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Armut-Alarm in Schweizer Städten

Alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sind äusserst armutsgefährdet.

(Keystone Archive)

In Schweizer Städten leben rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Armut. Dies geht aus der Erhebung der Städteinitiative Sozialpolitik hervor.

Die Gesamtzahl der Sozialhilfefälle ist 2003 im Vergleich zum Vorjahr um rund zehn Prozent angestiegen.

Der seit fünf Jahren erhobene Kennzahlenvergleich der Städteinitiative Sozialpolitik weist für 2003 laut dem Leiter des Stadtberner Sozialamts, Michael Hohn, den stärksten je verzeichneten Anstieg an Sozialhilfefällen auf.

Deshalb fordern die Städte mehr Personal zur Betreuung und Wiedereingliederung der Betroffenen.

Jedes zehnte Kind ist sozialhilfeabhängig

"Die höchsten Sozialhilfequoten weisen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren auf", sagte Hohn am Dienstag vor den Medien in Bern. Im Durchschnitt leben 87 von 1000 Kindern mit ihren Eltern in Armut, in Zürich sind es gar 109 und in Basel 125 von 1000 Kindern.

"Durch diese Entwicklung geraten gesellschaftspolitische Anliegen wie Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit arg in Bedrängnis", diagnostizierte Hohn.

Die Sozialhilfequote bei Kindern und Jugendlichen ist rund doppelt so hoch wie bei den Erwachsenen. Weil Kinder in engen finanziellen Verhältnissen häufig kaum Zugang zu einer guten Ausbildung hätten, steige das Risiko zusätzlich, auch als Erwachsener ein Fall für die Sozialhilfe zu werden.

Jugendliche in Arbeitswelt integrieren

Genau hier müsse angesetzt werden, sagte Hohn. Grosse Anstrengungen seien nötig, um Heranwachsende in die Arbeitswelt zu integrieren und von der Sozialhilfe abzulösen.

Nicht nur bei Kindern und Jugendlichen steigt die Zahl der Fälle rapide an, Rezession und Arbeitslosigkeit hätten auch die Gesamtzahlen nach oben schnellen lassen. Gleich geblieben sei hingegen der pro Fall und Jahr verwendete Betrag, der sich 2003 auf rund 12'800 Franken belief.

Neue Wege in Basel

Für die am stärksten betroffene Stadt Basel hat der Vorsteher der städtischen Sozialhilfe, Rolf Maegli, Gründe für den Anstieg aufgeführt. Die Grösse der Stadt, der hohe Ausländeranteil, das grosse Angebot an kleinen und günstigen Wohnungen, das hohe Steuerniveau und die teuren Krankenkassenprämien seien ausschlaggebend.

Basel habe aber reagiert und mit einem neuen Konzept einer systematischen Fallführung, tieferen Sozialhilfeansätzen und einem Anreizsystem Fortschritte erzielt. Zudem würde die Beratung nicht mehr nur den Sozialarbeitern überlassen, sondern von wirtschaftlich geschultem Personal übernommen

Langfristige Strategie

Die Städteinitiative, der insgesamt 50 Schweizer Städte angeschlossen sind, will mit mehr qualifiziertem Personal vor allem die Wiedereingliederung von Sozialhilfeempfängern fördern.

Diese Massnahmen seien zwar auf den ersten Blick kostspielig und angesichts der knappen Finanzmittel nicht einfach durchzusetzen. Langfristig würde sich jedoch eine solche Strategie auszahlen und einen höheren Spareffekt haben als das blosse Streichen der laufenden Sozialausgaben.

Aufruf an die Wirtschaft

Ein Appell der Städteinitiative ging auch an die Wirtschaftskreise. Diese sollten sich aktiver an den Wiedereingliederungs-Anstrengungen beteiligen. 2003 seien rund 60 Prozent aller neuen Sozialfälle auf die Arbeitslosigkeit zurückzuführen gewesen.

Die Berner Sozialdirektorin Theres Frösch forderte ein tief greifendes Umdenken bei den Unternehmern. Neue sozialpolitische Massnahmen müssten dort ansetzen, wo die Ursachen der Armutsentwicklung liegen.

"Die Familien- und Kinderarmut ist ein strukturelles Problem, das die Sozialhilfe nicht allein lösen kann", sagte Frösch. Die Anstossfinanzierung des Bundes für Kinderkrippen sei ein gute, wenn auch nicht ausreichende Massnahme. Die Ergänzungsleistungen für Familien nach Tessiner Muster seien eine weitere sinnvolle Massnahme.

Verbesserung der Kinderzulagen

Daneben müsse auch die Verbesserung der Kinderzulagen rasch und verbindlich an die Hand genommen werden, forderte die Grüne Frösch.

Weiter müsse die steuerliche Entlastung von einkommensschwachen Familien nach dem Scheitern des Steuerpakets wieder vorangetrieben werden und - "last but not least" - am 26. September der Mutterschaftsversicherung zum Durchbruch verholfen werden.

swissinfo und Agenturen

Fakten

2003: Gesamtzahl der Sozialhilfefälle um ca. 10% angestiegen
Schweizer Städte: 10% der Kinder und Jugendlichen leben in Armut
Sozialhilfe-Abhängigkeitsquote von Kindern doppelt so hoch wie jene der Erwachsenen (4,3%)
In Basel sind es 12,5%, in Zürich 10,9%

Infobox Ende

In Kürze

Die Zahl der Sozialhilfe-Empfänger in der Schweiz wird immer grösser.

Die Städteinitiative Sozialpolitik hat die Kennzahlen von neun Schweizer Städten untersucht und dabei festgestellt, dass die Fallzahlen in der Sozialhilfe 2003 stärker angestiegen sind als in den fünf Jahren zuvor.

In Basel, Schaffhausen und Zürich zum Beispiel betrug der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr mehr als 15%.

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