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Die Schweiz – ein AKW-Altersheim

Das AKW Beznau 1968 im Bau: Heute der dienstälteste Reaktor der Welt.

(RDB)

Ende Februar wurde in Oldbury, England, das mit 44 Betriebsjahren älteste AKW stillgelegt. Damit wird das 1969 gebaute Schweizer AKW Beznau das älteste der Welt. AKW-Gegner fordern dessen Stilllegung. Der Bundesrat ist jedoch gegen vorzeitige Alterslimiten.

Das Atomkraftwerk Beznau, Kanton Aargau, soll stillgelegt werden. Das fordern Umwelt-Organisationen, AKW-Gegner und linke Parteien aus den Kantonen Aargau und Solothurn. Beznau I war am 1. September 1969 in Betrieb gegangen, der weitgehend baugleiche Reaktor II am 1. Dezember 1971.

Dass die Schweiz mit Beznau I nun das mit über 42 Betriebsjahren älteste AKW der Welt hat, ist für den grünen Aargauer Nationalrat Geri Müller "kein Grund zum Feiern, aber einmal mehr ein Grund, das AKW definitiv abzustellen". Überdies sei Beznau I schon lange der älteste Druckwasserreaktor der Welt, sagt Müller gegenüber swissinfo.ch. "Ein unrühmlicher Rekord."

Laut den AKW-Gegnern zeigen Sicherheitsprobleme, dass die Zeit von Beznau I abgelaufen ist. Die Notstromversorgung sei unzuverlässig, der Reaktordeckel habe Korrosionsprobleme, und das Stahl-Containment weise Risse auf.

Beznau sei für 20, 25 Jahre Betriebsdauer konzipiert worden, sagt Müller. "Man hat inzwischen zwar einige Dinge revidiert, doch das Chassis, um in der Autosprache zu sprechen, ist immer noch der 'VW-Käfer' von damals und ist nicht zu einem 'Beetle' geworden, zu einem komplett neuen Auto-Konstrukt."

Der AKW-Betreiber Axpo solle das Geld statt für Nachrüstungen von Beznau sinnvoller in erneuerbare Energien investieren, so Müller.

Kritik zurückgewiesen

"Die Sicherheit hatte und hat für die Axpo stets höchste Priorität", heisst es beim Energiekonzern.

So habe man in den letzten Jahren 1,6 Mrd. Franken in Beznau investiert und werde in den nächsten Jahren nochmals 700 Mio. verbauen. Unter anderem werde in eine autarke Notstromversorgung investiert, zur Ergänzung der bisher dreifach redundanten Notstromversorgung.

Die Reaktordruckdeckel sind gemäss Axpo vollständig intakt. Sie würden aber ausgewechselt, weil in vergleichbaren Anlagen Ermüdungserscheinungen beobachtet worden seien. Auch das Containment weise keinerlei Risse auf.

Damaliger Zeitgeist im Zeichen der Kernenergie

Der Stromverbrauch nahm seit Ende des Zweiten Weltkrieges stetig zu. 1964 ermahnte Bundesrat Willy Spühler die Elektrizitätswirtschaft, "unmittelbar auf den Bau von Atomkraftwerken zuzusteuern", dies anstelle von Kraftwerken mit Ölfeuerung. Unterstützung erhielt der Bundesrat auch von Naturschutzkreisen, weil sich gegen ölgefeuerte Kraftwerke Widerstand in der Bevölkerung regte.

Ende 1964 wurde der Baubeschluss für ein AKW auf der Aare-Insel Beznau gefällt. 1969 wurde Beznau I in Betrieb genommen, 1971 folgten Beznau II und 1972 Mühleberg, Kanton Bern. Dann prognostizierten die Energieunternehmen eine baldige Stromlücke, wenn nicht mindestens neun zusätzliche AKW erstellt würden. Zwei davon wurden gebaut (1979 Gösgen, Kanton Solothurn, und 1984 Leibstadt, Aargau).

Meinungsumschwünge

1977 nahmen 10'000 AKW-Gegner am Pfingstmarsch nach Gösgen teil – der Beginn der starken Anti-AKW-Bewegung in der Schweiz. Das dritte Projekt, Kaiseraugst (Aargau), wurde so heftig bekämpft, dass es 1988 beerdigt wurde.

Unter dem Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl 1986 sagte das Schweizer Stimmvolk 1990 Ja zu einem 10-jährigen AKW-Moratorium. 1998 entschied der Bundesrat den faktischen Ausstieg aus der Kernenergie.

Nach Ende des Moratoriums forderte die Atomlobby neue Anlagen. 2003 wurden die beiden Volksinitiativen "Strom ohne Atom" (für den Ausstieg) und "Moratorium Plus" (für ein weiteres 10-jähriges Moratorium) abgelehnt.

2005 trat das revidierte Kernenergiegesetz in Kraft. Dieses liess die Option Atomenergie offen und unterstellte neue AKW dem fakultativen Referendum. Im Februar 2007 beschloss der Bundesrat, die bestehenden AKW zu ersetzen oder durch Neubauten zu ergänzen.

