Opernhaus-Krawall: "Da war plötzlich ein Damm gebrochen"

Zürich am 30. Mai 1980: Die Jugend protestierte gegen die Subventionierung des Opernhauses.

Vor 40 Jahren tobten Jugendaufstände in Zürich. Es wurden mehr Freiräume für Kultur gefordert. Wie veränderte so eine Revolte eine Stadt? Ein Gespräch mit dem Stadtforscher und Soziologen Christian Schmid über die 1980er-Revolte, ihr Erbe und was davon noch übrig ist.

David Eugster

swissinfo.ch: Ende Mai 1980 begannen in Zürich Krawalle – wogegen richteten die sich?

Christian Schmid: Der konkrete Anlass war, dass die Stadt Zürich Jugendkultur und alternative Räume in den 1970er Jahren regelrecht unterdrückte: Die Polizei schloss reihenweise Restaurants und Treffpunkte, mit dem Argument, dass da illegale Drogen konsumiert würden – was ja durchaus stimmte. Und es gab kaum mehr nichtkommerzielle Auftrittslokale für all die Bands, die in den Kellern probten.

1977 hatte die Zürcher Bevölkerung zwar an der Urne zugestimmt, ein altes Fabrikareal aus rotem Backstein – die "Rote Fabrik" – zu einem Zentrum für alternative Kultur zu machen. Doch die Stadt Zürich setzte diesen Auftrag nicht um. Dafür brachte sie 1980 einen 60-Millionen-Kredit für die Renovation des Zürcher Opernhauses zur Abstimmung. Das war eine doppelte Ohrfeige: Es gab kein Geld für die Alternativkultur, und zudem sollte die Rote Fabrik für die nächsten Jahre auch noch als Lager für die Opernhauskulissen dienen!

Gegen diese Pläne versammelten sich am 30. Mai 1980 an die dreihundert Leute zum Protest vor dem Opernhaus. Plötzlich stürmte die Polizei in Krawallmontur aus dem Opernhaus, und die Situation eskalierte. Bald strömten hunderte von einem Bob-Marley-Konzert hinzu – "Get up, stand up for your rights". Es kam zur grössten Strassenschlacht seit dem "Globuskrawall" von 1968. Damit begannen zwei unruhige Jahre in Zürich, die noch das ganze Jahrzehnt prägen sollten.

Bei den Auseinandersetzungen am 30. Mai 1980: Ein ziviler Polizist trägt einen verletzten Demonstranten weg.

Warum dieser Ausbruch?

Es hatte viel mit der kleinstädtischen Enge zu tun. Zürich war eine der langweiligsten Städte, die man sich vorstellen kann.

Zugleich war die Revolte auch ein Effekt der Globalisierung, die ja in den 1970er Jahren mit den Banken und dem Aufstieg des Finanzplatzes begann. Der Gegensatz zwischen der provinziellen Enge der Stadt und der globalen Vernetzung, die immer stärker auch in der Kultur Einzug hielt, wurde unerträglich. Bald wurde auch in Bern, Lausanne und Winterthur revoltiert.

Und ausserhalb der Schweiz?  

Man kann durchaus von einer 80er Bewegung sprechen, so wie man von der 68er Bewegung spricht: Um 1980 gab es eine breite Strömung von Mobilisierungen, die teilweise den Charakter von Revolten annahmen: 1977 die Autonomia-Bewegung der Centri Sociali in Italien, ab 1979 die Hausbesetzerbewegung in Berlin und die Kraaker in Amsterdam. Ab 1981 kam es auch in England zu Aufständen, wahrgenommen wurden aber vor allem die Unruhen in Brixton, einem überwiegend von Schwarzen bewohnten Stadtteil in London.

Was zeichnet eine Revolte aus?

Hinter den meisten Bewegungen – wie der Klimabewegung – stehen in der Regel Organisationen, die informieren, mobilisieren und beispielsweise Demonstrationen planen. Revolten sind unorganisierter, spontaner und unberechenbarer.

Vollkommen unorganisiert? 

Gut, man organisierte sich einfach anders. Die frühen 1970er Jahre waren geprägt von kommunistischen Splittergruppen, Maoisten, Leninisten, Trotzkisten, Anarchisten und viele mehr. Ende der 1970er Jahre wurde dann das politische Feld stärker kulturell geprägt, der Punk kam auf, und Wohngemeinschaften spielten eine immer wichtigere Rolle. Im Zuge der Wirtschaftskrise von 1973 hatte man in der Schweiz in wenigen Jahren rund 300'000 Gastarbeiter zurück in ihre Herkunftsländer geschickt: Viele von ihnen hatten in vernachlässigten Häusern in der Innenstadt gewohnt – dort zogen nun WGs ein. Solche Häuser wurden zu wichtigen Treffpunkten: In einer Stadt, in der es immer weniger Lokale und Veranstaltungsorte gab, organisierte man sich auf einer informellen Ebene.

Wie haben die 1980er die Stadt geprägt? 

