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Rassismus-Debatte Weisse Schweizer Nostalgie

Maskierte Person mit Tuba

Ein Mitglied der Mohrenkopf-Clique am Basler Fasnachts-Umzug.

(Keystone)

Die Schweiz gefällt sich seit Jahrhunderten im Selbstbild als Insel der Ruhe und des Friedens, den Stürmen der Geschichte enthoben – auch sprachlich. Eine Analyse anlässlich der Schweizer Debatte über das Wort "Mohrenkopf".

Am letzten Wochenende marschierten mehrere Hunderte Menschen durch Basel. Sie solidarisierten sich mit zwei Karnevals-Musikgruppen, "Negro-Rhygass" und "Mohrechopf".

Beide verwenden als Maskottchen das klischierte Bild eines Schwarzen mit wulstigen Lippen und Knochen im Haar – weswegen ihnen vorgeworfen wurde, rassistische Symbole aus der Kolonialzeit zu benutzen. Die Karnevalsgruppen haben ihre Internet-Auftritte vom Netz genommen. Sie diskutieren nun intern über ihre Signete und Namen.

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Umstrittene Süssigkeiten

Logo der Fasnachts-Clique "Negro Rhygass" aus Kleinbasel.

(zVg)

Sowohl "Negro" als auch "Mohrenchopf" sind umstrittene Begriffe. Mit "Mohrenkopf" wird eine Süssspeise bezeichnet: Eine weisse und süsse Masse in Schokolade eingepackt.

Das Dessert wurde in Deutschland zu Kolonialzeiten im 19. Jahrhundert erfunden – dort heisst es aber mittlerweile hauptsächlich "Schokokuss" statt wie früher "Negerkuss". Auch in der französischsprachigen Westschweiz spricht man heute eher vom "tête de chocolat" und nicht mehr vom "tête de négre".

In der Deutschschweiz wird die Bezeichnung "Mohrenkopf" aber zunehmend politisch aufgeladen: Die Süssigkeit war bereits letzten Sommer Objekt einer Kontroverse, als eine Internet-Petition einen beliebten Hersteller im Aargau dazu bringen wollte, seine "Mohrenköpfe" anders zu benennen.

Dessen standhafte Weigerung führte schliesslich dazu, dass die Verkaufszahlen rapide anstiegen: Kunden assen aus "Solidarität" mit dem von vielen als rassistisch empfundenen Wort trotzig mehr Schokoküsse, und junge Mitglieder der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei, deren Exponenten auch schon das Wort "Neger" als Provokation verwendet haben, verschenkten "Mohren-Köpfe" in Fussgängerzonen.

So wurde auch am letzten Freitag kräftig zugelangt: Eine Baselbieter Firma, die ihr Produkt auch immer noch "Mohrenkopf" nennt, nutzte die Demo als Werbe-Event und verteilte fast tausend Schaumküsse. Das Essen von Schokoküssen wird langsam zu einem Protestsymbol.

Weisse Nostalgie

Am Solidaritätsmarsch letzten Freitag in Basel sind auch einige wenige Leute mit SS-Runen und neonazistischen Tattoos mitgelaufen und nutzten den Anlass als anti-antirassistische Demonstration – ungehindert von anderen Teilnehmern, aber scharf kritisiert von den Musikgruppen.

Doch die meisten Demonstranten marschierten wohl nicht offen gegen schwarze Menschen, sondern wohl für das Recht, weiterhin unbehelligt Wörter und Symbole zu verwenden, die früher noch nicht kritisiert wurden: Es geht um weisse Nostalgie in einer Gesellschaft, in der auch Gruppierungen, die später gekommen sind, ihre Stimme erheben.

Der kritisierte Schaumkuss-Fabrikant meinte, man habe halt immer schon "Mohrechopf" gesagt. Die Karnevalsmusikanten beziehen sich auf ihr Gründungsjahr, beide Gruppen gibt es seit über 60 Jahren. Die Verteidiger der Karnevalsmusikanten beziehen sich auf deren lange zurückliegende Gründung: So meint der Chefredaktor der Basellandschaftlichen Zeitung: "Schwarze sahen für uns wirklich so aus, wie das Logo der Guggenmusik Negro Rhygass".

Oft wird gesagt, damals seien diese Wörter und Bilder noch harmlos gewesen, und durch die Dauer der Verwendung seien die Namen nun halt Tradition. Bezeichnend ist ein Transparent, das am Rande der Demo zu sehen war: "Hände weg von unseren Kulturgütern" – die kritisierten Wörter und Bilder als Teil einer zu verteidigenden Kultur.

Comicstrip mit links Globi und rechts drei Afrikanern, die sich hinter einem Busch verstecken. Überschrift: 'Neger in Sicht'

Ausschnitt aus "Freund Globi im Urwald", erschienen 1950.

