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Vom Iglu zum führenden Forschungs-Institut




Lawinen-Forscher in Davos bei der Arbeit. (Keystone)

Lawinen-Forscher in Davos bei der Arbeit.

(Keystone)

In einem Iglu in Davos führte eine kleine Gruppe von Wissenschaftern 1936 ihre ersten Schnee-Experimente durch. Ziel war es, mehr zu lernen über die tödliche Bedrohung durch Lawinen.

Aus den einfachen Anfängen hat sich im Lauf der Jahre das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) entwickelt.

Heute geniesst das SLF über die Landesgrenzen hinaus einen Ruf für seine Expertisen. Zu den bekanntesten Dienstleistungen gehört das Lawinenbulletin, das nicht nur Skifahrende, sondern auch Sicherheitsverantwortliche und Bergführer über die aktuelle Lage in den Schweizer Alpen informiert.

Der frühere Höhenkurort Davos mag heute vor allem als Veranstaltungsort des World Economic Forum (WEF) bekannt sein, allenfalls noch als Handlungsort im Roman Der Zauberberg von Thomas Mann.

Davos ist aber auch die Basis des SLF, und an einem frischen, sonnigen Morgen im März kann man gut verstehen weshalb. Die schneebedeckten  Berge, die Davos umgeben sind, wie es auch auf der SLF-Website heisst, Teil des natürlichen Labors des Instituts.

Neben dem Davoser Institut gibt es weltweit nur noch zwei andere ähnliche Institutionen, in Frankreich und in Indien. Das Schweizer Institut ist von allen bei weitem das älteste.

"Verschiedene Faktoren hatten zu der Schaffung der Institution geführt", erklärte Jürg Schweizer, Leiter der SLF-Forschungseinheit Warnung und Prävention, bei einer Medienveranstaltung zum Jubiläum in Davos.

"Einerseits war der Winter 1930/31 extrem hart gewesen, zudem hatte der Tourismus nach der grossen Depression angezogen, in den 1920er-Jahren waren Wasserkraftwerke gebaut worden und viele Förster machten sich Gedanken darüber, wie man Lawinen verhindern könnte", erklärte Schweizer im Gespräch mit swissinfo.ch.

1931 wurde in Bern die Eidgenössische Kommission für Schnee- und Lawinenforschung gegründet. Bald einmal wurde klar, dass es für die Forschung auch Feldexperimente braucht. Die Wahl des Standortes fiel auf Davos, wo die ersten Experimente in einer einfachen Schneehütte im Dorf durchgeführt wurden.

Schnee-Pioniere

 

"Und natürlich schmolz das Iglu im Frühjahr 1936. Daher wurde entschieden, das Schneelabor auf das Weissfluhjoch oberhalb von Davos zu verlegen, wo auf einer Höhe von 2662 Metern über Meer eine Holzbaracke gebaut wurde", erzählte Schweizer.

1942 wurde auf dem Weissfluhjoch das erste Institutsgebäude errichtet, das als Hauptsitz des SLF diente, bis 1996 in Davos Dorf ein neu erstelltes Institutsgebäude bezogen wurde. Bis heute dient das Gebäude auf dem Weissfluhjoch weiter der Forschung.

In den frühen Jahren konzentrierte sich die Forschung des Instituts auf die Bereiche Entwicklung der Schneedecke, Schneemechanik, Bildung von Lawinen und die kristalline Struktur und Umwandlung von Schnee.

"Es war eine neue Forschungsrichtung, denn das Gebiet als solches hatte es zuvor nicht gegeben. Die meisten Forscher waren Ingenieure mit einem Hintergrund in Geotechnik oder Mineralogie. Zudem gab es einen Geologen und einen Meteorologen."

"Aber die Zusammenarbeit war offensichtlich sehr ertragreich, sie hatten ihre eigenen Werkzeuge und Ausrüstungen mitgebracht und diese für die Forschung im Schnee angepasst. Und innerhalb von einigen Jahren machten sie unglaubliche Fortschritte in ihrem Wissen und Verständnis von Schnee."

Lawinenbulletin

1945 übernahm das SLF die Verantwortung für die Lawinenbulletins von der Armee, die während des Zweiten Weltkriegs einen Lawinendienst aufgebaut hatte, um die Schweizer Truppen, die in den Alpen stationiert waren, vor Lawinengefahren schützen zu können.

Bis 1950 gab es rund 20 Beobachtungsstationen, die den zivilen Lawinenwarndienst mit Daten für ein wöchentliches Bulletin belieferten. Verglichen mit den heutigen Standards war der Dienst elementar. Noch gab es zum Beispiel keine Lawinen-Gefahrenstufen. Erst 1993 wurde eine europaweit einheitliche Lawinengefahrenskala eingeführt. Heute gibt es vom SLF pro Tag zwei nationale Lawinenbulletins und eine Reihe regionaler Bulletins.

Der Katastrophenwinter von 1950/51, in dem es 98 Lawinentote gegeben hatte, markierte einen weiteren Umbruch. Unter Mithilfe des SLF wurden der bauliche Lawinenschutz sowie auch das Lawinenwarnungs-Netzwerk nochmals deutlich weiter ausgebaut.

