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Der rote Kristall - nur ein halber Erfolg

Kreuz, Halbmond und Kristall: Sinnbild der Verteidigung von Menschenrechten und Opferhilfe.

(Keystone)

Laut Yves Besson schwächt der fehlende Konsens beim Abkommen über den Roten Kristall dessen politische Tragweite.

Der ehemalige Schweizer Diplomat glaubt trotzdem, dass dank diesem Symbol die Zusammenarbeit zwischen israelischen und palästinensischen Helfern vereinfacht wird. Ein Interview.

An diesem Donnerstag wurde der Rote Kristall definitiv zum Emblem der Rotkreuz-Bewegung, gleichberechtigt mit dem Kreuz und dem Halbmond. Die israelische Hilfsorganisation MDA wurde aufgenommen. Und das Abkommen vom Donnerstag ebnet auch den Weg für die Anerkennung des palästinensischen Roten Kreuzes.

Das Problem bestand in der nötigen Statutenrevision, um die beiden Gesellschaften aufnehmen zu können. Der Beschluss erfolge mit einer Wahl und war keine Konsens-Annahme, wie es sonst üblich ist.

Der Nahost-Spezialist und ehemalige Schweizer Diplomat, Yves Besson, spricht über die Probleme, die sich bei der Abstimmung über das Abkommen manifestiert hatten: 237 stimmten zu, 54 dagegen, 10 enthielten sich der Stimme.

swissinfo: Das neue Emblem wurde bei der Abstimmung nach Stimmen und nicht durch Konsens eingeführt. Ist das ein Misserfolg?

Yves Besson: Das ist ein halber Misserfolg. Die Rotkreuz-Bewegung und der Rote Halbmond funktionieren normalerweise durch Konsens. Denn eigentlich dürfte es keine Divergenzen in humanitären Fragen geben, bei der Notwendigkeit, den Opfern von bewaffneten Konflikten und Naturkatastrophen zu helfen.

swissinfo: Lässt sich dieser Misserfolg durch die Verschlechterung der Lage vor Ort erklären?

Y.B.: In der Geschichte des israelisch-arabischen Konfliktes gab es mehrere für die Diskussion günstige Zeitpunkte. Die vorbereitenden Verhandlungen zur Annahme des neuen Emblems haben in einem solchen Zusammenhang stattgefunden. Die Sitzung diese Woche fand aber mitten in einem neuen, erhöhten Spannungsfeld zwischen den Israelis und den Palästinensern statt.

Die Spannungen im ganzen Nahen Osten beeinflussten in dieser Woche die Sitzungen. Syrien hat zum Beispiel daran erinnert, dass der Golan immer noch durch Israel besetzt ist. Eine Region notabene, in der die von Libanon beanspruchten Bauernhöfe von Shaba stehen.

swissinfo: Welche Auswirkungen wird dieses Abkommen haben?

Y.B: Dieses Abkommen hat vor Ort keinen besonders guten Start. Es wird noch zahlreiche Fälle geben, bei denen palästinensische Krankenwagen in israelischen Kontrollpunkten blockiert werden. Dies bewirkt jeweils eine Verschlimmerung des Zustands der Patienten.

Die Helfer haben sich zwar mit dem israelischen Aussenministerium gut geeinigt, werden jedoch trotzdem immer wieder blockiert. Das IKRK hat übrigens das Mandat, solche Meinungsverschiedenheiten zu lösen und auf eine gute Anwendung des Abkommens aufzupassen.

swissinfo: Was sind die Ursachen für diese Blockaden vor Ort? Ist es das Fehlen von beiden Parteien anerkannten Grenzen?

Y.B.: In der Tat spielt dieser Aspekt eine Rolle genauso wie die Tatsache, dass Palästina im Gegensatz zu Israel kein souveräner Staat ist. Diplomatisch, juristisch und konkret heisst das: Israel befindet sich immer in der Position des Stärkeren.

swissinfo: Die beiden Hilfsorganisationen arbeiten aber schon seit einiger Zeit zusammen?

Y.B.: Genau. Denn diese Zusammenarbeit basiert auf dem guten, individuell vorhandenen Willen. Aus diesem Grund ist das am Donnerstag geschlossene Abkommen wertvoll. Denn es erweitert den Spielraum des guten Willens, der auf beiden Seiten besteht.

swissinfo: Könnte dieser neue Austausch den Weg öffnen für eine andere Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinensern?

Y.B.: Sie könnten eventuell dieselbe Funktion haben wie die Ping Pong-Spiele zwischen China und den USA 1971. Diese Turniere haben tatsächlich die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Mächten vorweggenommen.

Die Genfer Konventionen sehen vor, dass die Besatzungsmacht das öffentliche Gesundheitswesen in den Territorien, die sie kontrolliert, aufrecht erhalten muss.

Eines ist klar: Ein israelischer Krankenwagen kann nicht in palästinensischen Gebieten verkehren. Deshalb hat der hebräische Staat alles Interesse daran, dass das palästinensische Gesundheitsversorgung durch eine palästinensische Organisation erfolgt.

Dieses Abkommen ist für die Rotkreuz-Bewegung und den roten Halbmond ein Erfolg, da es einen mehr als ein halbes Jahrhundert alten Konflikt regelt.

swissinfo-Interview, Frédéric Burnand, Genf
(Übertragung aus dem Französischen: Etienne Strebel)

In Kürze

Die internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften vereinigt über 180 nationale Gesellschaften. Mit dem internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bildet sie die internationale Rotkreuz-Bewegung.

Die Schweiz ist Depositärstaat der Genfer Konventionen, welche die Grundlage für die Menschenrechte und die Rotkreuz-Bewegung bilden. Sein Emblem wurde 1864 in Genf offiziell anerkannt, ein Jahr nach der Gründung des IKRK.

Der Rote Halbmond wurde für die türkischstämmigen freiwilligen IKRK-Mitarbeiter im russisch-türkischen Krieg von 1876-78 geschaffen. Das Emblem wurde 1929 offiziell anerkannt und von 29 muslimischen Staaten übernommen.

Seit 1949 verwenden die israelischen Behörden ein Emblem mit dem Davidstern. Die Bewegung hat beschlossen, ein neues zu verwenden, frei von nationaler, kultureller, religiöser, politischer oder ethnischer Logik: den Roten Kristall.

Im Dezember 2005 fand in Genf eine von der Schweiz organisierte Konferenz über die Anerkennung des neuen Emblems statt. Nun mussten noch zwei Drittel der 183 nationalen Gesellschaften und der 192 Staaten die Konvention annehmen. Das ist jetzt geschehen.

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