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Schattendiplomatie


"Geheimabkommen mit der PLO hat Schweiz nicht die Hände gebunden"


Von Samuel Jaberg (Mitarbeit von Ariane Gigon)



Dank Berner Geheimdiplomatie unblutig beendet: Im September 1970 kommen die 145 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder einer Swissair-Maschine, die von Palästinensern entführt worden war, in Jordanien frei. (Keystone)

Dank Berner Geheimdiplomatie unblutig beendet: Im September 1970 kommen die 145 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder einer Swissair-Maschine, die von Palästinensern entführt worden war, in Jordanien frei.

(Keystone)

Im September 1970 hatte Aussenminister Pierre Graber mit der PLO ein geheimes Abkommen geschlossen, um weitere Anschläge von Palästinensern gegen die Schweiz zu verhindern. Dies ergaben Recherchen der Neuen Zürcher Zeitung. Ein von der "Realpolitik" diktiertes und unmoralisches Vorgehen, das in diesen Jahren des Terrors auch andere europäische Staaten verfolgten.

September 1970: Kommandos der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) entführen drei Flugzeuge und zwingen diese zu einer Landung auf dem Flughafen Zerqa in Jordanien. Eines der entführten Flugzeuge war eine Swissair-Maschine.

Der Schweizer Aussenminister, der Sozialdemokrat Pierre Graber, nahm danach Kontakt auf mit Farouk Kaddoumi, Mitbegründer der Fatah, der Befreiungsbewegung von Yassir Arafat.

Graber tat dies, ohne seine Kollegen in der Schweizer Regierung zu informieren. Auch nicht seine damaligen Amtskollegen der anderen beiden betroffenen Länder. Diese hatten sich für ein konzertiertes Vorgehen in der Frage ausgesprochen. Dies schrieb der NZZ-Journalist Marcel Gyr, der jüngst eine detaillierte Recherche in Buchform zu den damaligen Ereignissen veröffentlichte - "Schweizer Terrorjahre. Das geheime Abkommen mit der PLO."

Der schon damals international sehr gut vernetzte Soziologe und Nationalrat Jean Ziegler - er war gerade mal 36 Jahre alt - und wie Aussenminister Pierre Graber Sozialdemokrat, fädelte den Kontakt ein. Das Resultat der geheimen Treffen, an denen unter anderem auch der Schweizer Bundesanwalt teilnahm, war ein Abkommen, gemäss diesem die Schweiz der Palästinensischen Befreiungsfront (PLO) helfen würde, bei der UNO in Genf ein informelles Büro einrichten zu können. Im Gegenzug würde die PLO dafür sorgen, dass militante Kommando-Gruppen keine Terroranschläge mehr gegen Schweizer Ziele verüben würden.

Nationale Sicherheit auf dem Spiel

"Es ging um eine Frage der nationalen Sicherheit. Ich verstehe, dass man versucht hat, Garantien für die Bevölkerung zu erhalten", erklärt François Nordmann, der ab 1975 diplomatischer Sekretär Grabers gewesen war. Er bezweifelt aber die Hypothese, wonach der Aussenminister seine Kollegen im Bundesrat nicht auf dem Laufenden gehalten habe.

Die Schweiz litt damals unter dem Trauma von Anschlägen palästinensischer Terroristen. Am 18. Februar 1969 war es auf dem Flughafen Kloten zu einer Schiesserei gegen eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El-Al gekommen. Der Pilot wurde getötet, ebenso einer der Attentäter, drei weitere wurden festgenommen.

Ein Jahr darauf, am 20. Februar 1970, explodierte in einer Coronado der Swissair, die von Zürich nach Tel Aviv fliegen sollte, kurz nach dem Start eine Bombe. Das Flugzeug stürzte in einem Wald bei Würenlingen im Kanton Aargau ab, 47 Personen kamen ums Leben. Im September 1970 folgte dann die Geiselnahme und Entführung einer Maschine nach Zerqa, die mit der Befreiung der 157 Passagiere an Bord schliesslich ein glückliches Ende nahm.

Der ehemalige Diplomat Yves Besson erinnert sich gut an die "Jahre des Terrors". In der Tat begann seine diplomatische Karriere 1970 als Praktikant im Aussenministerium EDA. Er bekräftigt, dass er nicht über das geheime Abkommen informiert worden sei.

Eine Anekdote sagt aber viel darüber aus, wie wenig vorbereitet die Schweizer Behörden damals auf die Anschläge palästinensischer Terroristen waren. "Wir erhielten eine Botschaft von den Hintermännern der Entführung der Swissair-Maschine nach Jordanien. Da niemand in der Verwaltung Arabisch sprach, mussten wir einen tunesischen Studenten in Genf bitten, die Botschaft zu übersetzen", sagt Besson.

Beziehungen zu Israel intakt

Diese terroristischen Anschläge hatten einen Einfluss auf die Verstärkung der Schweizer Präsenz im Nahen Osten, wie Besson bestätigt. Er wurde einer der ersten Schweizer Diplomaten, die eine Ausbildung in Arabisch erhielten. Später wurde er Direktor des UNO-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA).

"Die Aktionen der Palästinenser hatten einen gewissen Erfolg, denn sie führten dazu, dass ihre Anliegen in der Bundesverwaltung bekannt wurden. In der Folge wurden Botschafterposten in Bagdad, Damaskus und Amman geschaffen, einige Jahre später auch in Saudi-Arabien."

