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Bis zu 60 medizinische Fehler pro Woche

Aus Zwischenfällen und Fehlern lernen: Das ist in der Medizin noch lange nicht Alltag.

(swissinfo C Helmle)

Der Todesfall einer Patientin in Zürich hat die Debatte neu lanciert: Jedes Jahr sterben Tausende wegen medizinischen Fehlern.

Die Schweiz bekämpft das Problem durchaus. Doch noch immer bleiben Kunstfehler und unerwünschte Zwischenfälle Tabu.

"Weshalb sollten wir es besser machen als die Amerikaner?", fragt Daniel Scheidegger, Direktor des Departements Anästhesie am Kantonsspital Basel. Für ihn ist klar, dass jedes Jahr in der Schweiz 2000 bis 3000 schwerwiegende medizinische Fehler passieren.

Die Zahl stammt von einer Hochrechnung auf Grund statistischer Daten in den USA. Im September 2000 wurde sie vom Schweizer Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) publiziert – es ging darum, Alarm zu schlagen.

2000 bis 3000 fatale Fehler, das ist eine grosse Zahl, sogar wenn man sie in Relation zu den rund 1,39 Millionen Behandlungen in den 372 Schweizer Spitälern stellt (so die offizielle Statistik für das Jahr 2000).

Fehler passieren also tagtäglich. Auch wenn in den Medien kaum so ausführlich berichtet wird wie jetzt beim Tod der Patientin in Zürich nach der Transplantation eines Herzens mit einer unverträglichen Blutgruppe.

Fehler-Bekämpfung koordinieren

Nach der Publikation des BSV hatte der Bund eine "Task Force" mit Schweizer und ausländischen Fachleuten gegründet. Die Empfehlungen dieser Gruppe führten vergangenen Dezember zur Gründung der "Stiftung für Patientensicherheit". Diese soll die Anstrengungen bei der Bekämpfung der Fehler koordinieren.

In einem Communiqué vom Dienstag schreiben die Verantwortlichen, "dass bei 3% bis 16% der hospitalisierten Patienten unerwünschte Ereignisse auftreten - und dass mehr als ein Drittel dieser Fälle vermeidbar wäre". Dies zeigten internationale Studien, so die Stiftung.

Mentalitätswechsel

Der tragische Tod der herzkranken Rosmarie Voser im Zürcher Unispital zeigt deutlich, dass das Fehlerbewusstsein verbessert werden muss.

"Eine Änderung der Kultur ist nötig", bestätigt Daniel Scheidegger, der sich in Basel schon seit längerem mit vermeidbaren Fehlern in der Medizin beschäftigt.

"Doch die Tatsache, dass die Zürcher mich, den 'Konkurrenten' aus Basel, eingeladen haben, zeigt, dass sich die Mentalitäten ändern." Scheidegger war an der Medienkonferenz vom Dienstag in Zürich mit dabei.

Im Gespräch mit swissinfo betont er, man müsse jetzt der Versuchung widerstehen, Schuldige auszumachen. "Das Problem, die grosse Gefahr, ist meiner Meinung nach die Suche nach einem Schuldigen. Ein Fehler, auch wenn er noch so tragisch ist, basiert fast immer auf einer Kette von Ereignissen."

Zusammenarbeit mit der NASA

Gemäss dem aktuellen Stand der Ermittlungen geht der Fehler bei der Herzoperation von Rosmarie Voser zurück auf Missverständnisse in der mündlichen Kommunikation. Das erstaunt Scheidegger nicht.

"Bei 85% der Zwischenfälle, die im medizinischen Bereich vorkommen, sind Kommunikationsfehler schuld. Das ist unvermeidbar in einem Bereich, in dem die Arbeit des Menschen nicht von Computern ersetzt werden kann."

