Navigation

Skiplink navigation

Besorgnis über die Kluft zwischen Deutsch- und Welschschweiz

Bundesrätin Ruth Dreifuss sieht ein Alarmsignal für unser Land. Keystone

Bei vier der fünf Vorlagen am vergangenen Abstimmungs-Wochenende zeigt sich eine Diskrepanz zwischen den Sprachregionen. Der "Röstigraben" zwischen der Deutschschweiz und der Romandie gibt weitherum zu Besorgnis Anlass.

Dieser Inhalt wurde am 27. November 2000 - 23:14 publiziert

Innenministerin Ruth Dreifuss spricht in Zeitungs-Interviews von einem "Alarmsignal für unser Land". Das Auseinanderdriften zwischen Romandie und Deutschschweiz gelte es ernst zu nehmen. Sie sei glücklich, dass die Schweiz solche Signale bei Abstimmungen jeweils auch höre, sagt die Bundesrätin.

Unser Land könne sich auf keinen Fall den Luxus leisten von Landesteilen, die sich immer mehr auseinanderlebten. Ruth Dreifuss meint, in diesem Sinne sei das Abstimmungs-Ergebnis ein klarer Auftrag an das Parlament, Lösungen zu finden, die nicht nur gesamtschweizerisch, sondern wirklich in allen Landesteilen mehrheitsfähig seien.

Insbesondere bei der AHV sollten mehrheitsfähige Lösungen gefunden werden, weil sie eine der wichtigsten Institutionen in unserem Land sei, meint Innenministerin Ruth Dreifuss. Von der AHV erwarteten alle, dass sie ihre Klammerfunktion wahrnehme - zwischen den Generationen, zwischen den verschiedenen Berufen, aber auch zwischen den Regionen.

"Röstigraben" wieder ein Thema

Was die Deutschschweiz ablehnt, heisst die Welschschweiz gut. Diese Tatsache gibt nicht nur Bundesrätin Ruth Dreifuss und politischen Analysten zu denken. Auch die Schweizer Presse - also nicht nur jene in der Romandie - ist besorgt darüber. Der "Röstigraben" ist das Hauptthema der Kommentare in den Zeitungen (siehe auch swissinfo-Presseschau vom 27.11.).

Da ist die Rede davon, dass Tessiner und Romands das Gefühl hätten, zusehends in einem Land zu leben, das ihnen fremd werde. Die Deutschschweizer Presse ist sich einig, dass es in der Schweiz notwendig sei, Wünsche von Minderheiten stärker zu gewichten als vielleicht anderswo. Wie Bundesrätin Ruth Dreifuss hoffen die Kommentatoren in den Deutschschweizer Zeitungen, dass das Parlament diese Zeichen bei der 11. AHV-Revision wahrnimmt.

Besondere Besorgnis drückt die welsche Presse aus. Die deutsche und die lateinische Schweiz hätten sich auf ihren Positionen festgesetzt wie zwei Länder, die sich gegenüberstehen. Der Röstigraben sei in den letzten zehn Jahren nie tiefer gewesen als heute.

Die Rede ist sogar von einer längerfristigen Bedrohung der Einheit des Landes, sollten die unterschiedlichen Sichtweisen bestehen bleiben. Auf den Punkt gebracht könnte man sagen, die Romands seien definitiv nicht mehr "Schweizer wie die anderen".

Herz und Portemonnaie

Dass die Welschschweizer die beiden AHV-Initiativen angenommen haben, überrascht nicht. Seit geraumer Zeit schon stimmten sie sozialer als die Deutschschweizer, sagte der Publizist und Welschland-Kenner Marcel Schwander gegenüber swissinfo. Das habe man zum Beispiel bei der Abstimmung über die Mutterschaftsversicherung gesehen oder auch bei Urnengängen über Asyl-, Mieter- und Arbeitsrechte.

Genf und die Westschweiz seien seit Jahrhunderten Einfallstore für neue Ideen, die in der Deutschschweiz viel zögerlicher aufgenommen würden, sagte Schwander. Deshalb auch die Offenheit der Romandie in Sachen EWR-, EU- und UNO-Beitritt. Zum letzten Abstimmungs-Wochenende könne man sagen, die Romands hätten wieder einmal mit dem Herzen gestimmt und die Deutschschweizer eher mit dem Portemonnaie.

Jean-Michel Berthoud

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen