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Standpunkt Rassismus in der Schweiz: Perspektive einer "Expat" aus den USA

Frauen, Männer und Kinder am Start eines Solidaritäts-Rennens

Frauen, Männer und Kinder am Start zum Lauf gegen Rassismus, der im September 2018 in Zürich zum 17. Mal stattfand.

(Keystone)

Eine Afro-Amerikanerin, die in der Schweiz lebt, berichtet über rassistische Erfahrungen, die sie und ihre Kinder im Alltag machen.

Stapu Worrell

Standpunkt von Christine Worrell

Von Christine Worrell

Persönlich habe ich die Schweizer und Schweizerinnen als höflich, fröhlich und hilfsbereit erlebt. Und bereit dazu, auch Englisch mit mir zu sprechen, wenn mein einfaches Schweizerdeutsch mich im Stich lässt.

Ich fühle eher die Belastung, eine Ausländerin zu sein, welche die lokale Sprache nicht spricht, als den Rassismus. Aber die meisten SchweizerInnen, mit denen ich in Kontakt komme, sind Händler, und nett zu sein ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Stellenbeschreibung.

Die Ausland-Amerikanerin Christine Worrell lebt seit fünf Jahren mit ihrer Familie in der Schweiz.

Die Mutter von zwei Kindern und ehemalige Wirtschaftsanwältin ist zurzeit Vorstandsmitglied in drei gemeinnützigen Institutionen in der Schweiz.

Sie liebt Reisen, Lesen und Kochen. Neben Englisch spricht sie fliessend Italienisch und versucht weiterhin, Deutsch zu lernen.

(Christine Worrell)

Obwohl meine Tochter und mein Sohn, im Vor-Teenage- und Teenage-Alter, die internationale Schule besuchen, sind sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, reisen für Sportturniere in andere Teile der Schweiz und verkehren mit Schweizer Kindern. Sie sind viel stärker in die Schweizer Gesellschaft integriert als ich. Und sind wegen ihrer Rasse auch schon zu Opfern geworden.

Ich werde die Tränen und die Empörung meines Sohnes nie vergessen, als er mir von seiner ersten Erfahrung mit Rassismus berichtete, die er in der Schweiz machte. Er war unterwegs zum See, um ein paar Freunde zu treffen, als eine Frau ihre Handtasche an sich klammerte und die Strassenseite wechselte, damit sie nicht in seine Nähe kam.

Mein lustiger, kluger Junge mit seinem Engelsgesicht wurde als jemand betrachtet, dem man aus dem Weg gehen sollte, jemand, der eine Bedrohung war, jemand, der wegen der Farbe seiner Haut nicht hierher gehörte.

Die Sache mit rassistischen Vorfällen ist, dass man immer wieder irgendwie davon überrascht wird, obschon man als nicht-weisse Person eigentlich immer auf der Hut ist.

Ich machte mir Vorwürfe, dass ich mit meinem Sohn "das Gespräch" noch nicht geführt hatte, das alle schwarzen Eltern mit ihren Kindern führen müssen, um sie auf den Tag vorzubereiten, an dem sie negativ wahrgenommen und/oder wegen ihrer Hautfarbe anders behandelt werden.

Irgendwie hatte ich gedacht, noch mehr Zeit zu haben, oder dass alle, die meinen gutaussehenden Sohn ansehen würden, ihn auch als das sehen würden, was er tatsächlich ist – ein grossartiges Kind.

Ich erinnere mich, wie ich ihm an diesem Tag erklärte, dass die Schande des Rassismus bei der Person liegt, welche die rassistische Handlung begeht, und nicht bei der Person, die dem Rassismus ausgesetzt wird.

Ich erklärte ihm, dass Rassismus auf Hass oder Ignoranz beruht, und dass wir Menschen mit Hass im Herzen oder mit unwissendem Geist bemitleiden sollten.

Zwischenfall mit Busfahrer

Das nächste Mal, als er sich mit einer ernsthafter rassistischen Handlung konfrontiert sah, war ich in der Lage, den Vorfall anzusprechen. Er hatte an der Haltestelle in der Nähe seiner Schule – und eines Flüchtlingszentrums – auf den öffentlichen Bus gewartet. Obschon er signalisierte, hielt der Busfahrer nicht an, sondern lachte und zeigte meinem Sohn den Stinkefinger, als er an ihm vorbeifuhr.

Angetrieben von meiner Wut und dem Wunsch, meinem Sohn beizubringen, dass es im Leben wichtig ist, sich gegen unakzeptables Verhalten zu wehren, kontaktierte ich die Schule und das Busunternehmen und beschwerte mich.

Glücklicherweise nahmen mich beide Institutionen ernst. Sie trafen sich mit uns, es kam zu einer Untersuchung, und der Busfahrer wurde schliesslich gefeuert. Es stellte sich heraus, dass dies nur der letzte in einer Reihe von Verstössen seinerseits gewesen war.

