"Hätte nie gedacht, dass ich in den USA Polizist werde"

Polizist Adrian Hoesli mit seinem Streifenwagen in Tea, South Dakota. zVg

Er wollte einen Neustart wagen. Vor zwei Jahrzehnten folgte der Schweizer Adrian Hoesli seinem Vater in die USA. Auch wenn sich die beiden in der Waffenfrage nicht einig sind, so teilen Vater und Sohn Schweizer Werte.

Susan Misicka, Minneapolis

Sein kahler Kopf und seine geradlinige Art zu sprechen, zeigen zwar: Mit ihm ist nicht zu spassen. Doch aus seinen Augen blitzt der Schalk. Das ist Adrian Hoesli, ein 38-jähriger Schweizer, der seinem fast muttersprachlich klingenden Englisch Ausdrücke wie "holy cow", "hunky-dory", "greatest thing since sliced bread" oder "what-not" beimischt.

"Polizei? Hätte ich nie dran gedacht! Wenn Sie mir vor 15 Jahren gesagt hätten, dass ich Polizist würde, hätte ich 'Auf keinen Fall!' geantwortet", sagt Adrian. Ursprünglich wollte er Velomechaniker werden. Nach einigen Jahren als Automechaniker in der Schweiz und im US-Bundesstaat Minnesota arbeitet er heute als Polizist in einer Kleinstadt in South Dakota.

Dieser Bundesstaat sei "viel konservativer" als Minnesota, sagt er. "Von einem Polizisten wird praktisch erwartet, dass er ein Konservativer, also ein Republikaner ist", sagt er. Sich selber bezeichnet Adrian als konservativ-unabhängig. "Als Arm der Regierung setze ich das Gesetz durch, will aber nicht, dass die Regierung zu viel Kontrolle ausübt."

Regulierung von Waffenbesitz

Dies gelte besonders für Schusswaffen, sagt Adrian, der gerne schiesst. "Wer eine Waffe kauft, hat mehr Macht. Das macht meinen Job einfacher, weil man so weniger wahrscheinlich Opfer eines Verbrechens wird. Aber es sollte strengere Hintergrundprüfungen geben."

Ganz anders sieht es sein Vater Markus Hoesli. Für ihn gibt es zu viele Waffen in den USA. Der 63-jährige Support-Manager für Computer-Netzwerke lebt in der Nähe von Minneapolis, wo swissinfo.ch ihn und Adrian getroffen hat. "Warum braucht ein Hausbesitzer ein Sturmgewehr?", fragt Markus und runzelt seine Stirn. Er erinnert sich daran, wie er während seines Dienstes in der Schweizer Armee eines benutzt hatte.

Adrian gibt zu bedenken, dass Einzelpersonen legal keine automatischen Sturmgewehre kaufen können und bei gewissen Vorstrafen überhaupt keine Schusswaffen besitzen dürfen. "Na ja, es gibt so viele Schiessereien – da stimmt doch etwas nicht", hält Markus dagegen. "Und die Waffenlobby zahlt den Politikern so viel, dass nichts geschieht."

Er zeigt sich "sehr überrascht" darüber, dass das Schweizer Stimmvolk letztes Jahr die EU-Waffenrichtlinie angenommen hat. "Viele Männer lieben ihre Gewehre." Er selber war enttäuscht, dass er das alte Gewehr seines Vaters nicht ohne eine Bundeslizenz in die USA einführen konnte.

Auswandern mit Hürden

Die Hoeslis stammen ursprünglich aus dem Ostschweizer Kanton St. Gallen. In den 1990er-Jahren liess sich das Ehepaar scheiden. Ein paar Jahre später zog Adrian zu seinem Vater. Als dieser 2001 in die USA auswanderte, folgte ihm der damals 20-Jährige.

Markus hatte einen glatteren Start als sein Sohn, obwohl seine Schweizer Qualifikationen gegenüber amerikanischen Abschlüssen als minderwertig angesehen wurden. Potenzielle Arbeitgeber sagten ihm, sein zweijähriges Studium in Elektrotechnik entspreche eher einem Associate-Abschluss [Universitätsgrad, der nach Abschluss eines zweijährigen Studiums am Junior College verliehen wird, N.d.R.] als einem Bachelor. Seinem gegenwärtigen Chef aber war das egal, und Markus ist nun schon seit über 15 Jahren im Unternehmen.