(zVg)

Teil der Schweizer Kindergeschichten

Tatsächlich sind sie Teil "unserer" Kultur. Jener, mit der wir aufgewachsen sind. In den Schweizer Kindergeschichten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wimmelt es von Karikaturen schwarzer Menschen. Kasperli besuchte "Negerli" in Afrika, die nicht so schlau waren, komisch redeten. In den Geschichten der erfolgreichen Schweizer Comicfigur Globi tauchen Schwarze auch nur als wilde Deppen auf.

Und die nationale Märchentante Trudi Gerster erzählte vom jungen Afrikaner Wumbo-Wumbo unter dem Titel "Vom dumme Negerli". Später wurde sie unter Murren dazu gebracht, den Satz beizufügen: "Nicht dass ihr glaubt, dass alle Neger-Kinder dumm sind. Manche werden sogar Professor."

Kinderbücher und ihre Editionen finden selten Eingang in die Kulturteile von Zeitungen – das ändert sich aber immer, wenn man als rassistisch empfundene Wörter streichen will: Änderungen am Vokabular von Kindergeschichten werden dann mit Verwüstungen von Kulturgut verglichen.

Dabei schwingt immer eine Klage über den Diebstahl der Kindheit mit. Die, denen vorgeworfen wird, Rassismus nostalgisch oder traditionell zu verharmlosen, machen sich zu Opfern, denen ein Teil von Früher weggenommen wird. Dass Oma noch "Neger" sagen durfte, wird auf die gleiche Ebene gestellt wie der Duft ihres Zwetschgenkuchens.

Schallplatten-Hülle Kasperlitheater Nr. 7: "De Schorsch Gaggo reist uf Afrika".

(zVg)

Die Schweiz als historische Insel

Der Einwand, dass diese Wörter und Bilder eine komplexe, gewalttätige Geschichte haben, wird oft damit abgeschmettert, dass das für die Schweiz nicht zutreffe. "Neger" habe mit der Geschichte der Sklaverei an sich erstmal nichts zu tun – insbesondere, weil man in der Schweiz weder Sklaven, noch Kolonien gehabt hätte.

Mit ähnlicher Gelassenheit verwendete man in der deutschen Schweiz das Wort "Propaganda" für Werbung noch lange nach 1945 ohne negative Bedeutung, und bis in die 1980er-Jahre erzählte so mancher Lehrer, er ginge im Herbst ins "Konzentrations-Lager" – und meinte damit eine intensive Arbeitswoche mit Schülern und Schülerinnen.

Die Schweiz gefällt sich seit Jahrhunderten im Selbstbild als Insel der Ruhe und des Friedens, den Stürmen der Geschichte enthoben – auch sprachlich. Man hat mit diesen Geschichten – Sklaverei, Kolonialismus, Holocaust – ja nichts zu tun gehabt: Das spiegelt sich auch in einem – aus internationaler Perspektive – unbedarften Sprachgebrauch.

Baldwin in Leukerbad: Rassismus in der Schweizer Idylle

Oft wird in diesen Diskussionen der Eindruck vermittelt, dass Wörter wie Neger oder die herabsetzende Darstellung von Schwarzen erst im Rückblick der Kritik rassistisch gemacht worden sind: Von wehleidigen Betroffenen, linken Politikern und bösartigen Historikern.

Einen Einblick darein, wie es sich anfühlte, als Schwarzer durch die Schweizer Idylle der 1950er zu laufen, liefert der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin, der zu Beginn der 1950er-Jahre im Schweizer Dorf Leukerbad an einem Buch arbeitete – ein Freund hatte ihn eingeladen.

Baldwin wurde gewarnt, dass er eine Attraktion für die Dorfbewohner sein würde – doch er hatte nicht damit gerechnet, was für ein Spektakel er darstellen sollte. Nach einer gewissen Weile habe das ganze Dorf seinen Namen gekannt, "doch sie nutzten ihn kaum, alle wussten, dass ich aus Amerika komme, doch niemand glaubte es recht: Schwarze Männer kommen aus Afrika."

Man fasste ihm dauernd ins Haar, manche fürchteten, er würde Holz oder Dorfschönheiten stehlen. Baldwin versuchte innerlich die Kinder zu entschuldigen, die hinter ihm herrannten und "Neger! Neger!" schrien: Sie wüssten nicht, welche "Echos dieser Sound in mir hervorruft".

Er versuchte sich darin, den Rassismus auch der erwachsenen Dorfbewohner mit ihrer Naivität, mit ihrer eigenen Entfernung von der Geschichte zu erklären: Auch er versucht, die Schweizer zu den unschuldigen Naturkindern zu erklären, die abseits der Geschichte stehen. Und doch ärgerte er sich und war gekränkt – dabei sei es doch, schreibt er, der wichtigste Teil der "Erziehung jedes amerikanischen Schwarzen, dass er Leute dazu bringen muss, ihn zu mögen".


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