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Auslandschweizer Schweizer Auswanderern in Neuseeland auf der Spur

Historische Aufnahm: Glodgräber mit Bärten posieren

Eine Gruppe von Goldgräbern. Rechts der Führer Jakob Lauper (Aufnahme aus den 1880er-Jahren).

(National Library, Wellington)

Was hat Tausende von Schweizerinnen und Schweizern dazu gebracht, auf die andere Seite des Planeten auszuwandern? Die in der Schweiz geborene Forscherin Joan Waldvogel erzählt in ihrem Buch "Swiss Settlers in New Zealand" deren Geschichte in Neuseeland.

Der erste Schweizer, der in Neuseeland Fuss fasste, war der Maler John Webber, Sohn eines Bildhauers aus Bern. 1776 heuerte Webber bei der letzten Expedition von James Cook in die Südsee an. Inzwischen sind ihm Tausende weitere Schweizer gefolgt.

Joan Waldvogel, Soziologin, hat das Buch "Swiss Settlers in New Zealand – a history of Swiss immigration to New Zealand" veröffentlicht. Auf den Seiten des 400 Seiten starken Werks zeichnet die Autorin das Leben der Schweizer Auswanderer von den 1860er-Jahren bis heute nach.

Buch und Autorin

"Swiss Settlers in New Zealand – a history of Swiss immigration to New Zealand" von Joan Waldvogel, Peter Lang Editions, Berlin 2018.

Waldvogel ist Neuseeländerin der ersten Generation. Ihr Vater wanderte Mitte der 1920er-Jahre nach Neuseeland aus. Waldvogel hat in angewandter Linguistik promoviert. Derzeit schreibt sie ein weiteres Buch über die Schweizerinnen und Schweizer, die sich in Neuseeland niedergelassen haben.

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swissinfo.ch: Gibt es unter den vielen Biografien, die Sie studierten, eine, die Ihnen besonders blieb?

Joan Waldvogel: Ich möchte zwei erwähnen: Antonio Zala und Henry Suter, zwei Männer, die ihr ganzes Leben lang ihren Träumen nachjagten, mit wenig Erfolg. Zala kam aus dem Tessin und wanderte in den späten sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Neuseeland aus. Er war Goldgräber, kleinwüchsig, aber mit herkulischer Kraft und grossem Mut.

Ihm wird die Entdeckung der Goldader in Lyell, nahe der Westküste der Südinsel zugeschrieben. Ein Dorf der Goldgräber nahm sogar seinen Namen an: Zalatown, heute eine Geisterstadt.

Wer wie er dem Goldrausch nachging, musste in schwer zugänglichen Bergregionen gegen eine wilde Natur ankämpfen. An einem Punkt in seinem Leben verbringt Zala sieben unendliche Jahre damit, mit Pickel und Schaufel einen 1000-Fuss-Tunnel in den Fels zu graben, um eine Goldader zu erreichen.

Als ihn Ende 1893 ein Journalist fragte, wie er an einem so wilden Ort allein überleben könne, antwortete er, dass er jeden Abend bei Kerzenlicht die Gedichte von Petrarca las und sie danach als Abendlied intonierte. Trotz seiner enormen Bemühungen wurde Zala nicht mit Glück belohnt. Er starb 1902 in Armut

swissinfo.ch: Der andere Schweizer war Henry Suter, ein Gelehrter.

J.W.: Ja, Heinrich Suter wanderte Ende 1886 mit seiner Frau und sieben Kindern aus. Nach einer Ausbildung zum Chemiker arbeitete er in der Schweiz in der Seidenfabrik seiner Familie und übernahm dort die Leitung.

Mitte der 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts ging das Unternehmen in Konkurs. Suter musste sich neu erfinden. Er beschloss, nach Neuseeland auszuwandern, wo er hoffte, dank seinem enormen Interesse an der Natur, besonders an Muscheln, über die Runden zu kommen.

Die Suters, die es gewohnt waren, mit allem Komfort in Zürich zu leben, wanderten also aus und liessen ihre hohe soziale Stellung und ein riesiges Haus mit Bediensteten hinter sich. Um zu sparen, reisten sie in der dritten Klasse und mischten sich unters einfache Volk.

