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Die Magie des Films Wo Rauch ist, ist ein Oscar

(Keystone)

Für den amerikanischen Filmpreis 2013 kamen zwar keine Schweizer zu Ehren. Aber zwei Zürcher Helden hinter den Kulissen – deren Arbeit im vergangenen Jahr bei einigen Kassenschlagern beteiligt war – erhielten einen "technischen Oscar".

Markus Gross, Professor für Computergrafiken an der Eidgenössischen technischen Hochschule Zürich (ETHZ) und Direktor des Disney Research Zurich, gibt im Gespräch mit swissinfo.ch Auskunft über das Zusammenwirken von Wissenschaft, Geschäft und Kunst, und weshalb er seine ausgezeichnete Software nicht patentieren liess.

Am 9. Februar konnten Gross, sein ehemaliger Nachdiplom-Studienkollege Nils Thürey sowie zwei weitere Wissenschaftler der Cornell Universität an einer Gala in Berverly Hills den "Technical Achievement Award" in Empfang nehmen.

Die Basis ihres Erfolgs lässt sich mit zwei Worten beschreiben: Strömungs-Turbulenz. 2008 entwickelten sie eine Software für die realistisch wirkenden Simulationen von Explosionen und Rauchentwicklungen in Filmsequenzen (Vgl. Video).

Das von Steven Spielberg mitbegründete Filmstudio Dream Works hat die Software 2009 bei Monsters vs Aliens eingesetzt. Seitdem ist sie Standard in der Filmindustrie. In mehr als 20 Hollywood Produktionen, darunter Avatar, Battleship, Sherlock Holmes, Alice im Wunderland, Hugo, Kung Fu Panda, The Amazing Spider-Man, und demnächst in Iron Man 3 und Man of Steel, wurde sie verwendet.

swissinfo.ch: Bestimmt haben Sie mit ihrer Arbeit der Strömungs-Turbulenzen nicht begonnen, um einen Oscar zu gewinnen?

M.G.: Wir sind Akademiker, Forscher, und Forscher treffen sich oft an Konferenzen, wo sie Ideen entwickeln und ihre Zusammenarbeit beginnt, mit dem Ziel, vielleicht einen Artikel zu publizieren, mit einer Innovation aufzuwarten.

Das haben wir getan. Wir trafen uns an der jährlichen ACM SIGRAPH-Konferenz (die führende Konferenz für Computer-Grafik). Dort wurde die Idee für diese spezielle Technologie geboren. Wir haben sie weiterentwickelt und ein Konzept ausgearbeitet, die Anwendungen durchgeführt und unsere Forschungsarbeit der ACM SIGRAPH-Konferenz eingereicht. Dort wurde sie angenommen und im folgenden Jahr publiziert.

Dann haben wir den Code online geschaltet, so dass jede und jeder sie verwenden konnte. Wir haben sie nie patentieren oder als IP (intellectual property) deklarieren lassen.

swissinfo.ch: Wie hat die Zusammenarbeit zwischen der ETH und Disney begonnen?

M.G.: Sie hat bereits vor Jahren begonnen. Disney Research ist Teil der Unternehmensstrategie, auf Technologie zu fokussieren. Als Teil dieser Strategie wurde bei Disney entschieden, externe Forschungslabors zu schaffen, die den Forschungsinstitutionen der Weltklasse nahe sind. Weil wir an der ETH seit Jahren im Bereich visueller Berechnungen und Computer animierter Spezialeffekte arbeiten, wählten sie uns als einen von zwei Orten aus, um diese Labors aufzubauen. Der andere Ort befindet sich an der Carnegie Mellon Universität.

Oscar-Gewinner

Die amerikanische Filmkunst-Akademie hat am 24. Februar im Dolby Theater in Los Angeles zum 85. Mal ihre Preise vergeben. Die Gewinner sind:

Bester Film: "Argo" von Ben Affleck

Beste Regie: Ang Lee ("Life of Pi")

Bester Hauptdarsteller: Daniel Day-Lewis "Lincoln"

Beste Hauptdarstellerin: Jennifer Lawrence "Silver Linings Playbook"

Bester Animationsfilm: Brave

Bester fremdsprachiger Film: "Amour" (Österreich)

Bester Dokumentarfilm: "Searching for Sugar Man"

Beste Spezialeffekte: "Life of Pi"

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swissinfo.ch: Welches sind die Vorteile für beide Seiten?

