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Schweizer Querkopf in Berlin Die Regeln da draussen sind nicht die seinen

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Frank Sippel vor der Berliner Malzfabrik

Frank Sippel vor der Berliner Malzfabrik.

(swissinfo.ch)

Der Aargauer Unternehmer Frank Sippel baute in Berlin einen kreativen Mikrokosmos, die Malzfabrik. Von dort aus beobachtet er die deutsche Politik und die Bundestagswahlen – halb fasziniert, halb irritiert.

Das politische Deutschland ist ihm fremd. Im ganzen Land kämpfen derzeit Parteien und Kandidaten um Prozente und Sitze im Deutschen Bundestag. Doch mit Frank Sippel Welt haben sie wenig Berührungspunkte. Dieser Schweizer in Berlin denkt politisch, sogar sehr, aber nicht in den gängigen Kategorien und Strukturen.

"Ich verstehe überhaupt nicht, dass das so problematisiert wird", sagt er etwa über die deutsche Flüchtlingspolitik. Die Debatten um Integration gehen für ihn am Punkt vorbei. Der ist, einfach an der Basis aktiv zu werden und Geflüchtete zu integrieren. In der Schweiz, so Sippel, werde das sehr viel selbstverständlicher praktiziert als in Deutschland.

Als der grosse Flüchtlingsstrom vor fast zwei Jahren ins Land kam, stellte der Unternehmer seinen Berliner Mitarbeitern frei, einmal in der Woche einen Tag in einer Kleiderausgabestelle zu arbeiten. "Das haben alle getan." Er stellte einen Flüchtling für die Gartenarbeit ein, dessen Tochter bekommt in der Malzfabrikexterner Link regelmässig Nachhilfe in Deutsch. "Wir versuchen hier im Kleinen, die Welt zu retten", sagt er.

"Eine Schweizer Insel in Berlin", nennt Sippel die Malzfabrik. Hier verwirklicht er seinen Traum. Vor 15 Jahren kam der Aargauer Immobilienentwickler zum ersten Mal nach Berlin und kehrte immer wieder zurück.

Auszeichnung für Nachhaltigkeit und Innovation

Die Malzfabrik war einst Europas grösste Malzproduktionsstätte. Bis 1996 verarbeitete hier die Berliner Traditionsbrauerei Schultheiss Gerste zu Malz.

Die von Frank Sippel gegründete Immobilien-Firma, die Real Future AG mit Sitz in Zürich, kaufte das Gelände 2005. Seit 2009 werden die alten Industriegebäude Zug und Zug renoviert und an Kulturschaffende, Handwerksbetriebe und Agenturen vermietet.

Neben den Gebäuden haben die Gesellschafter einen kleinen Teich für das mittägliche Erfrischungsbad ausgehoben, im 800 Quadratmeter grossen Gewächshaus wachsen jährlich über 350'000 ökologische Basilikumpflanzen.

Nachhaltigkeit und Kreativität sind die beiden Pfeiler, auf denen die Entwicklung der Malzfabrik ruht. 2012 erhielt das Projekt den renommierten "Location Award" unter 218 bundesweiten Bewerbern den 1. Platz in der Kategorie Nachhaltigkeit und Innovation.

Symbolisch dafür: Eine versteckte, fast verwunschene Ecke des Grundstücks verwandelten Freunde von Sippel in einen kreativen alternativen Garten. Er ist für alle offen, die ihn verantwortungsvoll benutzen, das war Sippels einzige Bedingung. "Wie eine Allmend in der Schweiz."

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Dort stiess er drei Jahre später auf eine stillgelegte Malzfabrik im Südwesten der Stadt, verliebte sich in das fast 50'000 Quadratmeter grosse Geländeexterner Link, kaufte es und baut seither die alten Backsteingebäude Zug um Zug um.

Nachteile der deutschen Gründlichkeit

Das über 100 Jahre alte Industriedenkmal hat ihm ermöglicht, sein Know-how aus der Immobilienbranche mit den für ihn essenziellen Themen Nachhaltigkeit, Kreativität und gemeinsames Gestalten zu verbinden. Die bereits umgebauten Flächen vermieten er und seine 20 Mitgesellschafter zu verträglichen Mieten oft auch an Künstler und Handwerksbetriebe, die seine Überzeugungen teilen.

Doch ausserhalb der Malzfabrik gelten andere Regeln: Bürokratie, Regularien, fehlende Freiräume – das erlebt er in Berlin weit stärker als in der Schweiz. Nicht nur, was den Umgang mit Geflüchteten betrifft, sondern auch in der Art, wie Geschäfte gemacht werden.

Die berühmte deutsche Gründlichkeit und Bürokratie – das sei zwar alles gut gemeint, aber eben auch sehr hemmend. "Geschäfte zu machen und zu führen, ist in der Schweiz so viel leichter", sagt Sippel. In den ersten sieben Jahren führte er all seine Firmen in Deutschland allein. "Ich hatte ständig Angst, etwas falsch zu machen", erinnert er sich. Nun erledigen das andere für ihn.

Jetzt kommen die Politiker

Auf dem Gelände der Malzfabrik findet an diesem Tag ein grosses Whiskyfestival statt. Auch die Bezirksbürgermeisterin und ein Stadtrat schauen vorbei, erblicken den Schweizer. Man wechselt freundliche Worte, die Lokalpolitiker betonen beiläufig aber wohl nicht zufällig ihren Beitrag zur Entstehung des so erfolgreichen Malzfabrik-Projekts.

"Geschäfte zu machen und zu führen, ist in der Schweiz so viel leichter."

Ende des Zitats

Später erzählt Frank Sippel, dass er durchaus auf Widerstände und bürokratische Hemmnisse bei der Realisierung seiner Idee gestossen sei. Dann erst, als seine Fabrik zum Vorzeigeprojekt avancierte und Preise für die Nachhaltigkeit und den Denkmalschutz gewann, kamen auch die Politiker und wollten sich ein Stück im Glanze sonnen.

Das Widerspenstige fehlt

Sippel sagt das ohne Verbitterung. Es ist nur eine weitere Bestätigung, dass die Regeln des Politikbetriebs da draussen nicht die seinen sind. Ihm geht es um etwas anderes, Umfassenderes. Nicht um ein erfolgreiches Immobilienprojekt, sondern um eine Weltanschauung, um die Verwirklichung einer Idee, die so gar nicht in die profitorientierte Immobilienwelt passt.

Den Erlös aus seinem letzten Firmenverkauf hat er für die Rettung des Amazonas gespendet. Wenn er seine Kollegen aus der Branche trifft, spürt er, wie wenig er mit ihnen gemein hat und dass sie seinen Ansatz nicht wirklich verstehen. Auch dies sagt er ohne Häme. Es ist einfach so.

Auch in den Debatten zwischen den Kanzlerkandidaten Angela Merkel und Martin Schulz vermisst er neue Ansätze und unkonventionelles Denken. Hier sieht der Aargauer Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland.

Berliner Politik erscheint Sippel wie eine "homogene Masse". Deutschen Politikern fehle aus Angst um Wählerstimmen und vor der Lobby häufig der Mut, abseits des Mainstreams zu denken. Die direkte Demokratie seiner Heimat lasse hingegen Raum für neue Ideen und Widerspenstiges. Sie mache ihn stolz, sagt er.

Auch der Stil des derzeitigen Wahlkampfs in Deutschland ist Frank Sippel fremd: "Fasziniert, überrascht, irritiert" sei er von der Art und Weise, wie hier lautstark um Macht gerungen werde.

swissinfo.ch

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