Adrian hatte etwas Pech wegen eines Fehlers in seinen Einwanderungspapieren. Nach zwei Jahren leben und arbeiten in den USA musste er in die Schweiz zurückkehren. Glücklicherweise gewann er 2005 eine Green Card. Noch im selben Jahr kehrte er in die USA zurück.

Zwei Spassvögel: Markus (links) und Adrian albern mit einem Aromat-Streuer herum, einem wertvollen Gewürz aus der Heimat. swissinfo.ch

Beide Männer wissen, dass sie sich im Vergleich zu vielen in ihrer Wahlheimat glücklich schätzen können. "Ich sehe Menschen, die drei Jobs haben und sich keine Gesundheitsfürsorge leisten können", sagt Markus. Er arbeitet ehrenamtlich als IT-Direktor einer freien Klinik. Die Armut in den USA sei zunehmend ein Problem, aufgrund von Kürzungen in Lebensmittelmarken- und Heizungsunterstützungs-Programmen.

Adrian, der in seiner Freizeit als freiwilliger Rettungssanitäter im Einsatz ist, sagt voraus, dass es "wegen der Kürzungen der Regierung früher oder später wahrscheinlich zu einem Klassenkampf kommen wird. Die Menschen, die sich die Grundbedürfnisse nicht leisten können, laufen Gefahr, bankrott zu gehen, und es gibt keine Möglichkeit, Geld zu sparen".

Trotzdem erscheint die Schweiz den Hoeslis jetzt als teuer: "Bei meinem letzten Besuch war ich schockiert, dass ich für ein einfaches Mittagessen für zwei Personen 120 Franken bezahlte. Es war nichts Ausgefallenes!", erinnert sich Markus.

"Ich würde gerne in die Schweiz zurückkehren, aber ich kann es mir nicht leisten, dort in Rente zu gehen." Trotzdem bezahlt er weiterhin Beiträge in die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) ein. Dank dieser und der US-Sozialversicherung kann er sich mit 65 auf eine gute Rente freuen.

Leben als Expats

Markus amtet zudem als Vizepräsident der Twin Cities Swiss American Association. Zusammen mit Sohn Adrian ist er für deren Auftritt auf Social Media verantwortlich. So bleiben sie in Kontakt mit vielen anderen Schweizer Expats in der Gegend. Er hat sich an das Leben in den USA angepasst. Doch er vermisst die Schweizer Küche.

"Ich besitze eine Tonne Kochbücher. Ich backe Kuchen und andere Dinge, aber die Amerikaner backen ganz anders als man es in der Schweiz macht. Rüeblitorte, zum Beispiel", sagt Markus lachend. Und er bäckt für zwei, seit er mit einer Iran-Amerikanerin verheiratet ist.

Adrian bereut etwas, dass die Distanz es schwieriger macht, dass man sich für einen Geburtstag oder einfach auf ein Bier in der Schweiz treffen kann: "Man verliert die Verbindung zu Freunden und Familie. Etwas, was ich nicht verstanden habe, als ich hierhergezogen bin", sagt er.

Ausser seiner Mutter und dem jüngeren Bruder hätten ihn in den letzten 20 Jahren lediglich ein Freund und ein ehemaliger Mitarbeiter besucht. "Es herrscht ein Gefühl von: 'Er hat uns verlassen – warum sollten wir in Kontakt bleiben?'." Aber natürlich hat er viele neue Freunde gewonnen, wie auch seine Freundin. Ihre drei Kinder aus einer früheren Ehe nennt er "unsere Kinder".

Vielleicht ist es eine Kindheitserinnerung, die seine Hartnäckigkeit erklären kann, was sein Streben nach einem neuen Leben und einer neuen Karriere in den USA betrifft. Adrian erinnert sich, dass sein Vater für sein Ingenieurs-Diplom an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in St. Gallen studierte – neben seiner Arbeit, dem Militärdienst als Feldweibel und dem Familienleben.

"Als ich zehn war, hielt er mich viele Nächte wach, um seine Papiere auszudrucken", lacht Adrian. "Schweizer zu sein bedeutet für mich, diszipliniert, organisiert und detailorientiert zu sein."

2014 erhielt Adrian sowohl seine zweite Staatsbürgerschaft wie auch sein Polizeibrevet – mit hoher Auszeichnung. Seit 2015 trägt er sein Abzeichen.

Zum Ende des Gesprächs nickt Vater Markus seinem Sohn zustimmend zu: "Ich bin stolz auf ihn und darüber, was er macht, was er erreicht hat. Was kann man mehr von einem Sohn erwarten?"

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