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Gastland Schweiz an der CeBIT


Digitale Schweiz: Hochschul-Spinoffs, Sicherheit und Drohnen


Von Stephan Bader, Hannover


Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel tauchen gemeinsam ein in die virtuellen Welten. (Keystone)

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel tauchen gemeinsam ein in die virtuellen Welten.

(Keystone)

Die Schweiz ist erstmals Gastland auf der Digitalmesse CeBIT. Was für Unternehmen repräsentieren die digitale Schweiz? Wo stehen sie? Und was erhoffen sie sich vom Schaufenster CeBIT? Ein Messerundgang.

Nervosität macht sich breit im Schweizer Pavillon. Alles rückt noch einmal den Kragen zurecht und drängt sich an die schwarzen Absperrbänder, Polizei und Sicherheitsleute müssen Schaulustige zurückdrängen. Ständerat Ruedi Noser, als Präsident des Branchenverbands ICT Switzerland sozusagen Gastgeber beim Gastland, testet noch einmal das Mikrofon auf der Bühne. Sogar "wahnsinnig nervös" ist Elias Kleimann. Der Mitgründer des Zürcher Startups Wingtra wird gleich die Ehre haben, Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Schneider-Ammann seinen Flugroboter zu zeigen.

Das Beste von Flugzeug und Helikopter vereint

Dann sind die beiden Spitzenpolitiker da, und Elias Kleimann erläutert: "Die meisten Drohnen sind Quadrotoren, die aber ineffizient vorwärts fliegen. Unser Flugroboter kann genauso senkrecht aufsteigen, kippt dann aber ab und nutzt seine Tragfläche." So sei der Wingtra bis zu 100 km/h schnell und komme 60 km weit unterwegs. "Sie ergänzen also herkömmmliche Drohnen um die Eigenschaften eines Flugzeugs ", fasst die Bundeskanzlerin zusammen. Die Physikerin hat es verstanden. Dann zieht der Promitross weiter.

Kaufen kann man den orangen Flieger ab Anfang 2017. Es fehlen noch Flugstunden, um Extremfälle zu testen. Hier auf der CeBIT wolle man sich schon einmal zeigen, "damit im nächsten Jahr niemand ein minderwertiges Produkt kaufen muss", wie Kleimann schmunzelt.

Drohnen – Kleimann findet "Flugroboter" schöner – gehören zu den Trends auf der diesjährigen CeBIT. Mit montierten Sensoren und Kameras sollen sie etwa Landwirten helfen, Schädlingsbefall zu erkennen und Düngemittel effizienter einzusetzen. Für Deutschland wird in der digitalen Vernetzung landwirtschaftlicher Produktionsschritte ein Wertschöpfungspotenzial von drei Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren geschätzt. Später sollen Transporte von Medikamenten und Laborproben und irgendwann auch Paketzustellungen dazukommen. Dafür sind die Rahmenbedingungen derzeit noch zu unscharf.

Trend, das heisst auch Konkurrenzkampf. Doch Angst, überholt zu werden, hat Elias Kleimann wenig: "Der Wingtra hat ein sehr einfaches Design – das ist aber nur durch einen komplizierten Algorithmus möglich. Dieser Vorsprung ist nicht so leicht aufzuholen."

In einem Jahr ist sein Team bereits auf 24 Personen angewachsen, noch 2016 sollen es 40 werden. "Was wir am dringendsten suchen, sind gute Leute", sagt Kleimanns Kollege Leopold Flechsenberger. "Zuletzt haben wir einige ältere Kollegen gewonnen, die sich neu orientieren wollten. Davon gibt es hier vielleicht auch welche."

Bundespräsident Schneider-Ammann eröffnet Cebit

Gleich zwei Tage besuchte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann die CeBIT – das deutet an, welchen Stellenwert die Messe hat und welches Schaufenster es für die Schweiz bedeutet, sich dieses Jahr erstmals als Gastland präsentieren zu können. Der studierte Ingenieur fühlt sich aber offensichtlich auch einfach zu Hause in den Technik- und Digitalthemen.

Am Montag eröffnete Schneider-Ammann die Digitalmesse mit dem Deutschen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, am Dienstag begleitete er Bundeskanzlerin Angela Merkel auf deren traditionellem Messerundgang. Merkel beeindruckte am Schweizer Auftritt vor allem die Kultur der innovativen Spin-Offs aus den Hochschulen.

Auch Bildungs- und Forschungsministerin Johanna Wanka, Innenminister Thomas de Maizière sowie EU-Kommissar Günther Oettinger traf der Bundespräsident.

Die Schweiz und Sicherheit – das zieht

Nicht alle Schweizer Innovationen sind so leicht fassbar wie der Flugzeug-Helikopter-Hybrid. Der Schweizer Pavillon teilt sich die Halle 6 mit dem Schwerpunktbereich Security – das passt gut zusammen. Mobiles Bezahlen, Finanztechnologie, Datensicherheit sind Themen, in denen Schweizer Unternehmen stark sind. Es sind komplizierte und komplexe Themen, die am Bildschirm erklärt werden. Wie die meisten Neuheiten: Auf der CeBIT, die so lange nur als "Die Computermesse CeBIT" bekannt war, gibt es fast nichts mehr anzufassen.

