Sion 2026 Christian Constantins olympische Ambitionen


Von
Samuel Jaberg, Martigny


Visionär, utopisch oder schlicht verrückt? Christian Constantin will das Gelände der ehemaligen Raffinerie von Collombey-Muraz in eine ökologische Olympia-Stadt verwandeln.

Visionär, utopisch oder schlicht verrückt? Christian Constantin will das Gelände der ehemaligen Raffinerie von Collombey-Muraz in eine ökologische Olympia-Stadt verwandeln.

(Christian Constantin SA)

Am 7. März wird sich der Exekutivrat von Swiss Olympic zur Lancierung einer Schweizer Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2026 äussern. Nach dem Scheitern der Bündner Kandidatur an der Urne ist der Weg nun frei für die Walliser Kandidatur. Dahinter steckt Christian Constantin, umtriebiger Präsident des FC Sion und erfolgreicher Immobilien-Entwickler.

Der Gebäudekomplex Porte d’Octodure in Martigny – hier befinden sich nebeneinander die Verwaltung des symbolträchtigen Walliser Fussballklubs Sionexterner Link und das Architekturbüro von Christian Constantinexterner Link. Und seit zwei Jahren reift hier auch die Idee, erstmals nach fast 70 Jahren die Olympischen Winterspiele wieder in die Schweiz zu holen.

Christian Constantin

In jungen Jahren war der 60-jährige Unternehmer aus Martigny im Kanton Wallis Torhüter beim Nationalliga A-Klub Neuenburg Xamax.

Constantin ist seit 2003 Präsident des FC Sion. Dieses Amt bekleidete er bereits von 1992 bis 1997.

In dieser Eigenschaft gewann er mit Sion siebenmal den Cup und einmal die Schweizer Meisterschaft. Er ist besonders berüchtigt für seinen hohen Verschleiss an Trainern.

Laut der Westschweizer Tageszeitung Le Temps macht Constantin mit dem Bau von Einkaufszentren und Luxusresidenzen jährlich fast 200 Millionen Franken Umsatz.

Christian Constantin fehlt es nie an ehrgeizigen– oder laut seinen Kritikern an unverhältnismässigen – Projekten. Er hat unter anderem vor, das Areal der ehemaligen Raffinerie in Collombey-Muraz in ein Olympisches Dorf und später in eine ökologische Stadt der Zukunft zu verwandeln.

Constantin ist nach Sepp Blatter der bekannteste Walliser. Im Lauf der Zeit konnte er eine breite Unterstützung für sein Olympia-Projekt finden. "Sion 2026. Die Winterspiele im Herzen der Schweiz" soll in vier Kantonen durchgeführt werden: Wallis, Waadt, Bern und Freiburg. Geplant sind 17 Wettkampfstätten. Es wird beabsichtigt, die ganze Schweiz hinter der Olympischen Flagge zu vereinen.

Dennoch meldeten sich in den letzten Wochen viele kritische Stimmen zu Wort. Doch jenen, die ihm vorwerfen, er habe das Projekt nur gestartet, um sein Immobiliengeschäft anzukurbeln, entgegnet Constantin: "Ich möchte der Jugend Träume geben und künftigen Generationen ein Erbe hinterlassen."

swissinfo.ch: Sie sind als Fussballbegeisterter bekannt. Weshalb wollen Sie jetzt plötzlich Olympische Winterspiele im Wallis organisieren?

Christian Constantin: Ich bin zuallererst ein Sportfan. Und das Wallis versucht schon seit fast 50 Jahren, Olympische Winterspiele zu organisieren. Sions Niederlage gegen die Kandidatur von Turin 2006 hat für grosse Enttäuschung gesorgt.

Doch 20 Jahre später haben wir immer noch Lust darauf. Ich bin überzeugt, dass es in der Region, wo der Wintersport geboren wurde, Platz für authentische Olympische Winterspiele gibt. Was ist besser geeignet, die Berge und ihre Bewohner aufzuwerten, als ein solch verbindendes Projekt?

Er fasziniert oder irritiert: Christian Constantin ist eine Persönlichkeit, um die man im Kanton Wallis nicht herumkommt.

Er fasziniert oder irritiert: Christian Constantin ist eine Persönlichkeit, um die man im Kanton Wallis nicht herumkommt.

(Keystone)

swissinfo.ch: Seit den Winterspielen in Sotschi 2014 und jenen, die 2022 in Peking geplant sind, reimt sich Olympia mit Gigantismus. Ist die Schweiz wirklich bereit, ein Projekt in dieser Dimension durchzuführen?

C.C.: Man kann Sotschi 2014 und Sion 2026 nicht vergleichen. Wladimir Putin hat in Russland Unsummen investiert, um aussergewöhnliche Spiele zu veranstalten, indem er ganze Skigebiete von Grund auf neu bauen liess.

