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Wohnen in 2000-Watt-Arealen


Die Siedlung der Zukunft ist heute schon Realität


Von Armando Mombelli



Das Quartier Erlenmatt West in Basel, das letzten Oktober fertiggestellt wurde, ist eines der ersten 2000-Watt-Areale in der Schweiz. Es enthält 574 Wohnungen und verschiedene Angebote, darunter ein Restaurant. (losinger-marazzi.ch)

Das Quartier Erlenmatt West in Basel, das letzten Oktober fertiggestellt wurde, ist eines der ersten 2000-Watt-Areale in der Schweiz. Es enthält 574 Wohnungen und verschiedene Angebote, darunter ein Restaurant.

(losinger-marazzi.ch)

Es ist möglich, den eigenen Energieverbrauch zu halbieren, ohne auf einen komfortablen Lebensstandard verzichten zu müssen. Zumindest entstehen in der Schweiz die ersten Areale, die mit den Zielvorgaben einer 2000-Watt-Gesellschaft einhergehen. Es geht um einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und Emissionen.

Das Bauprojekt Stöckacker Süd befindet sich in der Agglomeration Bern, in direkter Nähe zu einer Bahnlinie und einer Autobahn. Diese in Bau befindliche Siedlung ähnelt vielen anderen Bauprojekten in der Schweiz: Drei grosse Blockhäuser mit fünf oder sechs Geschossen und langgezogenen Balkonen auf einer Fassadenseite. Hier entstehen bis 2017 ganze 146 Wohnungen. Der erste Wohnblock wird bereits Ende Jahr bezugsbereit sein.

Auf den ersten Blick lässt sich nicht sehen, dass hier ein Wohnareal mit Pioniercharakter entsteht, das auf einen sehr geringen Energiekonsum ausgerichtet ist. Die Zielvorgaben entsprechen der "2000-Watt-Gesellschaft", in der eine Leistung von 2000 Watt pro Kopf auf Stufe Primärenergie festgelegt ist. In den kommenden Jahrzehnten sollte dieser Wert möglichst Standard werden.

Die Häuser sind mit recyceltem Zement gebaut und perfekt isoliert. Sie entsprechen dem Label Minergie-P-Eco, der nicht nur einen bedeutend geringeren Energieverbrauch als bei konventionellen Häusern garantiert, sondern auch auf Naturlicht oder die Verwendung strahlungsarmer Materialien Wert legt. Bereits beim Bau kommt der Umweltverträglichkeit eine grosse Rolle zu. Eine dichte Gebäudehülle und eine spezielle Wohnraumlüftung sorgen zudem für einen hohen Wohnkomfort.

2000-Watt-Gesellschaft

Die 195 Länder, die im Dezember 2015 an der Internationalen Klimakonferenz in Paris (COP 21) teilnahmen, haben sich auf ein Abkommen zum nachhaltigen Einsatz von Ressourcen und Energie geeinigt. Damit soll der globale Temperaturanstieg bis ins Jahr 2100 auf maximal 1,5 bis 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden.

Dieses Ziel lässt sich nur erreichen, wenn der CO2-Ausstoss pro Kopf und Jahr maximal 1 Tonne beträgt. Gemäss einem von der ETH Zürich erstellten Modell entspricht dies einer Leistung von maximal 2000 Watt pro Person an Primärenergie.

2000 Watt Leistung entsprechen einem Konsum von rund 17'000 Kilowattstunden Strom pro Jahr oder dem Verbrauch von 1700 Litern Erdöl. Heute beträgt der globale Mittelwert rund 2500 Watt.

Die künftigen Bewohner des Areals Stöckacker Süd müssen aber auch einige Einschränkungen im Vergleich zu anderen Wohnformen akzeptieren. So beträgt der Wohnraum pro Bewohner maximal 60 Quadratmeter. In der Einstellhalle sind nur 27 Parkplätze vorgesehen. Von diesen können nur 15 reserviert werden. Priorität haben mobilitätseingeschränkte Personen.

