei werde über die Landesgrenzen hinaus einen Erdrutsch auslösen, vermutet Ulrich Thielemann. Der Wirtschaftsethiker beurteilt die Initiative als "hoch gefährlich". Die Aktionäre hätten nicht zu wenig, sondern zu viel Macht.

Fast 68 Prozent der Stimmenden und sämtliche Kantone haben der Volksinitiative zugestimmt. Trotz des klaren Resultats hat der Kampf gegen die Abzockerei erst begonnen.

Die Meinung, dass die Initiative Lohnexzesse in den Teppich-Etagen nicht glaubhaft bekämpfen werde, vertritt nicht nur der unterlegene Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, sondern auch Ulrich Thielemann.

Der Wirtschaftsethiker, der fast ein Jahrzehnt lang an der Hochschule St. Gallen gelehrt und 2010 in Berlin den Think Tank "MeM – Denkfabrik für Wirtschaftsethik" gegründet hat, sieht aber ganz andere Ursachen des Problems. 

(Keystone)

swissinfo.ch: Zwei von drei Stimmenden in der Schweiz haben die Initiative gegen Abzockerei angenommen. Ist das deutliche Resultat eher Ausdruck von Wut oder von Kalkül?

Ulrich Thielemann: Das Wort Wut konnotiert mit Irrationalität. Bei der Abstimmung war Irrationalität im Spiel in Bezug auf das, was tatsächlich beschlossen wurde. Aber der Impuls, der tiefere Grund, der die Zweidrittelmehrheit dazu bewogen hat, so zu stimmen, ist alles andere als irrational. Da hat ein Verständnis der gravierenden Unverhältnismässigkeit, des Mangels an Leistungsgerechtigkeit die Hand der Abstimmenden geführt.

swissinfo.ch: Sie sind der Profi für Ethik. Ist das Plebiszit ein Schritt Richtung mehr oder Richtung weniger Ethik in der Wirtschaft?

U.T.: Die Frage ist, welche Ethik? Es ist – vom Impuls her - ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit. Viele sind empört über die hohen Vergütungen, die überhaupt nicht mehr leistungsgerecht sind. Vor allem sind sie empört zu hören, dass Menschen Millionenvergütungen erhalten, obwohl das Unternehmen Verluste einfährt.

swissinfo.ch: Und was soll am Abstimmungsergebnis irrational sein?

U.T.  Die grosse Irrationalität ist, dass im Kern nicht den Lohnexzessen Einhalt geboten wird, sondern die Rechte der Aktionäre weiter gestärkt werden. Herr Minder (der Urheber der Initiative) glaubt offenbar, dass die Ungerechtigkeit, die er und die überwiegende Mehrheit der Bürger empfinden, identisch sei mit den Interessen der Aktionäre, denen durch die Millionenboni angeblich zu viel Geld aus den Taschen gezogen werde.

"Quittung an die gesamte Wirtschaft"

Der  Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, der 8 Millionen Franken in den Abstimmungskampf investiert hatte, glaubt nicht, dass die Initiative die Abzockerei verunmöglichenwerde.

 "Wir haben immer gesagt, dass sie ihr Versprechen nicht halten werde Sie verschiebt einfach die Macht weg von den Verwaltungsräten zu den Aktionären", sagt Ursula Fraefel, Leiterin Kommunikation und Kampagnen.

Stattdessen hätten sich nun die Rahmenbedingungen des Wirtschaftsstandorts Schweiz verschlechtert, zu denen eben auch ein liberales Aktienrecht gehöre.

Die Aktionäre haben es künftig in der Hand, über die Managervergütungen abschliessend zu befinden. Economiesuisse kann dabei weder den Unternehmen noch den Aktionären Vorschriften machen.

"Aber wir sind der Meinung, dass man ans Masshalten und an die Vernunft der Wirtschaftsführer appellieren muss," sagt Ursula Fraefel

Die Niederlage in der Abstimmung führt Economiesuisse darauf zurück, dass die Wut der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger in der GV-Saison noch zusätzlich angestachelt wurde und dass das bürgerliche Lager nicht bis in die Basis hinunter geschlossen gegen die Initiative war.

"Dafür hat jetzt die Wirtschaft als Ganzes die Quittung bekommen." 

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swissinfo.ch: Wenn das Management mehr bezieht, bleibt den Aktionären weniger.  Was soll daran falsch sein?

U.T.: Der tiefere Grund für die Existenz der Millionenvergütungen ist nicht allein die Gier der Manager, sondern die Gier der Aktionäre. Das Problem sind die grossen Fonds, die gar nichts gegen hohe Vergütungen haben – ganz im Gegenteil: Durch die hohen Vergütungen innerhalb der Unternehmungen wird die Gier entfacht. Alles wird rausgeholt, was sich rausholen lässt.

Das Management argumentiert folgendermassen. Wir steigern für Euch den Shareholder-Value, den Aktienkurs um ein paar Milliarden, und davon wollen wir ein paar Prozent abbekommen.

Dem Aktionariat ist es doch egal, wenn die Manager ein paar Dutzend Millionen einsacken, das sind Peanuts gegenüber den Milliarden, welche die Grossaktionäre bekommen. Sie sind der tiefere Grund für die Abzocker-Mentalität, und sie werden jetzt noch gestärkt.

swissinfo.ch: Wollen Sie damit sagen, dass sich das Volk damit einen Bärendienst erwiesen hat und der Schuss nach hinten losgehen könnte?