Mit dem Abschluss des geheimen Abkommens mit der PLO habe die Schweiz aber weder ihre Autonomie noch ihre Neutralität in Gefahr gebracht, findet der ehemalige Diplomat. In den Augen Bessons war es jedoch richtig, dass das Abkommen geheim gehalten wurde. "Alle Passagiere des nach Jordanien entführten Flugzeugs kamen sicher und unverletzt frei. Das ist das Wichtigste, auch wenn alle wussten, dass die Palästinenser nie das Flugzeug voller Passagiere in die Luft gesprengt hätten."

Der Nahost-Experte Pascal de Crousaz teilt diese Ansicht: "Das Geheimabkommen mit der PLO hat der Schweiz nicht die Hände gebunden. Die Eidgenossenschaft hatte damit auch nicht plötzlich die Seiten gewechselt. Sie pflegte weiterhin enge Beziehungen mit Israel, sowohl auf diplomatischer Ebene, als auch militärisch und zivil." 

Wird Geheimnis um Würenlingen-Absturz endlich gelüftet?

Nach dem Drama von Würenlingen hatte der mit dem Dossier betraute Zürcher Untersuchungsrichter die Schuld einem Mitglied der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) angelastet. Zum grossen Bedauern der Familien der Anschlagsopfer erhob der Bundesanwalt jedoch nie Anklage gegen den Verdächtigen.

Auch wenn er keine formelle Beweise dafür hat, schätzt der NZZ-Journalist Marcel Gyr, dass wahrscheinlich zwischen der Inaktivität des Bundesanwalts und dem im September 1970 geschlossenen geheimen Abkommen zur Verhinderung weiterer palästinensische Terroranschläge gegen Schweizer Ziele eine Verbindung bestand. Er fordert daher die heutige Regierung auf, sämtliche Archive zu öffnen, um endlich Licht ins Dunkel zu bringen und diese Tragödie restlos aufzuklären.

Und Jean Ziegler erklärt seinerseits: "Dieses Buch gibt den Kindern und Grosskindern der Opfer von Würenlingen endlich die Mittel, zu erfahren, was passiert ist."

Denn, ruft de Crousaz in Erinnerung, "die beiden Länder standen sich sehr nahe, sahen sich beide als 'Sonderfall', umgeben von feindlichen Staaten. Zudem gab es in der Schweiz eine natürliche protestantische Empathie für die Schaffung eines jüdischen Staates, die über die sprachlichen und politischen Grenzen hinausging."

Die Schweiz war zudem auch nicht der einzige Staat, der mit palästinensischen Extremisten verhandelt hatte. Auch andere Regierungen schlossen während der grossen Terrorwelle der 1970er-Jahre ähnliche Abkommen. "Frankreich und Deutschland betrieben eine aktive Politik, um den Terrorismus von ihren Territorien fernzuhalten, vor allem, indem sie im Namen der Staatsräson palästinensische Gefangene frei liessen. Das war vor allem nach der blutigen Geiselnahme bei den Olympischen Spielen von München 1972 der Fall", erklärt de Crousaz.

Keine "Alleingänge"

Die Schweiz, sagt de Crousaz weiter, habe sich auch nicht im Alleingang für die Anerkennung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) eingesetzt, und ihre Positionen in Nahost-Fragen hätten sich kaum von der ihrer europäischen Nachbarn unterschieden. Im Gegenteil, es seien die neun Mitglieder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gewesen, die zum ersten Mal, in der Erklärung von Venedig vom 13. Juni 1980, eine politische Vision öffentlich machten, die das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung in einem von Israel separaten Staat anerkannte.

Der heute 83-jährige Pierre Aubert, der 1978 im Aussenministerium die Nachfolge von Pierre Graber  antrat, erinnert sich bestens daran, wie er, ohne Freude, damit auch die Einladung an Farouk Kaddoumi für einen Empfang in Bern geerbt hatte. Die öffentliche Meinung gegenüber der PLO sei damals sehr feindlich gewesen. "Ich schrieb einen Brief an Jean Nordmann, den Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, um ihm zu erklären, dass die Initiative von den Palästinensern gekommen sei. Weder mein Departement, noch ich selber hatten diese Initiative ergriffen. Wir konnten uns diesem Begehren aber nur schwerlich entziehen."

Weiter erklärte der ehemalige Bundesrat, der Anfang der 1970er-Jahre die Gesellschaft Schweiz-Israel geleitet hatte: "Wir konnten auch den Platz, den die PLO, zu Recht oder zu Unrecht, innerhalb der arabischen Staaten einnimmt, nicht ignorieren. Es war unsere Pflicht, sämtliche Kommunikationskanäle offen zu halten. Ich versicherte Jean Nordmann auch, dass die meisten Gespräche auf Ebene hoher Beamter stattfinden würden, und dass wir das Existenzrecht Israels innerhalb sicherer und anerkannter Grenzen weiterhin unterstützen."

Keine Auswirkungen auf aktuelle Politik

In einer kurzen schriftlichen Stellungnahme gegenüber swissinfo.ch erklärt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), es habe Kenntnis genommen von den von der NZZ publizierten historischen Recherchen. Diese hätten aber "keinen Einfluss auf die aktuelle Politik der Schweiz im Nahen Osten", bekräftigte das EDA. Es sei "Aufgabe der Historiker, diese Ereignisse vollständig aufzuklären".

swissinfo.ch

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