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10 Jahre danach: EWR-Nein noch immer nicht verdaut

Am 6.12.1992 stimmte die Schweiz gegen einen Beitritt zum EWR. Seither kommt die Schweizer Wirtschaft nicht mehr vom Fleck.

Das EWR-Nein hat uns vorwiegend Nachteile gebracht, meint Roger de Weck, Publizist und bekennender Europäer.

Die Schweiz dürfe auf keinen Fall dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beitreten, sonst gehe es mit unserem Land bergab. Das predigte vor zehn Jahren SVP-Volkstribun Christoph Blocher.

Eine knappe Mehrheit, vor allem in den ländlichen Kantonen und Gebieten der Deutschschweiz, glaubte ihm und sagte bei der Volksabstimmung vom 6.12.92 Nein.

Das EWR-Nein war ein Fehler

Nach Ansicht des bekannten Schweizer Publizisten Roger de Weck kann man die Folgen des Abseitsstehens der Schweiz nur langfristig beurteilen. Doch nach und nach werde deutlicher, dass die Nachteile überwiegen, sagt de Weck gegenüber swissinfo.

"Wir haben eine der tiefsten Wachstumsraten von Europa. Und es ist ganz klar, dass mit einem EWR-Beitritt die Anpassung unserer Strukturen schneller vorangegangen wäre."

Keine Spielkarten in Brüssel

Für die Schweiz entstünden Nachteile, weil sie auf dem Brüsseler Verhandlungstisch keine Karten auszuspielen habe, sagt de Weck. "Dann wird man entsprechend schlechter behandelt, weil man selbst kein Verhandlungspotential aufbringen kann."

Beispiel: Die Flugrechte im Wechselspiel zwischen der Schweiz und Deutschland. Oder auch die während Jahren fehlende Freizügigkeit zwischen EU/EWR und der Schweiz, die junge Schweizerinnen und Schweizer bisher daran gehindert hat, im europäischen Ausland arbeiten zu können.

Auch das Swissair-Desaster gehört dazu

Roger de Weck ist überzeugt, dass auch die Probleme der einstigen Swissair auf das EWR-Nein zurückzuführen seien. "Nicht nur, aber zumindest teilweise", räumt er ein.

Natürlich wäre mit einstigen Vorzeigeunternehmen wie Swissair, Bally oder auch Mövenpick nicht alles anders gelaufen, wenn die Schweiz dem EWR beigetreten wäre. Die Grundstimmung aber wäre eine andere, meint de Weck und präzisiert:

"Es wären schon früher europäische Manager in die Schweiz gekommen, die wir dringend brauchen." Denn jetzt erweise sich, dass die Anzahl guter Schweizer Manager im Land nicht so gross sei.

Viele Firmen in der Schweiz seien in den vergangenen Jahren schlecht geführt worden. Man hätte sich da und dort viel direkter der Konkurrenz stellen müssen.

"Die Art und Weise, wie wir in unserem Saft geschmort sind und uns zu sehr auf angelsächsische Shareholder-value-Methoden ausgerichtet haben, ist auf unsere Ferne von Europa zurückzuführen", sagt de Weck.

Schweiz nicht auf Röstigraben reduzieren

Viel zu reden gab nach der EWR-Abstimmung der Röstigraben zwischen der damals EU-begeisterten französischsprachigen Schweiz und der mehrheitlich EU-skeptischen Deutschschweiz.

Publizist Roger de Weck mag den Begriff Röstigraben nicht, er ist ihm "zu primitiv". Es gebe zwar tatsächlich Frontstellungen zwischen den Sprachgruppen, dann seien da aber auch "Tausende von Grenzen zwischen den Kantonen, innerhalb der Kantone, zwischen Stadt und Land, zwischen den wirtschaftlich starken und schwächeren Regionen, zwischen den Gebieten mit eher freisinniger Tradition und jenen mit konservativen Wurzeln".

Die Schweiz auf einen Röstigraben zu reduzieren, kommt de Weck "etwas billig" vor, obschon beispielsweise eine neuerliche Umfrage des GfS-Forschungsinstituts zu dem Thema ergeben hat, dass rund 30 Prozent der befragten Romands eine Abspaltung der Landesteile nicht unbedingt bedauern würden.

Mehr gegenseitiges Verständnis

Seit der EWR-Abstimmung habe die Schweiz eine zehnjährige Periode erlebt, während der Egoismus gepredigt worden sei. "Und zwar der individuelle Egoismus wie auch der Gruppenegoismus", so Roger de Weck.

In diesen Jahren sei die Bereitschaft dafür, etwas für andere Landesteile zu tun, deutlich gesunken, und zwar auf beiden Seiten. "Ich denke, dass hier die Deutschschweizer durchaus in der Pflicht und der Verantwortung stehen, weil sie immer wieder vergessen, was es für andere Sprachgruppen bedeutet, sich in einer Minderheits-Stellung zu befinden."

Manchmal sei dieser Status sehr unbequem. "Und als Minderheit führt man vieles auf die Mehrheit zurück, auch wenn das nicht unbedingt immer gerechtfertigt ist."

Die Einsicht, dass man Minderheiten in einem Staat überrepräsentieren soll, ihnen im Leben der Eidgenossenschaft ein grösseres Gewicht beimessen muss, sei in der Deutschschweiz nicht immer vorhanden. Und das wiederum rufe in der französischsprachigen Schweiz Ressentiments hervor.

Umfragen wie jene des gfs-Forschungsinstituts sind für de Weck "oberflächliche Stimmungsbilder" und deshalb nicht sehr relevant. "Nichts zu rütteln gibt es aber an der Notwendigkeit, besser aufeinander Rücksicht zu nehmen, erst recht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten".

Grosse eidgenössische Weisheit

Dass Minderheiten, gleich welcher Art, in unseren Institutionen tendenziell überrepräsentiert werden, ist für Roger de Weck "die grosse eidgenössische Weisheit seit Jahrzehnten und Jahrhunderten".

Da immer die Gefahr bestehe, dass Minderheiten zu kurz kämen, müsse man gerade heute weiterhin Sorge tragen zu dieser klugen Idee der Begründer der modernen Eidgenossenschaft. Den schwächeren Teilen des Landes soll bewusst eine etwas stärkere Position im Staat gegeben werden.

"Auch in Zukunft müssen wir dafür sorgen, dass diese Idee verwirklicht wird, nicht nur im Zusammenhang mit sprachlichen, sondern auch mit sozialen Minderheiten", sagt de Weck gegenüber swissinfo.

Dasselbe gelte auch für die vielen Ausländer in unserem Land: "Je besser wir sie behandeln, desto schneller und stärker werden sie sich integrieren."

swissinfo, Jean-Michel Berthoud

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