Nicht ohne Grund. Stöckacker Süd will auch ein Modell für nachhaltige Mobilität sein. Die Überbauung entsteht in direkter Nähe zu Haltestellen des öffentlichen Verkehrs. Für Velos gibt es 510 Abstellplätze – dies entspricht der Anzahl Zimmer.

Diese Einschränkungen scheinen potentielle Mieterinnen und Mieter nicht abzuschrecken. In Bern verfügt sowieso nur jeder zweite Haushalt über ein eigenes Auto. "Als wir das Bauprojekt lancierten, wurden wir gewarnt, dass wir nie genügend Mieter finden würden. Doch innerhalb weniger Monate haben die Anfragen das Angebot an verfügbaren Wohnungen weit übertroffen", sagt Renato Bomio, Leiter der Abteilung Immobilien Stadt Bern, welche das Projekt als Bauherrin lanciert hat. Selbstverständlich freut er sich über diese grosse Nachfrage.  

Nachhaltiger Einsatz von Ressourcen

Stöckacker Süd gehört zu den neun Überbauungen in der Schweiz, die als "2000-Watt-Areal" zertifiziert wurden. Dieses Label wird vom Bundesamt für Energie gefördert und vom Trägerverein Energiestadt vergeben. Es basiert auf einem energiepolitischen Gesellschaftmodell, das in den 1990er-Jahren an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) entwickelt wurde.

Demnach ist eine nachhaltige und gerechte Energieversorgung weltweit nur möglich, wenn der Energiebedarf pro Kopf nicht höher liegt als 2000 Watt. Eine mittlere Leistung von 2000 Watt pro Person entspricht dem Schweizer Mittelwert der 1960er-Jahre. Doch gemäss den Zürcher Forschern kann dieser Wert erreicht werden, ohne auf Komfort verzichten zu müssen, und dies dank neuer technischer Möglichkeiten und einer Reihe von Massnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz.

Die Schweiz ist allerdings noch weit von diesem Ziel entfernt. Nur zwei Prozent der Bevölkerung lebt mit einer Leistung von 2000 Watt oder weniger. Der Durchschnitt liegt bei 5000 Watt. Das ist weit weniger als in den USA, wo die Leistung pro Einwohner sogar 10'000 Watt übersteigt, aber wesentlich mehr als der mittlere Wert in Afrika (zirka 500 Watt).

Während die Industrienationen ihren Energieverbrauch stark drosseln müssen, haben Entwicklungsländer noch einigen Spielraum bis zu einem Wert von 2000 Watt. Gemäss dem ETH-Modell geht ab diesem Wert ein höherer Energieverbrauch nicht mit einer spürbar besseren Lebensqualität einher.

Die Vision einer 2000-Watt-Gesellschaft findet auch international immer mehr Anhänger. In der Schweiz orientieren sich der Bund und fast alle Kantone an dieser Vision. Mehr als 100 Gemeinden haben eine entsprechende Zielvorgabe in ihre kommunalen Regelwerke und Energiestrategien eingebaut. In einigen Städten wie Zürich, Zug oder Aarau wurde die entsprechende Energiestrategie sogar vom Stimmvolk in Abstimmungen gutgeheissen. Die Förderung von 2000-Watt-Arealen gehört in vielen Gemeinden zu prioritären Massnahmen, um einen nachhaltigen Einsatz von Ressourcen zu garantieren.

Vorteile für Investoren

Diese komplexen Überbauungen interessieren aber nicht nur die öffentliche Hand. Fast alle Bauprojekte werden von Privaten realisiert. Heinrich Gugerli, Projektleiter der Fachstelle für 2000-Watt-Areale, hält fest: "Das Zertifikat 2000-Watt-Areal bietet Investoren diverse Vorteile. Im Vergleich zu anderen Wohn-Grossprojekten ist es leichter, eine Baubewilligung zu erhalten. Generell gehen weniger Beschwerden gegen solche Projekte ein und sie werden von der lokalen Bevölkerung unterstützt, wenn es zu einer Abstimmung kommt." 