Der Stadttheoretiker Henri Lefebvre sagte, wirkliche gesellschaftliche Veränderungen zeigten sich immer im Alltag. Wenn wir das zum Massstab nehmen, hat damals beinahe eine Revolution stattgefunden! Ein Paradebeispiel dafür sind die Seeanlagen in Zürich: Die waren streng reglementiert. Es war verboten, den Rasen zu betreten, in Badekleidern im Park zu liegen war unschicklich – dafür waren die Freibäder gedacht. 1980 nahmen die jungen Leute diese Anlagen dann einfach in Beschlag. Die Polizei kam vor lauter Demonstrationen gar nicht mehr zum Kontrollieren. Da war plötzlich ein Damm gebrochen: Irgendwann waren die Verbotstafeln weg, und zwischen die flanierenden älteren Damen und die Mütter mit Kinderwagen mischten sich plötzlich Junkies und nackte Badende.

Eine Demonstration der Jugendbewegung endete am 1. August 1980 mit einem Bad im Zürichsee.

Erst ab den 1990er Jahren begann man wieder, diese Öffnung rückgängig zu machen.

Was meinen Sie damit?

Nach der Schliessung der offenen Drogenszene auf dem Züricher Platzspitz von 1992, die auch ein Resultat dieser Öffnung war, änderte sich vieles. Rechtsnationale Politiker entdeckten in der städtischen Drogenpolitik ein neues Aktionsfeld. Doch als die offene Drogenszene durch polizeiliches Containment und auch durch die staatliche Heroinabgabe aufgelöst war, ging es weiter, jetzt waren die Alkoholiker und das Sexgewerbe das Problem. Eine Welle des "Social Cleansing" startete.

Woher kam dieses Bedürfnis, die Stadt wieder aufzuräumen? Und über Bereiche wie Drogen und Kriminalität hinauszugehen?

Das hängt paradoxerweise mit der zunehmenden Wertschätzung von Urbanität zusammen, die gerade auch mit der 1980er Revolte begann: die Alternativkultur florierte, Strassencafés, in Zürich noch lange verboten, breiteten sich aus, es gab immer mehr Festivals und Events. Dieses «urbane Angebot» machte die Stadt für immer breitere Schichten attraktiv. Im Verlaufe der 1980er Jahre begannen weltweit auch konservative Stadtregierungen sich Urbanität auf die Fahnen zu schreiben, nicht zuletzt mit dem Argument, dass globale Unternehmen und zukunftswichtige Städte Kultur und Innovationen bräuchten.

Die Revolte wurde zum Standortfaktor?

Nicht die Revolte selbst, aber ihre Ausläufer und Nachwirkungen, ja. Die urbanen Werte wurden zum Mainstream: Es wurde chic, in einer lebendigen Stadt zu wohnen, sie zu geniessen und zu flanieren. Zugleich will man natürlich nicht, dass einem jemand in den Eingang kotzt. Man will heute einen Teil der Leute, die das städtische Leben eben auch ausmachen, die Unangepassten und Störenfriede, nicht mehr um sich haben.

Zürcher Jugendliche im April 1981 vor dem Autonomen Jugendzentrum AJZ.

Man möchte eine etwas quere Stadt ohne soziale Störgeräusche?

Ja, viele der heutigen urbanen Mittelklassen möchten das urbane Leben konsumieren. Es herrscht eine Art Hochhausblick: Man möchte die Lichter der Grossstadt geniessen, aber nicht wirklich in sie eintauchen, eine angeregte Stimmung, aber bitte nicht gestört werden. Man will mit gewissen Abgründen nicht konfrontiert werden: Drogenabhängige, Alkoholiker, Punks, Flüchtlinge, Leute, denen es schlecht geht, das verdirbt einem den Abend.

Stehen wir vor dem Ende der Stadt als einem Ort, an dem Unvorhergesehenes geschehen kann?

Die Stadt kommt von zwei Seiten her in die Zange. Erstens durch die Kommerzialisierung, durch teure Boutiquen, Geschäfte und Restaurants, und durch Luxuswohnungen. Aber Gentrifizierung geht darüber hinaus. Die zweite Seite der Zange ist die Stadtpolitik: In den Zürcher Seeanlagen standen bald neue Schilder, im selben Gelb, mit dem früher Schiffe vor einer Seuche an Bord gewarnt hatten: "Erlaubt ist, was nicht stört". Die Stadtbehörden treiben dieses Aufräumen der Stadt aktiv voran. Es wird "aufgewertet", das heisst, man setzt Normen durch, was schön, angenehm und anständig ist – und was stört: Und diese Liste wird immer länger. Mittlerweile stören ja auch schon einige Jugendliche im Park oder ein Konzertlokal, denn man möchte mit offenem Fenster schlafen können. Es ist aber wie bei einer Bergtour: Schnee und Wind gehören dazu. Eine Stadt ist eine Zumutung – sonst ist sie keine Stadt.

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