Schutz gegen Hackerangriffe bietet ein tessinerisch-zürcherisches Startup. Das Problem drängt: Soviel wie 54 Gripen-Bomber kosten Cyberangriffe die Schweizer Wirtschaft jedes Jahr, ist auf dem Bildschirm am Xorlab-Stand zu lesen. "Ich staune immer wieder, wie einfach bestehende Sicherheitslösungen zu umgehen sind", sagt Mitgründer Marco Nembrini. Diese prüften schädliches Verhalten von Dateien.

"Doch wenn in meinem System bereits schadhafter Code läuft, ist es schon reichlich spät", so Nembrini. So genannten Client Side Attacks etwa, die oft den ersten Pflock im System des Angegriffenen einschlagen, seien diese Systeme nicht gewachsen. Xorlab scanne vorher – und auch ganz physisch ausserhalb der Problemzone: Das Programm läuft auf einem separaten Hardware-Element.

Xorlab ist noch kein Jahr alt. Nach den ersten Pilotkunden ist man nun bereit für den nächsten Schritt. Marco Nembrini berichtet von sehr guten Gesprächen in den ersten Messetagen. Die Schweiz und Sicherheit, das zieht.

Wingtra und Xorlab sind beide Spin-Offs der ETH Zürich. Ausgründungen aus den Hochschulen sind typisch für die Schweizer Innovation. Das ist auch der Bundeskanzlerin aufgefallen: "Da können wir etwas lernen", sagte Merkel in ihrem Abschlussstatement nach dem Messerundgang. Unter dem Dach der Hochschule können sich auch Startups auf der CeBIT präsentieren, die sich das sonst nicht leisten könnten: 281 Euro kostet ein Quadratmeter leere Standfläche mit Marketingumlage.

CeBIT 2016 und Horizon 2020

Sein CeBIT-Mammutprogramm nutzte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann auch, um für die Vollassoziierung der Schweiz in das EU-Forschungs- und Innovationsförderungsprogramm Horizon 2020 zu werben – ein erklärtes Ziel. In dem 80-Milliarden-Programm ist die Schweiz derzeit nur teilassoziierter Staat.

2014 war die Schweiz, die an den Vorgängerprogrammen der EU seit 1988 immer teilgenommen hat, vorübergehend sogar ganz ausgeschlossen. Grund war damals die Nicht-Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien nach der Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative. Nun ist das Kroatien-Protokoll seit wenigen Tagen unterzeichnet.

Gegenüber swissinfo.ch zeigte sich Schneider-Ammann optimistisch, bis Ende Jahr eine positive Lösung präsentieren zu können. Die Vollassoziierung ist erklärtes Ziel des Bundesrates.

Und die Grossen?

Natürlich besteht auch der Schweizer Auftritt nicht nur aus Startups. Die Post ist da, die nach eigenen Angaben 40% der DAX-Unternehmen mit ihren Mailroom-Produkten ausstattet und genau verfolgt, wie sich die Rahmenbedingungen für Drohnenflüge entwickeln. Seit einem Jahr führt sie Tests für den Paketversand der Zukunft durch.

Unter Druck steht die Swisscom: 400 Millionen Franken verliert das Unternehmen jährlich über Substitution und Preiszerfall. Es präsentiert sich deshalb verstärkt als Informatikdienstleister, der für Grosskunden ein "Ökosystem für die Digitalisierung" schaffen will. In der Schweiz ist die Swisscom bereits die Nummer 2 in diesem Geschäft, international spielt sie noch kaum eine Rolle. 

Keine konkreten Verkaufsabsichten haben die SBB. "Image", antwortet Informatikleiter Peter Kummer kurz und knapp auf die Frage, warum die Bahnen auf der CeBIT seien: Dessen Pflege sei wichtig im grenzüberschreitenden Kampf um gute Köpfe. Ein bisschen ist er aber doch auch zum Verkaufen da: Das Betriebsdispositionssystem der SBB könnte sich zum Exportschlager entwickeln, Deutschland und Belgien haben bereits Lizenzen erworben: Für das am dichtesten befahrene Schienennetz der Welt entwickelt, sei die Echtzeit-Zugsteuerung besonders präzise.

"Il faut créer le buzz"

Es wird kaum bestritten: Die Schweiz und die Schweizer Unternehmen haben eine gute Grundlage geschaffen, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. In keinem anderen Land investieren Politik und Wirtschaft so viel in die Digitalisierung, stolz führt man den Titel "Innovationsweltmeister" zu Markte. In Bereichen wie Finanztechnologie oder Datensicherheit ist die Schweiz führend.

Jetzt fehlt nur noch, dass die Welt darüber spricht. "Il faut créer le buzz", formuliert es Präsenz Schweiz-Chef Nicolas Bideau. Das ist, was sich die Schweiz und die Schweizer Unternehmen vom Auftritt als CeBIT-Gastland erhoffen. Doch für einen Hype, so Bideau, brauche man Produkt-Ikonen. "Die Drohnen haben vielleicht das Potenzial, solche Ikonen zu sein. Zur Marke Schweiz würde passen, wenn wir bei den Smart Watches eine führende Rolle einnehmen könnten."

Ein Satz, den man in diesen Tagen in Hannover häufig hört: Europa habe die erste Halbzeit der Digitalisierung verloren. Auf der CeBIT bestärken sich Deutschland und die Schweiz darin, dass ihre Stärken in der zweiten Halbzeit wieder an Wichtigkeit zunehmen werden: Weniger "Das Produkt reift beim Kunden", mehr Gründlichkeit, Funktionalität und Datensicherheit. Nun muss sich diese Botschaft nur noch verbreiten.

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