2000-Watt-Areale

Das Zertifikat für 2000-Watt-Areale wird vom Trägerverein Energiestadt vergeben, der vom Bundesamt für Energie geschaffen wurde, um den nachhaltigen Einsatz von Energie und den schonenden Umgang mit Ressourcen in Schweizer Gemeinden zu fördern.

Das Zertifikat erhalten Überbauungen von mindestens einem Hektar Grösse, die bestimmte Kriterien in Bezug auf Dichte, Nutzungsmischung und induzierte Mobilität erfüllen.

Bisher haben neun Überbauungen in sieben Städten das Zertifikat als 2000-Watt-Areal erhalten: Zürich, Basel, Bern, Luzern, Lenzburg, Kriens und Pilly/Renens. Zwei Siedlungen sind bereits fertig gestellt, während die anderen Projekte im Laufe des Jahres 2016 - zumindest teilweise abgeschlossen werden.

Für das Bundesamt für Energie stellen die 2000-Watt-Areale einen bedeutsamen Beitrag zur bundesrätlichen Energiestrategie 2050 dar.

Diese Haltung wird von Massimo Guglielmetti von der SBB-Abteilung für Immobilien geleitet. Diese Abteilung der Bundesbahnen entwickelt gleich neben dem Bahnhof Luzern das Areal Village Rösslimatt. "Das Zertifikat 2000-Watt-Areal stellt einen Mehrwert für das Marketing dar. Und dies nicht nur, um das Projekt in der Stadt zu promoten, sondern auch um Mieter anzulocken, denn mit diesem Label ist auch eine hohe Wohnqualität verbunden", sagt Guglielmetti.

Während die Gebäude der Berner Siedlung Stöckacker Süd für Heizung und Warmwasserversorgung mit Solarpanels und Wärmepumpen ausgerüstet sind, wird die Siedlung Rösslimatt in Luzern durch eine Fernwärmezentrale versorgt, die thermische Energie aus Wasser des Vierwaldstättersees nutzt.

Das Immobilienprojekt der SBB sieht eine Entwicklungs- und Bauphase über 20 Jahre vor. In dieser Zeit wird auf einer Fläche von vier Hektaren ein ganzes Quartier innerhalb der Stadt entstehen, das nicht nur aus Wohnungen besteht, sondern auch aus Büros, Läden und Restaurants. Sogar ein Hotel wird Teil der Anlage sein. Rösslimatt als künftiges 2000-Watt-Areal wird nur über sehr wenige Parkplätze verfügen. Die Siedlung wird in unmittelbarer Nähe zu Haltestellen des öffentlichen Verkehrs und einem Car-Sharing-Standort gebaut.

Ein angepasster Lebensstil

Der Erfolg der 2000-Watt-Areale wird aber auch vom Willen der Bewohner abhängen, den eigenen Lebensstil anzupassen. "Es geht nicht darum, dass nun alle Bewohner Veganer werden und auf alles verzichten müssen. Doch es ist wichtig, dass die Bewohner ein Bewusstsein für Energiekonsum entwickeln und beispielsweise Geräte mit einer hohen Energieeffizienz einsetzen", meint Renato Bomio.

"Das individuelle Verhalten der Bewohner lässt sich nicht durch einen Vertrag regeln. Doch es lassen sich Anreize schaffen, beispielsweise durch Zuschüsse für ein ÖV-Abonnement", ist Heinrich Gugerli überzeugt. "Natürlich lässt sich eine 2000-Watt-Gesellschaft nicht umsetzen, wenn jemand immer Vollgas gibt, den Fernseher stets laufen lässt und fünf Mal am Tag duscht. Aber jeder kann sich eine kleinen 'Makel' erlauben."   


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch

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