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Das Jahrhundert der Italiener

Gastarbeiter im Bahnhof, Fünfziger Jahre.

(swissinfo.ch)

Ab 1870 wanderten Italiener in grosser Zahl in die Schweiz ein. Zuerst für die Arbeiten im Gotthard-Tunnel. Seither haben sie die Schweiz stärker beeinflusst als irgendeine andere Gruppe.

Ein neu erschienenes Buch rekonstruiert ein Jahrhundert italienischer Präsenz in der Schweiz.

Die Präsenz von Italienern in der Schweiz geht allerdings auf Zeiten vor 1870 zurück. Zu nennen wären da literarisch schwerwichtige Flüchtlinge wie Giuseppe Mazzini oder Ugo Foscolo, oder die wegen ihres Protestantismus Verfolgten aus Lucca und dem Veltlin, die sich in Genf und Zürich niederliessen, oder die Schafhirten aus dem Bergamasker Gebiet, die die Alpen überquerten.

Doch die Arbeiten am Gotthard-Tunnel öffneten ein neues Kapital in der Beziehung zwischen Italien und der Schweiz. Nicht nur, weil sich dadurch die Verkehrswege stark verkürzten. Sondern weil mit den Bauten auch Tausende von italienischen Arbeitern kamen. Dies führte zu einer Masseneinwanderung, die ihren Höhepunkt in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erreichte.

Fünf Millionen Italiener in und aus der Schweiz

Bis in die 80er Jahre fanden auf diese Weise rund fünf Millionen Italiener und Italienerinnen ein Auskommen und eine Existenz in der Schweiz. Geblieben sind davon 315'000, und ihre Anzahl nimmt ab. Als grösste Einwanderergruppe wurde sie in der letzten Jahren abgelöst von den Einwanderern aus den Republiken des ehemaligen Jugoslawien.

So gesehen mag sich das "Jahrhundert des Italiener in der Schweiz" seinem Ende zuneigen. Doch die Spuren der Italiener in der Gesellschaft, der Kultur und im Alltag der Schweizer bleiben so markant, dass die zeitgenössische Geschichte des Bundesstaats Schweiz ohne sie undenkbar wäre.

Dies stellen auch die rund 30 Autoren fest, deren Beiträge im Buch "Das Jahrhundert der Italiener in der Schweiz" erschienen sind, das von Ernst Halter herausgegeben wurde.

Unmerklich aber nachhaltig: Italianità setzt sich durch

28 Autoren, davon etwa die Hälfte Italiener, zeichnen ein Bild auf, das die Migrationsbewegung aus Italien in die Schweiz beschreibt, und gleichzeitig die geschichtlichen, politischen, sozialen und kulturellen Aspekte ausleuchtet.

Als Beispiel aus dem Alltag gilt die "arme Küche" der italienischen Immigrantinnen, welche die hiesigen kulinarischen Vorlieben fast unbemerkt, aber dafür sehr nachhaltig veränderte. Mode und Musik gelten als weitere Bereiche, in denen sich die "Italianità" durchsetzte.

Inzwischen geben sich Schweizer gelegentlich gar italienischer als die Italiener. Dies gilt aber auch umgekehrt: In der Schweiz lebende Italiener werden in ihrem Herkunftsland nicht selten als "Svizzerotti" belächelt. Das sind jene, die alles perfekt und sauber haben wollen und sich über den Schlendrian und Amtsschimmel in Italien aufregen.

Hin und her gerissen

Dies zeigt aber auch das Hin-und-Her-Gerissen-Sein der Italiener in der Schweiz. Das Leben zwischen zwei Welten kann mit Schwierigkeiten verbunden sein.

Für die ersten Einwanderer war die kulturelle Anpassung oftmals ein "schmerzhafter psychischer Prozess". So waren oder sind sie zum Beispiel hin und her gerissen zwischen fremd gewordener Heimat und immer heimatlich werdender Fremde.

Andererseits erhielten unzählige Italienerinnen und Italiener erst in der Schweiz die Chance, ihren "amerikanischen Traum" zu realisieren oder ein besseres Leben zu führen. Ein gut ausgebautes Vereinswesen sorgte für ein "Stück Italien in der Schweiz".

Scheinbar nicht integrierbar

Ein Thema ist auch die zeitweise schwierige Koexistenz. So führte die Masseneinwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg zu Verunsicherung und Vorurteilen in Teilen der Schweizer Bevölkerung. Vor allem Süditaliener - "arbeitsscheue Messerstecher" - galten als nicht integrierbar.

Die Fremdenfeindlichkeit gipfelte in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in so genannten "Überfremdungs-Initiativen".

In der Zwischenzeit gilt die Geschichte der Italienerinnen und Italiener in der Schweiz als Beispiel einer geglückten Koexistenz. Dass scheinbar nicht integrierbare Einwanderer positiv für die Entwicklung eines Landes sein können, ist eine wichtige Erkenntnis aus dem Buch "Das Jahrhundert der Italiener in der Schweiz".

swissinfo, Andrea Tognina und Agenturen

In Kürze

Das "Das Jahrhundert der Italiener in der Schweiz", herausgegeben von Ernst Halter im Offizin Verlag Zürich.

Das Buch umfasst rund 30 Beiträge von 28 Autorinnen und Autoren. Davon sind die Hälfte Italiener.

Unter anderem mitgeschrieben haben die Historiker Gérald und Silvia Arlettaz, Mauro Cerutti und Peter Manz, der Filmemacher Villi Hermann, der Lausanner Literaturprofessor Jean-Jacques Marchand, der Berner Linguistikprofessor Bruno Moretti und der Schriftsteller Leonardo Zanier aus dem Friaul.

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