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"Die Polizei muss sich mit der Gesellschaft entwickeln"

Monica Bonfanti, Chefin der Genfer Kantonspolizei Keystone

Die neue Chefin der Genfer Kantonspolizei will die Reform des Korps zu einem guten Abschluss bringen, um den Bedürfnissen einer rasch wachsenden Stadt gerecht werden zu können.

Dieser Inhalt wurde am 15. Oktober 2006 - 09:56 publiziert

Monica Bonfanti bereitet sich aber auch auf den Grossanlass vor, der 2008 auf Genf und den Rest der Schweiz zukommt, auf die Fussball-EM. Ein swissinfo-Interview.

Mit Monica Bonfanti steht seit dem 1. August 2006 erstmals eine Frau an der Spitze der Genfer Kantonspolizei. Bestimmt, aber mit Fingerspitzengefühl führt die 36 Jahre alte Kriminologin die rund 1700 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Kriminalpolizei, der Gendarmerie, der Polizei für internationale Sicherheit und der Administration.

swissinfo: Wie interpretieren Sie Ihre Ernennung?

Monica Bonfanti: Ich glaube, dass meine Ernennung ein klares Zeichen für einen Wandel ist: Die Frauen von heute fühlen sich in der Lage und schrecken nicht davor zurück, Aufgaben zu übernehmen, die traditionellerweise an Männer gegangen waren.

Dieser Wunsch wird heute in der Gesellschaft besser akzeptiert als früher, vor allem in Genf, einer Stadt, die Frauen und Minderheiten gegenüber sehr offen ist. Ich selber stamme nämlich weder aus Genf, noch aus der Romandie.

swissinfo: Wie sind ihre ersten Wochen an der Spitze der Genfer Polizei verlaufen, einer Institution, die in den vergangenen Jahren von einer Führungskrise erschüttert wurde?

M.B.: Diese Krise hatte ich von innen miterlebt. Ich war ja vor dem 1. August dieses Jahres als Kripochefin für die Genfer Polizei tätig. Ich denke, dass wir die Probleme der vergangenen Jahre überwunden haben - mit Hilfe der Strukturreformen und der Personalwechsel.

Ich hatte auch Glück bei den ersten Dossiers, die ich an die Hand nehmen musste. Zum Beispiel das Thema der Deformations-Munition, um das ich mich schon auf meinem früheren Posten bei der Genfer Polizei gekümmert hatte.

swissinfo: Welches sind die grossen Herausforderungen der Genfer Polizei im organisatorischen Bereich?

M.B.: Wir müssen lernen, vermehrt vernetzt zu denken und weniger in Sektoren. Wir haben die Gendarmerie, die Kriminalpolizei, die Polizei für internationale Sicherheit sowie das administrative Personal.

Wir müssen verstärkt an die Missionen denken, die wir als Polizei zu erfüllen haben. Das ist es, was die Bevölkerung von uns erwartet. Wir müssen der Kirchturm-Politik innerhalb der Polizei ein Ende setzen.

swissinfo: Mit der Perspektive der Euro 2008 vor den Augen haben Sie ausländische Polizeikorps um Unterstützung gebeten? Wie sollen diese Kräfte eingesetzt werden?

M.B.: In erster Linie haben wir unsere Kollegen in der Romandie und im Tessin um Unterstützung gebeten. Aber wir werden sehr viele Sicherheitskräfte brauchen.

Vier Schweizer Städte sind von der Euro 2008 direkt betroffen: Genf, Bern, Basel und Zürich. Aber auch auf die anderen Städte im Land kommt zusätzliche Arbeit zu. So muss zum Beispiel im Fall der TV-Übertragung eines Spiels auf einer Grossleinwand ein Sicherheits-Dispositiv erstellt werden.

Aus diesem Grunde haben wir auch um Unterstützung aus Deutschland gebeten. Die Eidgenossenschaft ihrerseits bemüht sich, vor allem für Genf auf die Hilfe französischer Polizeikräfte zählen zu können.

Die Art und Weise der Sicherheits-Einsätze werden später von den Kantonen in Abstimmung mit der Eidgenossenschaft definiert.

Ich möchte hier anfügen, dass viele Probleme im Dialog gelöst werden können. Wir informieren uns auch über die Erkenntnisse, welche Soziologen aus ihrer Arbeit während der letzten Fussball-WM in Deutschland zogen. Es geht um Fragen wie, welche Haltung man Fans gegenüber einnimmt, und wie Spannungen abgebaut oder entschärft werden.

Auch sollten wir nicht vergessen, dass es sich um ein Fussball-Fest handelt, nicht um die Wiederholung des G8-Gipfels von Evian.

swissinfo: Genf ist in den letzten Jahren immer mehr zu einer Metropole geworden, welche die Kantonsgrenzen überschreitet. Bewegen wir uns auf eine regionale, grenzüberschreitende Polizei zu?

M.B.: Die Polizei muss sich mit der Gesellschaft entwickeln, das ist klar. Wir haben einen Dienst für strategische Studien, in dem sich Soziologen und Kriminologen mit diesen Entwicklungen befassen. Wir nutzen die Erkenntnisse unter anderem auch für die Anpassung unserer Strukturen und der Art und Weise, wie die Polizei vorgeht.

Das Zentrum für Polizei- und Zollzusammenarbeit erleichtert uns zudem die Zusammenarbeit mit unserem Nachbarn Frankreich. Und wir werden diese Kontakte weiter vertiefen.

Schon heute bewachen gemischte schweizerisch-französische Patrouillen die Grenzregion Genf. Dazu kommen verschiedene Ebenen, auf denen die Verantwortlichen aus Genf und den französischen Grenzdepartementen zusammenkommen. Dies erlaubt uns einen regelmässigen Erfahrungsaustausch, das frühzeitige Erkennen von Problemen.

Neue verbrecherische Tendenzen aus Frankreich finden nämlich oft den Weg nach Genf und in den Rest der Schweiz.

swissinfo: Was tun Sie, um Genf vor möglichen terroristischen Anschlägen zu schützen?

M.B.: Der Dienst für Analyse und Prävention (DAP) - der Schweizer Inlandgeheimdienst – in Bern ist zuständig für das Beschaffen von Informationen und für die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Polizei-Instanzen. Aber wir unterschätzen die Bedrohung hier in Genf keinesfalls.

Grundpfeiler unserer Arbeit sind Beschaffung und Analyse von Informationen. Dass diese Vorgehensweise richtig ist, hat jüngst die Verhinderung geplanter Anschläge in London bewiesen.

swissinfo-Interview, Frédéric Burnand in Genf
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

In Kürze

Die 36 Jahre alte Monica Bonfanti ist seit dem 1. August 2006 Chefin der Genfer Kantonspolizei.

Bonfanti folgte auf Urs Rechsteiner, der nach offiziellen Angaben sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt hatte.

Die familiären Wurzeln Bonfantis liegen im Tessin und im Kanton Luzern.

Bonfanti studierte am Institut für Polizeiwissenschaften und Kriminologie der Universität Lausanne. 1999 wurde sie dort zur Assistenz-Professorin ernannt; daneben machte sie mehrere Stages bei verschiedenen Polizeien, vor allem in den Niederlanden.

Bonfanti kennt die Genfer Kantonspolizei gut. Seit dem Jahr 2000 war sie Chefin der Kriminalpolizei.

Die Kriminologin ist Spezialistin für Schusswaffen und Ballistik, ein Thema, dem sie auch ihre Doktorarbeit widmete.

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