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Religion und Gender


Warum Islam? Drei Konvertitinnen erzählen




Die verschleierte Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS), Nora Illi, an einer Veranstaltung im Mai 2010. (Keystone)

Die verschleierte Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS), Nora Illi, an einer Veranstaltung im Mai 2010.

(Keystone)

Mädchenbeschneidung, Polygamie, Burka und verweigerter Handschlag – islamische Traditionen verunsichern und irritieren die Schweiz, die Medien zementieren ein frauendiskriminierendes Image. Im Kanton Tessin gipfelte die angespannte Stimmung in einem Burka- und Niqabverbot. Doch gibt es einen Islam, der die Frauenrechte achtet? Drei Schweizer Konvertitinnen erzählen, warum sie konvertiert haben.

Barbara Veljiji steigt die Treppen hoch in eine behagliche Bauernstube. Im Ofen knistert ein Feuer, die Veljijis heizen mit Holz. Barbara Veljiji wohnt mit ihrem albanischen Ehemann, den drei Söhnen, der Schwiegertochter und der Mutter im ehemaligen Bauernhof der Eltern im Berner Seeland.

Veljiji konvertierte 1992 mit 23 Jahren zum Islam. "Für mich ist der Islam ein guter Glaube", lautet ihre schlichte Begründung. Sie habe durch den Islam inneren Frieden gefunden. Seit neun Jahren trägt sie ein Kopftuch. Sie betet, fastet und isst "soweit möglich" halal. Bei Fondue Chinoise drückt sie auch mal ein Auge zu.

Auch die Rollenteilung handhabt sie pragmatisch: Weil sie in ihren Berufen mehr verdient als ihr Ehemann, ist sie seit Geburt der Kinder die Ernährerin der Familie, und er der Hausmann. Dieses Familienmodell ist nicht sehr islamisch. Doch Veljiji ist das egal: "Ich arbeite gern, ich kann es mir nicht anders vorstellen."

Der Islam ist "logisch"

Natalia Darwich aus der Innerschweiz war immer schon sehr gläubig und in der Kirchengemeinde aktiv. Um die 30 herum kamen ihr aber Zweifel an der katholischen Kirche: Dass nebst Gott auch Jesus angebetet wird, fand sie falsch. Und der Prunk des Vatikans fand sie stossend. Auch die Beichte überzeugte sie nicht – als Kind erfand sie "Sünden", damit der Priester zufrieden war.

Sie trat daher aus der Kirche aus und beschäftigte sich intensiv mit spirituellen Themen. Dabei stiess sie auch auf den Koran, den sie zwei Mal von vorne bis hinten las. Sie fand einen eher intellektuellen Zugang zum Islam. "Mich hat beim Islam die logische Art angesprochen, mit der Fragen beantwortet werden", erzählt Darwich. Der Islam sei für sie ein "vervollständigtes Christentum".

Darwich heiratete einen Libanesen und konvertierte zum schiitischen Islam. Ihr Umfeld reagierte gelassen. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits über vierzig Jahre alt. Das ist nun 8 Jahre her. Seit drei Jahren trägt Darwich ein Kopftuch. Vor diesem Schritt kündigte sie allerdings ihre Arbeitsstelle.

Eine Erleuchtung in Dubai

Bevor sie mit einem Niqab ihr Gesicht vor der Öffentlichkeit verbarg, einen Konvertiten heiratete – der gemäss nicht dementierten Berichten eine Zweitfrau hat – , fünf Kinder gebar, sich selbst für Polygamie aussprach und damit zur wohl berühmtesten Schweizer Konvertitin wurde, war Nora Illi eine normale junge Frau aus dem Kanton Zürich. Sie feierte Partys, interessierte sich für den Buddhismus und ernährte sich vegetarisch.

Als 18-Jährige hatte Nora Illi auf einer Dubai-Reise beim Gebetsruf des Muezzins ein Erleuchtungserlebnis. Zurück in der Schweiz konvertierte sie 2002 zum Islam. Zwei Wochen zuvor war ihr Freund und späterer Ehemann Qaasim Illi bereits zum Islam konvertiert. Beide sind sie inzwischen im radikal-islamischen Verein "Islamischer Zentralrat Schweiz" (IZRS) engagiert, der unter anderem wegen Kontakten zu Extremisten und Hasspredigern hoch umstritten ist.

