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"Unsere Aktion in Irak hatte keinen Sinn mehr"

Im Irak stellte sich Mustapha Mezouar vor eine Raffinerie. swissinfo.ch

Mustapha Mezouar, einer der letzten Schweizer Aktivisten, welche als menschliche Schutzschilde nach Irak gereist waren, ist wieder zuhause, in Neuenburg.

Dieser Inhalt wurde am 26. März 2003 - 16:44 publiziert

Er erzählt Alexandra Richard von seinen Erfahrungen vor Ort, von seinen Gründen für die Aktion, auch von seiner Enttäuschung.

Dienstag, sechs Tage nach dem Beginn des Irakkriegs, harrten noch 14 menschliche Schutzschilde in Bagdad, auf dem Gelände der Ölraffinerie Al-Daura aus.

Da stand auch Mustapha Mezouar noch vor wenigen Tagen.

swissinfo: Warum gaben Sie auf?

Mustapha Mezouar: Wir waren nicht mehr viele. Unsere Aktion hatte keinen Sinn mehr.

Ich war hingereist, um diesen Krieg zu verhindern und die Zivilbevölkerung zu schützen. Aber ich hatte nur wenig Hoffnung, dass es funktionieren würde.

Das hing von zwei Dingen ab: Von der Anzahl Personen, welche hingingen, und davon, wie die Medien darüber berichten würden.

Als der Krieg begann, blieben leider keine hundert mehr. Und nach und nach verliessen fast alle das Land.

swissinfo: Hatten Sie nicht das Gefühl, dass Sie als menschliche Schutzschilde Saddam Hussein in die Hände spielten?

M. M: Doch. Von Anfang an war ich mir dessen bewusst. Aber das gehörte dazu. Unser Ziel war es, die Zerstörung ziviler Einrichtungen zu verhindern.

Angesichts des angekündigten Kriegs fühlte ich mich machtlos. Im Januar stiess ich auf die Website des Initiators dieser Bewegung, eines ehemaligen amerikanischen "Marine". Und ich sagte mir, das könnte ich auch versuchen.

swissinfo: Konnten Sie den Ort , den Sie beschützen wollten, selber auswählen?

M. M: Wir konnten uns frei bewegen. Es gab Verhandlungen zwischen uns und der irakischen NGO, welche uns empfing.

Im Allgemeinen gingen einige von uns voraus, um zu prüfen, ob es sich wirklich um zivile Orte handelte, und ob es keine militärischen Einrichtungen in der Nähe hatte.

Ich beschloss, in die Raffinerie von Daura, die grösste Raffinerie von Bagdad zu gehen. Das war meine eigene Entscheidung. Niemand setzte mich unter Druck.

swissinfo: Warum wollten Sie eine Raffinerie schützen?

M.M: Im Irak dreht sich das Leben ums Öl. Wenn es kein Öl mehr gibt, gibt es keinen Strom mehr, und dann funktioniert nichts mehr.

Die Spitäler zum Beispiel sind dann lahmgelegt. Die Raffinerie ist ein Nervenzentrum.

swissinfo: Hatten Sie manchmal Angst?

M. M: Einmal erfasste eine Art Hysterie die Gruppe. Die Mitglieder hatten Angst, von den Irakern als Geiseln genommen zu werden.

Ich hatte schon nach wenigen Tagen das Gefühl, dass wir gut behandelt würden. Und das war denn auch bis zum Schluss der Fall.

swissinfo: Schliesslich haben Sie aufgegeben. Waren Sie enttäuscht?

M. M: In den letzten Tagen musste ich einen grossen Entschluss fassen. Meine Vernunft befahl mir, abzureisen, weil unsere Aktion keinen Sinn mehr hatte. Und mein Herz sagte mir, ich solle bleiben.

Es war schmerzlich zu sehen, dass ich die Wahl hatte, während die Irakerinnen und Iraker um mich herum bleiben mussten.

Eines Tages sprach ich mit einem Iraker von meiner möglichen Abreise. Er sagte mir: "Was zählt im Leben, ist die Familie." Ich glaube, er half mir, meinen Entschluss zu fassen.

Ich bin glücklich, dass ich wieder bei meiner Familie bin. Aber ich hatte Schuldgefühle, als ob ich meine irakischen Freunde im Stich gelassen hätte, obwohl ein weiteres Bleiben keinen Sinn mehr hatte.

swissinfo: Wollen Sie ihre Aktion hier in der Schweiz fortsetzen?

M. M: Ich muss diese Aktion auf irgendeine Weise fortsetzen. Vielleicht werde ich einen Artikel schreiben und die Fotos veröffentlichen, die ich dort machte.

Wer vom Irak spricht, sieht immer Saddam Hussein. Ich möchte das andere Gesicht des Landes und seiner Bevölkerung zeigen.

swissinfo-Interview: Alexandra Richard

In Kürze

Die Operation "menschliche Schutzschilde" (Human Shields) wurde von einem Golfkriegsveteranen eingeleitet. Laut Mezouar schlossen sich ihr ungefähr 300 Personen an.

Die Ausweisung von fünf Menschenschilden durch die irakischen Behörden schien bei den Aktivistinnen und Aktivisten Panik ausgelöst zu haben. Sie fürchteten, zu Geiseln zu werden. Fast alle reisten ab.

Auch der Neuenburger gab schliesslich auf. Er reiste letzten Mittwoch aus dem Irak ab und kam am Wochenende in der Schweiz an.

Nun bleiben nur noch ein paar menschliche Schutzschilde in Bagdad, darunter ein Berner. Mustapha Mezouar hat keinen Kontakt zu ihm. Dagegen ist er per E-Mail noch in Kontakt mit einem Engländer.

Jetzt will der Neuenburger seine Aktion auf andere Weise fortführen. Er brachte Fotos und einige Notizen heim, mit denen er ein anderes Gesicht des Irak zeigen möchte.

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