U.T.: Die Boni werden nicht sinken, sondern vermutlich sogar weiter steigen. Die Initiative ist in ihrem Ergebnis eigentlich hoch gefährlich, weil die sogenannten Heuschrecken durch die jährliche Wahl des Verwaltungsrates Tür und Tor dafür öffnen, ein Unternehmen auszuplündern und danach weiterzuziehen.

Wenn man die Wut hinter dem Abstimmungsresultat ernst nimmt, kommt man zu anderen Ergebnissen, nämlich, dass die Manager nicht mehr so unverhältnismässig abzocken sollen, sondern dass wieder Mässigung und Verantwortlichkeit in die Unternehmungen einziehen sollen. Aber dafür muss die Macht des Kapitals nicht weiter ausgebaut, sondern im Gegenteil beschränkt werden.

Ulrich Thielemann

Geboren 1961 in Remscheid (Deutschland).

Studium der Wirtschaftswissenschaften in Wuppertal.

1996 schloss er seine Dissertation zum Thema "Das Prinzip Markt" ab. Von September 1996 bis Dezember 1997 hielt er sich im Rahmen seines Habilitationsprojektes ("Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept") an der American University in Washington, USA, auf.

Von 2001 bis 2011 war er Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Hochschule St. Gallen (HSG)

2011 Privatdozent für Wirtschaftsethik an der Universität Wien, Institut für Philosophie, sowie an der HSG.

Gründer des Think Tank "Me'M – Denkfabrik für Wirtschaftsethik

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swissinfo.ch: Ein Staat, der seinen Bürgern auch in der Wirtschaft Freiheit lässt, verfolgt doch ein ethisches Ziel? Oder anders gefragt: Was geht es die Stimmbürger an, wie viel ein Unternehmen seinen Angestellten zahlt?

U.T.: Die Unternehmen sind schon lange Zeit keine Privatangelegenheit mehr. Und die Managervergütungen sind vor allem deshalb keine Privatsache, weil sie eben Gerechtigkeitsfragen und damit das Zusammenleben betreffen.

Hier kann man zwei Dimensionen unterscheiden: zum einen die Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit. Die 72 Millionen, die Herr Vasella hätte erhalten sollen, haben andere bezahlt, nämlich die Patienten, die zu hohe Preise bezahlen müssen für die Medikamente. Und Herr Vasella wird dafür vergütet, dass er mit andern Pharma-Unternehmungen Lobbying betreibt, damit der Patentschutz weiter ausgebaut wird. Damit haben die Pharma-Aktionäre Milliarden verdient.

Zum andern wird damit ein falscher Geist in die Unternehmungen gelegt: den Geist der Gier. Es geht dann nicht mehr darum, seine Arbeit nach Massstäben der jeweiligen Profession gut zu machen. Vielmehr ist alles, was man tut, ein Mittel zum Zweck der Bereicherung. Das Management führt das Unternehmen dann nicht mehr verantwortungsbewusst– und dazu gehörte auch der faire Umgang mit allen Beteiligten-, sondern genau so, dass der Bonus maximiert wird.

Die als Anreize ausgerichteten Boni korrumpieren das Management und ein ganzes Unternehmen. Sie machen aus den Unternehmen Giermaschinen. Das ist das eigentliche Problem, und deshalb sind die Boni alles andere als eine Privatangelegenheit der Aktionäre. Es betrifft unser aller Leben in sehr weitgehender Weise.

swissinfo.ch: Die Minderinitiative, sagen Sie, werde nicht zu weniger Ungerechtigkeit führen. Was müsst e man denn Ihrer Meinung nach tun, um die Exzesse zu stoppen?

U.T.: Man muss dem Problem ordnungsrechtlich zu Leibe rücken. Man sollte den Aktionären die Hebel aus der Hand nehmen, die Unternehmen vollständig auf ihre unstillbaren Renditewünsche auszurichten. Konkret: Man sollte  den Anteil variabler Vergütungen beschränken. Genau in diese Richtung geht der jüngste Beschluss des EU-Parlaments, der vorsieht, dass die variablen Vergütungen höchstens gleich hoch wie die Banker-Saläre sein dürfen.

Das ist zumindest einmal ein Anfang. Es handelt sich dabei nicht um einen übergebührlichen  Eingriff in die Vertragsautonomie. Denn erstens kann das Aktionariat dem Management immer noch Millionen hinterherwerfen, aber eben nicht mehr in Form von Anreizen. Und zweites trägt das Ganze ja zu einer insgesamt verantwortungsvolleren Unternehmungsführung bei. Der Geist der Mässigung, der damit in die Unternehmen einziehen bzw. zurückkehren soll, war ja bei klassischen Unternehmern vielfach eine Selbstverständlichkeit.

swissinfo.ch: Mal abgesehen von der Frage, ob die Initiative das Ziel erreicht, das sie vorgibt. Eine Wirkung hat sie so oder so gehabt, auch über die Landesgrenzen hinaus?

U.T.: Ich glaube, dass diese Abstimmung einen Erdrutsch auslösen könnte, nicht nur in der Schweiz.  Die Initiative strahlt global aus. Es wurde überall in der Welt darüber prominent berichtet. Manche meinen, weil sie in der heutigen Welt etwas skurril erscheint. Der tiefere Grund ist aber: Nicht nur in der Schweiz haben die Bürger die Abzocker satt.

swissinfo.ch

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