Allergien: Altbekannt und dennoch rätselhaft

Pollenallergie? Im Frühling beginnt das Leiden wieder für viele. Keystone Archive

Seit 50 Jahren steigt der Anteil Allergiker in der Bevölkerung kontinuierlich. Zu viel Verschmutzung? Zu hohe Hygiene? Zu viel Stress?

Dieser Inhalt wurde am 17. März 2005 - 18:51 publiziert

Die Medizin weiss zwar, wie Allergien funktionieren. Doch bleiben die Antworten parziell, wenn es um ihre Entstehung geht. Vorbeugen kann man kaum.

Frühling? Für viele der Beginn einer Jahreszeit des Leidens, das aus Niessen, roten Augen und fliessender Nase besteht. Die Diagnose ist schnell gemacht: Heuschnupfen, oder besser gesagt, saisonbedingtes Allergieleiden.

Davon sind 17% der Bevölkerung in der Schweiz betroffen. Der Heuschnupfen gilt wegen seines häufigen Vorkommens als bekannteste allergische Reaktion. Einer von zwei Allergiefällen gehen auf Pollen zurück.

Doch man kann auch auf tierische Haare, Nahrungsmittel, Insektenstiche allergisch reagieren. Zunehmend gibt es auch Allergien, deren Ursprünge noch nicht festgestellt sind.

Nicht eine, sondern viele Ursachen

Bei den Allergien handelt es sich nicht um eine neue Erscheinung. Doch ihre Häufigkeit nahm in den vergangenen 50 Jahren stark zu. Dies hat dazu geführt, ihre Ursachen nicht nur in der genetischen Prädisposition des betroffenen Patienten, sondern auch im westlichen Lebensstil generell zu suchen: Zunahme der Arbeitsrhythmen und somit auch des Stress, neue Essgewohnheiten, übertriebene Hygiene und Verschmutzung.

Die in diesem Bereich getätigten Studien bringen eine Interaktion zwischen den einzelnen Allergieursachen ans Licht. Konzentriert man sich auf einen einzigen Grund – zum Beispiel die Verschmutzung – ergeben sich im Gesamtbild oft widersprüchliche Resultate.

So können beispielsweise Studien, die den negativen Einfluss der Verschmutzung zeigen - wie jenen der Russpartikel bei Dieselmotoren - widersprechende Studien entgegen gestellt werden. Diese weisen nach, dass in den am meisten verschmutzen Städten weniger Allergiker leben als in Städten, in denen die Luft als besser gilt.

"Im Gegensatz zu anderen Krankheiten wie beispielsweise der Lungenentzündung, bei der der Nachweis der entsprechenden Bakterien genügt, sind Allergien komplexe Krankheiten", erklärt Philippe Eigenmann, Allergie-Arzt im Genfer Universitätsspital.

Die Hygiene-Theorie

Es ist nicht bekannt, weshalb ein Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Allergie entwickeln kann. Der Heuschnupfen beispielsweise kann sich ebenso bei einem fünfjährigen Jungen wie bei einem 60-jährigen Erwachsenen entwickeln.

Immerhin besagt eine Theorie, in vielen Punkten durch Fakten erhärtet, dass die globale Verbreitung der Allergien auf die Hygiene zurückzuführen ist.

Denn heute sei, so sagt Eigenmann, "das Immunsystem des Menschen mit viel weniger Viren und Bakterien als früher konfrontiert". Und da das Immunsystem nicht gerne nichts tue, suche es sich eine andere Tätigkeit und reagiere auf Sachen, die es unter normalen Umständen tolerieren müsste.

Der normalerweise auftretende Kontakt mit verschiedenen Bakterien würde erklären, weshalb Kinder, die auf dem Bauernhof leben, weniger Allergien aufweisen als gleichaltrige Kinder in der Stadt. Dasselbe gilt für Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen, gegenüber Einzelkindern.

Etwas Dreck kann nicht schaden

Laut Eigenmann sollte man die Kinder deshalb "auf eine normale Art leben" lassen. Kinder müssten auf dem Boden spielen, wo sie sich dreckig machen und wo sie miteinander in Kontakt kommen.

Auf diese Weise wäre ihr Immunsystem stark damit beschäftigt, die krankheitserregenden Stoffe unter Kontrolle zu halten, aus denen sich Allergien entwickeln können.

Diese Theorie stimmt jedoch dann nicht mehr, wenn weitere Faktoren eintreffen, wie zum Beispiel eine Neigung zu Allergien. "Es gibt Kinder, die starken Heuschnupfen entwickeln, obschon sie auf Bauernhöfen leben", sagt Eigenmann.

Vorbeugen

Gegenüber solchen Allergien, die zwar diagnostizierbar sind, aber dennoch rätselhaft bleiben, wird das Vorbeugen zum mühsamen Unterfangen.

Das Schweizerische Zentrum für Allergie, Haut und Asthma (aha!) informiert seit Jahren die Öffentlichkeit und liefert Ratschläge an Allergiker – eine wesentliche Arbeit, obschon nur teilweise effizient.

"Die Vorbeuge-Arbeit ist vor allem dann wichtig, wenn bereits eine Allergie-Neigung besteht", sagt Eigenmann, "obschon wegen der Eigenschaft der Allergien, auf zahlreiche Faktoren zurück zu gehen, ein wirksames Vorbeugen schwierig anzugehen ist."

"Allergisches Umfeld"

Es gebe Eltern, die völlig verzweifelt zum Arzt kämen, die alles getan hätten, was an Vorbeugen zu tun sei, die dem Kind länger als sechs Monate Muttermilch gegeben und keine Tiere oder Teppiche zu Hause hätten, und deren Kind dennoch allergisch reagiere.

Dann kann man sich des gesamten "allergischen Umfelds" kaum entledigen. Sämtliche Elemente auszusondern, die zu einer möglichen allergischen Reaktion beitragen, ist fast nicht möglich.

Den Allergiekranken bleibt als Trost das Wissen, dass die Symptome vieler Allergien bekämpft werden können. In einigen Fällen kann das Immunsystem sogar "lernen", jene Faktoren zu tolerieren, die es ab einem gewissen Zeitpunkt als Allergene identifiziert hatte.

swissinfo, Doris Lucini
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)

In Kürze

Einige Mechanismen, wie Allergien funktionieren, sind bekannt. Unbekannt jedoch ist der Grund, weshalb das Immunsystem in atypischer Weise auf gewisse Substanzen reagiert, die es unter normalen Umständen tolerieren sollte.

Allergiker haben nur wenig Hoffnung auf Heilung, doch können sie in vielem ihre Lebensqualität verbessern. Ist das Allergen einmal bekannt, lässt sich der Kontakt mit ihm vermindern, um starke Reaktionen zu vermeiden und um festzulegen, welche Medikamente die Symptome am besten bekämpfen.

Gegen Wespen- und Bienenstiche wie auch teilweise gegen den Polleneinfluss hat sich die Immuntherapie als erfolgreich erwiesen. Dabei wird der Allergiker mit wachsenden Dosen des Allergen konfrontiert. Auf diese Weise lernt der Körper, sich an die Präsenz dieser Substanzen zu gewöhnen.

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Fakten

In der Schweiz ist eine von fünf Personen von einer Allergie betroffen.
50% der Allergien gehen auf Pollen zurück.
Rund 17% der Schweizer und 10% der Europäer leiden unter dem Heuschnupfen.

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