Als landesweite Pioniere versuchen die Fachleute in Basel seit über 10 Jahren, hier Lösungen zu finden. 1992 stellte Scheidegger in Zusammenarbeit mit der NASA einen Simulator eines Operationssaales im Massstab 1:1 auf.

Zwei Jahre später kreierte seine Gruppe das erste Informatiksystem der Schweiz, an das Fehler und Unfälle gemeldet werden können (Critical Incident Reporting System, CIRS.

2002 übernahmen die Ärztegesellschaft FMH und der Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK das System.

Im Departement Anästhesie am Kantonsspital Basel werden pro Woche etwa fünf Ereignisse ins System eingegeben. "Wenn die Zahl sich auf zwei Fälle pro Woche verringern würde, wäre ich beunruhigt", sagt Scheidegger. "Ein solches System hat den Zweck, die Benutzer zu sensibilisieren und somit die Zahl der Fälle zu erhöhen."

Fehlermeldungen erst an wenigen Spitälern

Das Meldesystem CIRS wird noch nicht in der ganzen Schweiz angewandt. Erst wenige Mediziner arbeiten damit. "Rund 30 Spitäler haben es installiert, darunter das Universitätsspital Zürich. Doch installiert bedeutet noch nicht, dass es auch benutzt wird", erklärt Scheidegger.

Das Tabu der Allmacht, der Fehlerlosigkeit der Mediziner, ist also weiterhin nicht gebrochen.

Daniel Scheidegger bedauert auch, dass der Kurs, in dem Mediziner lernen, unter Stressbedingungen im Team zu arbeiten, wenig besucht ist. Auf die Beine gestellt hat Scheidegger die Weiterbildung übrigens mit der Swissair und jetzt mit Swiss.

"Für viele Mediziner, die Ausbildungsjahre hinter sich haben, in denen sie immer besser sein mussten als die anderen, ist es nicht einfach, ihre Schwächen in der Teamarbeit zu zeigen."

Wenn eine Belohnung zum Chaos führt...

In diesem Kurs gehe es um ganz Praktisches, erzählt Scheidegger weiter. "Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Fliegerei. Dort müssen die angehenden Piloten ein Flugzeug innert vier Minuten leeren. Das lässt sich ohne Probleme machen."

Dann werde die Übung wiederholt, diesmal erhalte der Schnellste eine Belohnung. Dabei habe er erlebt, dass auch nach 15 Minuten das Flugzeug noch nicht leer gewesen sei und die "Passagiere" hätten gebrochene Arme gehabt. "Das ist es, man muss sich vom Wettbewerbsgedanken befreien, wenn man im Team und unter Stress arbeitet."

Es bleibt ein Trost: In Deutschland ist man eben erst daran, das CIRS-System zu übernehmen. "In Europa gehören wir damit zu den Vorreitern", sagt Scheidegger.

swissinfo, Ariane Gigon Bormann, Zürich
(Übertragung aus dem Französischen: Eva Herrmann)

Fakten

Schätzungen gehen davon aus, dass es in der Schweiz pro Jahr 2000-3000 tödliche Irrtümer in der Medizin gibt.
Gemäss der Stiftung für Patientensicherheit treten bei 3% bis 16% der hospitalisierten Patienten unerwünschte Ereignisse auf, mehr als ein Drittel dieser Fälle wäre vermeidbar.
Seit 2002 propagieren FMH und SBK, Fehler anonym zu melden.
Ans CIRS-Meldesystem sind jedoch erst 30 Spitäler angeschlossen.

Infobox Ende

In Kürze

Die Ärzteschaft tut sich weiterhin schwer mit medizinischen Fehlern. Das anonyme Meldesystem setzt sich nur langsam durch.

Ganz auf Eis gelegt ist die Idee eines Fonds für Opfer von medizinischen Fehlern.

Während es solche Nothilfe in skandinavischen Ländern gibt, lässt sich hierzulande das Geld nicht auftreiben. Zudem ist die Angst gross vor Missbrauch.

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