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Die Fliege, das unbekannte Wesen

Die Fliege - als kunstvolle Skulptur.

(swissinfo.ch)

Ab heute töte ich keine Fliege mehr! Zu diesem Schluss kommen Sie vielleicht nach einem Besuch der Ausstellung "Mouches" im Naturhistorischen Museum Neuenburg.

Nach einer grossen Reise rund um dieses missverstandene Insekt lädt das Museum die Besucherinnen und Besucher wie im Mittelalter ein, ein Urteil zu sprechen.

"Das ist sicher eine Weltpremiere. Bis heute hat es wahrscheinlich niemand gewagt, eine Ausstellung über die Fliegen zu machen", sagt Christophe Dufour, Konservator des Museums.

"Damit führt man den Teufel in Versuchung", so Dufour weiter. "Die Fliegen – das ist wirklich eine Provokation. Ausserdem stehen die Entomologen, also die Insektenforscher, im Ruf, die langweiligsten aller Wissenschaftler zu sein."

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass das Naturhistorische Museum Neuenburg sich für ein etwas spezielles Thema einsetzt. So gab es denn bereits eine Ausstellung über Ratten.

"Wo denken Sie hin, die Ratte hat einen besseren Ruf als die Fliege", antwortet Dufour. "Das ist ein Haustier. Kennen Sie viele Leute, die sich eine Fliege halten?"

Die verkannte Feindin



Vielleicht nehmen sich nach dem Museumsbesuch nun einige eine Fliege als Haustier. Aber im Allgemeinen nervt die Fliege. Man tötet sie. Man zerdrückt sie zwischen zwei Fingern, erschlägt sie mit einer Fliegenklatsche, vergiftet sie mit einem Insektizid oder lässt sie elendiglich an einer von der Decke hängenden, klebrigen Fliegenfalle eingehen.

Wozu ist schliesslich eine Fliege gut? Sie surrt ja nur um uns herum. "Die Fliegen sind für das Funktionieren des Planeten unabdingbar", korrigiert der Konservator. "Sie helfen bei der Wiederverwertung von Laub, Aas und ähnlichem."

Einige haben sogar ungeahnte Fähigkeiten. Im Périgord nutzt man eine Fliegenart zum Trüffelsuchen. Die Trüffelfliege legt ihre Larven im Pilz ab. Man muss ihr nur noch nachgehen und graben.

In der Ausstellung erfährt man auch, dass einige Arten im Herbst auswandern. "Sie fliegen über die Alpen der Wärme entgegen. Dort legen sie ihre Larven. Im Frühling kehrt die junge Generation zu uns zurück", erklärt Jean-Paul Haenni, Konservator und Autor des vom MHN herausgegebenen Buches "Mouches".

Reise durch die Natur und die Kunst

"Unsere Wahrnehmung stützt sich auf fünf oder sechs Arten, dabei gibt es rund eine Million davon. Jedes fünfte Tier ist ein Zweiflügler", betont Dufour.

Schritt für Schritt gibt es neue Informationen in dieser sehr ästhetisch gestalteten Ausstellung, die in eine Kunstgalerie führt: Fliegenskulpturen auf einem Tonteppich aus Gesprächsbrocken, gesummten Dialogen.

Einige Schritte weiter kommen die Besucher in Kontakt mit dem lebenden Insekt. Beim Durchqueren einer Art Voliere lässt sich der Lebenszyklus der Fliege entdecken: Maden von Schraubenwurmfliegen knabbern an einem halb verwesten Steinmarder.

Igitt! Und doch erweisen sich diese Larven als sehr nützlich. So nutzt sie die Medizin zum Beispiel für die Astikotherapie, zur Behandlung bestimmter Wunden mit Maden.

Schuldig oder nicht?

Aber die Ausstellung will die Fliege nicht nur verteidigen. In einem Spitalzimmer zeigt sie auch deren dunkle Seite. Die Insekten sind für den Tod von Millionen von Personen verantwortlich, denn sie übertragen viele Krankheiten.

Etwas später versöhnt man sich, "Auge in Auge", wieder mit dem Insekt. Durch ein Vergrösserungsglas ist ein schönes Tier in Grossaufnahme zu sehen. Man sieht nur noch seine schillernden Farben und seine komplexe Struktur.

Das Urteil

Am Ende des Parcours werden alle zu Mitgliedern eines Volksgerichts, welches sich zuerst den Staatsanwalt und das Plädoyer des Fürsprechers anhört und dann über das Schicksal der Fliege zu entscheiden hat: töten oder begnadigen. Zwei unterschiedliche Filme schliessen, je nach Verdikt, die Ausstellung ab.

Zu Beginn wollte das Museum das Urteil konkret umsetzen. Aber gegen diese barbarische Praxis gab es Proteste.

swissinfo, Alexandra Richard
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

Fakten

Eine Fliege lebt rund drei Wochen.
Novartis liefert dem Museum 15'000 Fliegen pro Woche.
Sie kommen aus einem Labor im Kanton Freiburg.
Der Pharmariese braucht sie sonst zum Testen von Insektiziden.

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In Kürze

Die Ausstellung "Mouches" ist bis zum 6. März 2005 im Naturhistorischen Museum Neuenburg (MHN) zu sehen. Der Besuch dauert ungefähr zwei Stunden.

Gleichzeitig mit der Ausstellung veröffentlichte das Museum einen Bildband. Darin stellt Jean-Paul Haenni die Naturgeschichte der Zweiflügler, die Beziehungen zwischen Fliege und Mensch und eine Kulturgeschichte der Insekten vor.

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