Nora Illi erzählt, dass sie selbst zunächst Vorurteile gegenüber Musliminnen hatte: "Ich dachte, die Frau werde im Islam unterdrückt", sagt sie. Doch sie sei zur Erkenntnis gelangt, dass vieles kulturell bedingt sei und nicht zum Islam gehöre. Illi denkt dabei beispielsweise an die eher passive Rolle vieler Musliminnen. Im Islam dürfe die Frau durchaus ausser Haus aktiv sein.

Werte in Einklang bringen

In den Gesprächen mit den drei Frauen fällt auf, dass sie den Koran zwar wörtlich auslegen und als Gott gegeben betrachten, gleichzeitig aber versuchen, ihn mit westlichen Werten in Einklang zu bringen. Manchmal suchen sie Erklärungen und Entschuldigungen für moslemische Gebote und Verbote, manchmal weichen sie auch aus oder wiegeln ab. So räumt Veljiji beispielsweise ein, dass der Mann gemäss Koran die Frau schlagen darf, wenn sie nicht gehorcht. "Aber Schlagen ist immer ein Zeichen von Überforderung, das hat mit Religion nichts zu tun, und Züchtigung gibt es auch im Alten Testament", relativiert sie.

Und Nora Illi verharmlost das Verbot der Homosexualität im Islam mit dem Argument, diese sei nur in der Öffentlichkeit verboten. Gleichzeitig befürwortet sie ein Recht auf Ehe für alle – auch für Homosexuelle. "Ich bin tolerant", sagt sie schlicht.

Die drei Frauen scheinen sich kulturell mit Schweizer Werten durchaus zu identifizieren, insbesondere mit der Emanzipation der Frauen. Sie unterscheiden klar zwischen Religion und Kultur. In religiöser Hinsicht hat ihnen in der westlichen Gesellschaft etwas gefehlt. Der Islam hat diese Lücke gefüllt. Das heisst aber nicht, dass die drei Frauen den kulturellen Klischees entsprechen, die westlichen Medien – ob wahr oder nicht – über den Islam und moslemische Länder kolportieren.

Selbstbewusste Konvertitinnen

Nicht einmal Nora Illi, die mit Gesichtsschleier und Aussagen zu Polygamie provoziert, entspricht dem Bild einer unterdrückten und passiven Frau. Im Gegenteil: Sie wirkt selbstbewusst und eigenständig - wie die anderen beiden Konvertitinnen. Aus dem normalen Mädchen, das sich vegetarisch ernährte, ist eine normale Mutter und Teilzeit berufstätige Hausfrau geworden, die sich nun halal ernährt. Die Gründe für die Konversion mögen bei den drei Frauen unterschiedlich gewesen sein. Gemeinsam ist ihnen aber: Sie haben sich eigenständig für den Islam und seine Regeln entschieden und leben ein selbstbestimmtes Leben.

Diese Beobachtung deckt sich mit den Forschungsergebnissen von Petra Bleisch, die in ihrer Dissertation "Gelebte und erzählte Scharia in der Schweiz" untersucht hat, an welchen islamischen Normen sich konvertierte Frauen orientieren. "Alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sind recht kritisch gegenüber den Imamen", erzählt die Sozialwissenschaftlerin im Gespräch mit swissinfo.ch. "Sie lehnen die Geschlechter-Rollenvorstellungen der konservativen Imame ab." Egal wie streng sie die religiösen Vorschriften des Islams einhalten – kulturell wollen die Konvertitinnen ihre Lebensart offenbar selbst bestimmen.

Konvertiten und Konvertitinnen in der Schweiz

Wie viele Menschen in der Schweiz zum Islam konvertieren, darüber gibt es keine offiziellen Statistiken. Die Konversion zum Islam geschieht nämlich informell: Es genügt, das Glaubensbekenntnis zu sprechen und eine Ganzkörperwaschung vorzunehmen.

Es leben schätzungsweise 10'000 Islam-Konvertiten in der Schweiz, das sind 2 bis 4 Prozent der muslimischen Bevölkerung. Deutlich mehr Frauen konvertieren zum Islam als Männer. Nach dem 11. September 2001 gab es in der Schweiz wie in anderen westlichen Ländern einen klaren Anstieg von Konversionen. Die Gründe sind noch nicht geklärt.

Kontaktieren Sie die Autorin des Artikels auf Facebook oder Twitter @SibillaBondolfi.

Könnten Sie sich vorstellen, zum Islam zu konvertieren? Wir sind gespannt auf Ihre Antworten in den Kommentaren.


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