Führende Stellung

Die verschiedenen Schutzmassnahmen wie modernere Verbauungen, aber auch Aufforstungsmassnahmen, führten dazu, dass die Zahl der Lawinentoten in Dörfern und auf den Strassen deutlich gesenkt werden konnte. Heute gibt es im Durchschnitt pro Jahr in den Schweizer Alpen noch etwa 25 Lawinentote, meist Leute, die abseits markierter Pisten unterwegs waren.

Das SLF ist heute ein international vernetztes Institut mit 130 Angestellten und einem Budget von rund 15 Mio. Franken. Seit 1989 ist es der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) angegliedert und gehört zum Bereich der Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH).

"Ich würde sagen, dass wir in den Bereichen, in denen wir heute aktiv sind, weltweit eine führende Stellung einnehmen, mindestens aber zu den zwei, drei Spitzenadressen gehören", erklärte SLF-Direktor Jakob Rhyner gegenüber swissinfo.ch.

Herausforderung Klimawandel

Das SLF arbeitet auch mit der Industrie zusammen, zum Beispiel, indem sie Skigebiete bei Fragen der künstlichen Beschneiung unterstützt, für den Fall, dass Frau Holle in der Skisaison mit der weissen Pracht geizt.

Auch mit dem Klimawandel befasst sich das Institut. Sollte es keinen Schnee mehr geben, würde es zwar keine Lawinen mehr geben. Das werde aber zumindest in den kommenden 50 Jahren wahrscheinlich nicht der Fall sein, erklärte Rhyner. Und in der Zeit werde sich die Natur der Lawinen weiter verändern.

"Wir werden in Zukunft sicher mehr Nassschneelawinen sehen, Schneematschrutsche, also eine Mischung aus Wasser und Schnee. Natürliche Bedrohungen, die von geschmolzenem Schnee ausgehen, Sturzfluten, Murgänge oder Steinlawinen dürften zunehmen. Und diese versuchen wir zumindest teilweise mit ähnlichen Methoden zu bewältigen wie Lawinen."

Schnee und Lawinen bleiben das Kerngeschäft des SLF, wie schon in dem Iglu in Davos vor 75 Jahren.

"Die Anforderungen an die Lawinenvorhersage und -warnung und für ein besseres Verständnis der Dynamik von Lawinen wachsen stetig. Denn die Mobilitätsbedürfnisse wachsen, und zudem möchten die Leute mehr Prognosen für einen längeren Zeitraum erhalten", erklärte Rhyner weiter.

"Auch nach 75 Jahren und sehr viel Forschung besteht Bedarf, das wissenschaftliche Verständnis von Schnee und Lawinen weiter zu vertiefen."

Schweiz-Kanada

Einer jüngst veröffentlichten Studie zufolge sterben Menschen in einer Lawine in Kanada nach kürzerer Zeit als in der Schweiz. Die Chancen, ein Lawinenunglück zu überleben, sind dennoch in beiden Ländern etwa gleich hoch, da es in der Schweiz länger dauert, bis Verschüttete aus der Lawine befreit werden.

Dass Menschen in Kanada in einer Lawine rascher sterben liegt der Studie zufolge unter anderem daran, dass der Schnee in Kanada oft dichter ist, was rascher zu einem Tod durch Ersticken führt. Zudem komme es aufgrund des oft bewaldeten Terrains in Kanada eher zu schweren Verletzungen.

Dafür werden Verschüttete in Kanada meist rascher aus den Schneemassen geborgen als in der Schweiz, sehr oft durch Ski-Kameraden, bevor Rettungsteams überhaupt eintreffen.

Insgesamt überleben laut der Studie in Kanada und in der Schweiz etwa gleich viele Verschüttete ein Lawinenunglück. Die Überlebensrate liege in beiden Ländern bei etwa 46 Prozent, heisst es in der vom Fachmagazin der "Canadian Medical Association" veröffentlichten Studie.

Forscher aus Kanada, Italien und der Schweiz hatten dazu rund 1250 Lawinenunglücke aus den Jahren 1980 bis 2005 untersucht, in denen Verunglückte von den Schneemassen vollständig begraben wurden.

Einst und heute

1936: Den Anfang machte eine Schneehütte in Davos Platz, gefolgt von einer Holzhütte mit Schneelabor auf dem Weissfluhjoch; sechs Angestellte (Ingenieure und Naturwissenschafter), Budget Winter 1935/36: 11'000 Franken (was heute etwa 88'000 Franken entspricht).

2011: Der Hauptsitz des Instituts steht in Davos Dorf, die Institution organisiert unter anderem Workshops, betreibt ein Lawinenwarnzentrum, ein Trainings- und Ausstellungszentrum und beschäftigt heute 130 Mitarbeitende aus aller Welt (Ingenieure, Naturwissenschafter, Techniker und Verwaltungs-Personal). Das Budget beträgt rund 15 Mio. Franken, 50% davon kommen von der Regierung.

Jubiläumsjahr: Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) feiert sein 75-Jahre-Jubiläum mit einer Reihe von Veranstaltungen. Die Anlässe erfolgen in Zusammenarbeit mit der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), der das SLF angegliedert ist und die 2010 ihr 125-Jahre-Jubiläum feiern konnte.

Der offizielle Festakt zum 75-Jahre-Jubiläum des SLF fand am 18. März in Davos statt. Am 20. März war die Öffentlichkeit eingeladen, sich einen Einblick in die verschiedenen Forschungsbereiche zu verschaffen, mit denen sich das SLF heute beschäftigt.


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch



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