M.G.: Für die ETH ist es wunderbar. Erstens erhalten wir Zugang zu sehr interessanten Anwendungsproblemen im Unterhaltungsbereich. Wir können mit neuartigen Technologien arbeiten, die im Prinzip von Milliarden Leuten in Filmen oder Freizeitparks angeschaut werden können. Für die ETH ist es besonders interessant, weil wir viele IP schaffen – wir melden Patente an, die beiden Partnern gehören. Disney sponsert auch eine beachtliche Anzahl Doktoranden an der ETH, die an Disney-Inhalten arbeiten.

Auf der andern Seite liefert die ETH für Disney eine intellektuelle und physische Infrastruktur – die Labors wurden so gestaltet, dass sie eine hohe Durchlässigkeit zwischen den beiden Institutionen zulassen.

Die erfahrenen Forscher, die wir anstellen und die für Disney arbeiten, können in die wissenschaftliche Ausbildung einbezogen werden, mit Doktoranden arbeiten oder Master-Studenten mitbetreuen – es ist meistens wie ein Universitäts-Milieu, aber wir achten sehr darauf, wie wir das intellektuelle Eigentum schützen können.

Dieser hohe Grad an Durchlässigkeit verleiht Disney den Zugang zu einer Kategorie von Wissenschaftlern, die sonst für ein industrielles Forschungslabor nur sehr schwierig zu bekommen wären.

swissinfo.ch: Wie Sie sagen, haben Milliarden Menschen Ihre Arbeit gesehen, aber oft wird die Qualität visueller Effekte nicht bemerkt. Ärgert Sie dies nicht manchmal, angesichts der harten Arbeit, die dahinter steckt?

M.G.: Das ist genau das Ziel. Wir wollen die Realität mit einer Vielzahl von Spezialeffekten nachahmen. Mit all den physikalischen Simulationen, die wir machen, wollen wir wirklich die physikalischen Phänomene imitieren. Aber in unserem Fall wollen wir Methoden und Effekte herstellen, die so natürlich wie möglich sind und sich visuell so wenig wie möglich von der Wirklichkeit unterscheiden.

Markus Gross

1986 Diploma Degree in Computer Engineering, Saarland University, Germany

1989 PhD, Saarland University, Germany

1990-1994 Computer Graphics Center, Technical University Darmstadt, Germany

1995 Venia Legendi in Computer Science, TU Darmstadt, Germany

1994-1997 Assistant Professor of Computer Science, ETH Zurich

1997-present Full Professor of Computer Science, ETH Zurich

2004-2008 Head of the Institute of Computational Science

2008 Director of Disney Research Zurich

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swissinfo.ch: Sind Sie mit dem Resultat auf der Leinwand zufrieden? Gehen Sie überhaupt manchmal ins Kino?

M.G.: Oh ja – vielleicht einmal pro Woche. Ich sehe mir zwei verschiedene Filmgattungen an: Die eine ist geprägt von Spezialeffekten, wie in Phantasie- und Sciencefiction-Filmen; aber auch 3D-Filme, weil wir sehr oft mit stereoskopischen 3D arbeiten. Aber diese Filme schaue ich mir nur an, um die Qualität der visuellen Effekte zu beurteilen – weniger wegen der Geschichte.

Zur zweiten Gattung gehören Filme, die Geschichten erzählen, in denen die Schauspieler im Vordergrund stehen und bei denen die visuellen Effekte nicht so wichtig sind, wie bei Carnage oder The King's Speech (vgl. Rubrik "Zum Thema") – wirklich gutes Kino.

swissinfo.ch: Woran arbeiten Sie derzeit? Wofür werden Sie den nächsten Oscar erhalten?

M.G.: Im Moment konzentrieren wir uns auf Gesichts-Animation. Wir haben ein sehr hübsches Gesichtsbewegungs-Erfassungssystem entwickelt, das uns erlaubt, die Gesichtsgeometrie bis hinunter auf die Poren der Haut, auf die Mikrogeometrie zu rekonstruieren.

Es handelt sich um eine grundlegende Technologie, die sich für alle Arten visueller Effekte auf menschlichen Gesichtern anwenden lässt. Diese Effekte gehören immer noch zu den heikelsten wegen der hohen Sensitivität des menschlichen visuellen Systems in Bezug auf menschliche Bewegung.

swissinfo.ch: Stichwort Uncanny Valley?

M.G.: Genau, es ist der Uncanny-Valley-Effekt (Vgl. link) – wir sind sehr darauf fixiert. Ich hoffe, dass dies alles bis in einigen Jahren in grossen Produktionen Eingang finden und vielleicht von der Akademie für einen Award in Betracht gezogen wird.


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch

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