Ich ärgerte mich zwar darüber, dass ein Busfahrer mit einer Geschichte von unangemessenem Verhalten weiterhin beschäftigt worden war und eine Strecke zugeteilt erhalten hatte, auf der er Kinder herumfuhr. Letztlich war ich aber zufrieden mit der Lösung in der Angelegenheit.

Ich stelle mir aber oft die Frage, ob der Vorfall ernstgenommen worden und das Ergebnis dasselbe gewesen wäre, wenn mein braunhäutiger Junge tatsächlich das Flüchtlingskind gewesen wäre, für das er wahrscheinlich gehalten wurde, und wenn er nicht den Vorteil gehabt hätte, dass eine internationale Schule seine Aussagen unterstützte. Ich werde es nie wissen.

Meine Tochter ist ebenfalls nicht gegen negative Erfahrungen gefeit, auch wenn sie ein Mädchen ist. Als sie in einem öffentlichen Bus stand, wurde sie einmal von einem Schweizer Jungen zu Boden gedrückt und als "Nigger" bezeichnet.

Sie hatte vor diesem Angriff keine Interaktion mit diesem Jungen gehabt und nur mit ihrer Freundin geplaudert. Zum Glück sprach diese fliessend Deutsch, und während meine Tochter den Jungen auf Englisch in die Schranken wies, tat ihre Freundin dasselbe in Deutsch.

Ich war stolz, dass sie einem rassistischen Rüpel die Stirn zeigte, hatte aber auch Angst, dass sie beim nächsten Mal (und ich bin sicher, dass es ein nächstes Mal geben wird) allein sein könnte und der Junge vielleicht nicht bereit wäre, aufzuhören.

Ungleicher Zugang

Durch die Einwanderung ist die Schweiz ethnisch vielfältiger geworden. Heute leben schätzungsweise 100'000 Schwarze in der Schweiz.

Die Schweiz hat eine einzigartige Gelegenheit, aus den Fehlern der USA mit ihrer toxischen Rassengeschichte zu lernen, aber auch von ihren europäischen Nachbarn, von denen viele es versäumt haben, einerseits bedeutende afrikanische und arabische Einwanderungspopulationen erfolgreich zu integrieren und andererseits die einheimische Bevölkerung in Sachen Toleranz und Akzeptanz zu unterrichten.

Die Schweizer Regierung unternimmt Schritte, um das Thema Rassismus in der Schweiz zu verstehen. Dies ist ein erster Schritt, um das Problem zu lösen.

Eine Untersuchung der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR)externer Link kam unter anderem zum Schluss, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe nicht den gleichen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, Wohnen, Arbeit oder zu Rechtsschutz haben. Zudem seien Schwarze in der Schweiz besonders betroffen von Racial Profiling durch Sicherheitsbehörden.

Trotz diesen Erkenntnissen betrachteten 51% der befragten Schweizer in einer Umfrage von 2017 Rassismus gegen Schwarze als geringes Problem.

Rassismus gibt es vielerorts, nicht zuletzt in meiner Heimat, den USA. Aber wo auch immer, Rassismus ist eine gesellschaftliche Krankheit, die unterdrückt und ausgerottet werden muss, Rassismus darf keine Wurzeln schlagen, denn sonst wird er zum Schaden der Gesellschaft wie ein Unkraut gedeihen und sich ausdehnen.

Eine Empfehlung der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI)externer Link des Europarats, dem auch die Schweiz als Mitglied angehört, besagt, dass Rassismus ohne ein Engagement der "Zivilgesellschaft" nicht bekämpft werden kann.

Ein Top-down-Ansatz hat nur wenig Chancen auf Erfolg, aber das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern ist entscheidend. Nach Ansicht des ECRI ist es für das Verständnis und die Bekämpfung des Problems auch entscheidend, die diskriminierenden Erfahrungen und Wahrnehmungen potenzieller Opfer von Rassismus zu erheben.

Es ist vor diesem Hintergrund, dass ich hier über meine Erfahrungen berichte. Ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist, die Geschichten, Perspektiven und Erfahrungen meiner Familie zu teilen, um ein besseres Verständnis dafür zu schaffen, wie es ist, schwarz und braun zu sein und in der Schweiz zu leben.

Meine Tochter kehrte jüngst von einer Reise mit der Schule nach Tansania in die Schweiz zurück. Als mein Mann sie fragte, welcher Teil der Reise den grössten Eindruck hinterlassen habe, überraschte uns ihre Antwort. Sie erklärte, sie sei beeindruckt gewesen, wie glücklich und froh die Menschen waren.

Sie hatten nur sehr wenig, waren aber dennoch sehr freundlich und grosszügig und hiessen die internationalen Schülerinnen und Schüler willkommen, die sie besuchten, um ihre Kultur kennenzulernen. Wäre es nicht wunderbar, wenn die Schweiz Neuankömmlinge aller Rassen mit dem gleichen Geist der Offenheit und der Akzeptanz behandeln könnte?


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

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