Zunächst hoffte die Familie, von den Produkten des eigenen Gartens zu leben, während Henry auf der Suche nach einem Job an einer Universität oder einem Museum war. Aber die Erde war geizig mit ihnen, und so musste der Wissenschaftler einen anderen Weg finden, um die grosse Familie zu ernähren.

Obwohl er sich mit seinen Schriften über Muscheln bald in der Welt der Wissenschaft etablierte, fand er nur gelegentlich Arbeit. 1913 veröffentlichte Suter ein Handbuch über neuseeländische Muscheln, kurz bevor er starb.

swissinfo.ch: Mit dem Ende des Goldrauschs änderten sich die Gründe für die Auswanderung. Was motivierte die Schweizer, sich nach Neuseeland aufzumachen?

J.W.: Von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg folgten viele Schweizer ihrem Traum vom eigenen Bauernhof; eine Aussicht, die den gleichen Reiz hatte wie Gold. In dieser Zeit liessen sich Schweizer Auswanderer vor allem in der Region um den Vulkan Taranaki nieder.

Der erste dort war 1870 Felix Hunger aus Graubünden. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz, wo er seine Frau holte, kehrte er 1875 mit 24 seiner Landsleute zurück und gründete die erste Schweizer Gemeinde. Viele andere folgten, die wiederum andere Verwandte und Bekannte nach sich zogen.

Fluss, im Hintergrund schneebedeckter Vulkan, der Mt. Fuji ähnelt

Seit 1870 haben sich viele Schweizer Auswanderer in der Region um den Vulkan Taranaki niedergelassen (Foto von 1969).

(National Library, Wellington)

swissinfo.ch: In den letzten 150 Jahren sind Tausende von Schweizerinnen und Schweizern nach Neuseeland ausgewandert. Wie haben sie das Land geprägt?

J.W.: Obwohl sie nie eine besonders grosse Gruppe waren, war ihr Beitrag sehr wichtig. In den ersten Jahren der Kolonisation ermöglichten die Pionierunternehmen einiger Schweizer die Eröffnung neuer Wege in unzugängliche Gebiete. Jacob Lauper zum Beispiel wurde beauftragt, eine Alpenpassage zu entdecken, welche die Ostküste mit der Westküste der Südinsel verbindet.

1886 lebte fast die Hälfte der 393 Schweizerinnen und Schweizer auf der Südinsel. Bis 1916 lebten 89% der damals 670 Schweizer auf der Nordinsel, fast die Hälfte davon in Taranaki.

Heute leben die meisten Schweizerinnen und Schweizer, 78%, auf der Nordinsel, vor allem in städtischen Gebieten. Derzeit machen die Menschen schweizerischer Herkunft 0,07% der Gesamtbevölkerung von fast 5 Millionen Einwohnern aus.

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Zudem sind die Erstbesteigungen der höchsten Berge Neuseelands nach Schweizer Migranten benannt. Während dieser Zeit spielten sie auch eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Milchwirtschaft in der Region Taranaki.

swissinfo.ch: Und was war der Beitrag der Schweizerinnen und Schweizer seit der Nachkriegszeit?

J.W.: Seit den 1960er-Jahren sind viele Auswanderer Bauern. Ihre Ankunft hat die Entwicklung der Zucht von Haustieren, speziell von Rindern und Schafen, in Neuseeland gefördert. Andere förderten mit der Eröffnung von Hotels und Restaurants den Tourismussektor.

Neuseeland profitierte auch von den ausgezeichneten Fachkenntnissen der Schweizer Handwerker und Händler, die an die einheimische Bevölkerung in den von Schweizer Expats gegründeten Unternehmen weitergegeben wurden.

Auch Schweizer Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler haben ein wertvolles Erbe hinterlassen, wie das Handbuch von Henry Suter, das noch heute als das wichtigste Werk über Muscheln in Neuseeland gilt.


(Übertragung aus dem Italienischen: Balz Rigendinger)

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