In der Schweiz blicken wir zurück auf über ein Jahrhundert Erfahrung im Wintersport, und alle Infrastrukturen bestehen bereits. Mit der Annahme der Olympischen Agenda 2020externer Link hat das IOC klar seine Intention zum Ausdruck gebracht, die Spiele wieder nach Europa zu bringen und sie in einer viel sinnvolleren und nachhaltigeren Dimension durchzuführen. Unser Projekt ist die perfekte Antwort auf diese Vision.

swissinfo.ch: Bevor Sie das IOC überzeugen, müssten Sie die Zustimmung des Volkes haben. Im Kanton Graubünden hat das Stimmvolk innerhalb von vier Jahren zweimal klar "Nein" zur Organisation von Olympischen Winterspielen gesagt. Wie werden Sie vorgehen?

C.C.: Ich denke, dass die Problematik der Volksabstimmung übertrieben wird. Die erste wichtige Etappe wird sein, die finanzielle Unterstützung der Eidgenossenschaft zu erhalten. Indem wir die Kreditgarantie von einer Milliarde Franken erhalten, die nicht für die Spiele in Graubünden verwendet wurden, können wir der Bevölkerung mit starken finanziellen Argumenten entgegentreten.

Wenn dazu noch die durch das IOC garantierten 650 Millionen Franken und die Einnahmen im Zusammenhang mit TV-Rechten und Sponsoring kommen, ist das operationelle Budget von etwas über 2 Milliarden Franken schon fast gedeckt.

Die nächsten Etappen

7. März: Wahl des nationalen Projekts durch den Exekutivrat von Swiss Olympicexterner Link

11. April: Ratifizierung der Wahl durch das ausserordentliche Sportparlament von Swiss Olympic

Herbst 2017: Entscheid des Bundesrats zu Inhalt und Form der Eidgenössischen Unterstützung einer Olympia-Kandidatur

Anfang 2018: Einreichung der Schweizer Kandidatur beim IOC

Sommer 2019: Auswahl der Gastgeberstadt durch das IOC

Februar 2026: Eröffnung der 25. Olympischen Winterspiele

Mit Ausnahme einer Sprungschanze in Kandersteg (Kanton Bern) und eines Eisschnelllauf-Rings in Aigle (Kanton Waadt) werden keine zusätzlichen Gelder für den Bau neuer Infrastrukturen nötig sein. Es muss deshalb nur eine einzige Volksabstimmung durchgeführt werden, nämlich im Gastgeber-Kanton (Wallis), vermutlich im Herbst 2018.

Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen, bei den Walliserinnen und Wallisern die Olympische Flamme wieder zu entfachen und dem IOC die Begeisterung zu zeigen, die um diese Kandidatur herum herrscht.

swissinfo.ch: Die Idee zu Sion 2026 stammt aus Wirtschaftskreisen, also von Personen, die potenziell ein direktes finanzielles Interesse an dieser Kandidatur haben. Haben Sie nicht Angst, damit einen gewissen Argwohn in der Bevölkerung zu wecken?

C.C.: Die Neider und Eifersüchtigen kann man leider nicht daran hindern, sich zu äussern. Doch man sollte sich vielmehr freuen, dass sich Personen für ein Projekt engagieren, von dem die Wirtschaft, der Sport und die Gesellschaft allgemein profitieren werden.

Ohne dabei den emotionalen Aspekt zu vergessen: Stellen Sie sich den Stolz vor, den unsere Athleten und unsere Jugend fühlen werden, wenn die Olympische Flagge über unseren Alpen wehen wird!

swissinfo.ch: Sie möchten auf dem Gelände der ehemaligen Tamoil-Raffinerie von Collombey-Muraz eine ökologische Stadt der Zukunft bauen. Gibt es da keinen Interessenskonflikt mit ihrer Rolle als Vizepräsident des Kandidatur-Komitees "Sion 2026"?

C.C.: Absolut nicht. Als Unternehmer fühle ich mich der Aufgabe verpflichtet, Ereignisse oder Orte zu schaffen, welche die Menschen brauchen, um ihren Lebenskomfort zu verbessern. Ich habe bereits für über 3 Milliarden Franken gebaut, deshalb geht es mir nicht um die paar hundert Millionen mehr.

Mein Ziel heute ist, mich in einem visionären Projekt zu engagieren, das eine nachhaltige Auswirkung auf die Region hat, in der ich geboren wurde. Die Tamoil-Raffinerie steht zum Verkauf, aber bevor ein einziger Nagel eingeschlagen wird, müssen bereits Millionen Franken investiert werden, um den Boden zu dekontaminieren. Es steht also jedem frei, ein Kaufangebot zu unterbreiten.

swissinfo.ch: Trotzdem: Die Olympischen Spiele könnten diesem Projekt als Beschleuniger dienen, einverstanden?

C.C.: Die Olympischen Winterspiele sind ein Beschleuniger für die ganze Region, nicht nur für dieses Projekt. Doch es stimmt, dass man ohne die Spiele Jahrzehnte brauchen würde, das Gelände der Raffinerie von Collombey-Muraz zu reinigen. Die Olympischen Spiele würden ermöglichen, die Prozedur der Ausserbetriebnahme der Raffinerie viel schneller anzugehen.

Das Olympische Dorf würde quasi als Brückenkopf für den Bau dieser ökologischen Stadt der Zukunft dienen, die während fast eines Vierteljahrhunderts Etappe für Etappe entstehen würde.

Was halten Sie von einer Kandidatur der Schweiz für die Olympischen Winterspiele 2026? Ihre Meinung interessiert uns!

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(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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