Der Höhenflug der Ölpreise 2008 sowie die Klimawandel-Diskussion machten die Argumente der Stromwirtschaft zugunsten neuer AKW – saubere und sichere Energie – wieder salonfähig.

Doch im Frühjahr 2011 passierte die Katastrophe im japanischen Fukushima. Ein historisches Jahr der Energiewende in der Schweiz: Bundesrat und Parlament entschieden, schrittweise aus der Atomkraft auszusteigen.

Gesellschaftspolitische Veränderungen und Betroffenheit

Die historischen Schwankungen der Haltung zur Atomenergie von Bevölkerung, Regierung und Parlament führt Philipp Hänggi, Geschäftsleiter von Swissnuclear, auf grössere gesellschaftspolitische Veränderungen zurück.

"Die Entscheide im letzten Jahr waren aus unserer Sicht stark geprägt von ersten Eindrücken und den anstehenden Wahlen im Herbst", sagt Hänggi gegenüber swissinfo.ch. Swissnuclear setzt sich aus Vertretern der schweizerischen Stromverbund-Unternehmen zusammen.

"Viele andere Länder, mit der Ausnahme von Deutschland, haben sich deutlich mehr Zeit zur Analyse der Situation gegeben und oft auch andere Schlüsse gezogen, wie zum Beispiel England, USA, Frankreich, Schweden, Finnland, Polen", so Hänggi.

Für Nationalrat Geri Müller spielt bei den Schwankungen in der Haltung zur Atomenergie Betroffenheit eine sehr grosse Rolle.

"Nach Ereignissen wie Three Mile Island in den USA, Tschernobyl und jüngst Fukushima sieht man, dass die Ereignis-Wahrscheinlichkeit, die einst auf 1:1 Mio. angesetzt worden ist, jetzt in Jahrzehnten gerechnet schon dreimal eingetroffen ist. Da fragen sich die Leute, wann und wo geschieht das nächstes Mal." Wenn dann längere Zeit nichts passiere, gehe die Sorge wieder etwas zurück.

50 Betriebsjahre für 5 AKW

In der Schweiz gibt es gesetzlich keine Laufzeitbegrenzung für AKW. Die Sicherheit müsse jederzeit gewährleistet, von den Betreibern nachgewiesen und vom Eidgenössischen Nuklearsicherheits-Inspektorat (Ensi) kontrolliert werden, hielt der Bundesrat kürzlich fest.

Der Bundesrat rechnet bei den bestehenden fünf AKW mit einer Betriebsdauer von voraussichtlich 50 Jahren. Damit müssten Beznau I 2019, Beznau II und Mühleberg 2022 sowie Gösgen 2029 und Leibstadt 2034 vom Netz genommen werden. Für eine vorzeitige Stilllegung sieht der Bundesrat "keinen Anlass".

Beznau: Kritik an Hochwasserberechnung

Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) verlangt neue Hochwasser-Berechnungen für das AKW Beznau. Grund: Eine Gruppe besorgter Beznau-Anwohner habe festgestellt, dass Betreiberin Axpo in ihren Hochwasser-Berechnungen wichtige Aspekte ausgeblendet habe, wie die SonntagsZeitung (26.02.12) schreibt.

So habe der Energiekonzern den Einfluss von Geschiebe und Schwemmgut wie Bäume oder Häuserteile bei einem Extremhochwasser vernachlässigt.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheits-Inspektorat (Ensi) habe der Gruppe bestätigt, dass die Axpo ein Programm zur Gefahrenberechnung verwende, das weder Geschiebe noch Schwemmgut berücksichtige.

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Initiative gegen Mühleberg steht

Das Berner Stimmvolk kann mitreden, ob das Atomkraftwerk Mühleberg weiterbetrieben werden soll. Die Volksinitiative "Mühleberg vom Netz" ist im Februar zustande gekommen.

Das kantonale Volksbegehren verlangt, dass der Kanton als Mehrheitsaktionär der Betreiberin BKW für die sofortige Stilllegung des Reaktors sorgt.

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Atomkraft weltweit

Von den 27 EU-Staaten setzten 14 bei der Energiegewinnung auf Kernkraft. Frankreich gehört mit einem Anteil von 80% an seinem Energieverbrauch zur Spitzengruppe. Einige Reaktoren stehen auch in erdbebengefährdeten Gebieten.

Die meisten zählt Frankreich, nämlich deren 58; es folgen Russland (32), Grossbritannien (18), Deutschland (17), Ukraine (15), Schweden (10), Spanien (8), Belgien (7), Tschechien (6), Schweiz (5), Finnland (4), Ungarn (4), Slowakei(4), Bulgarien (2), Rumänien (2), Slowenien (1), Niederlande (1). Italien und Polen haben Pläne zum Bau von Anlagen.

Spitzenreiter in der übrigen Welt sind die USA (104), Japan (55), Südkorea (21), Indien (20), Kanada (18) und China (13).

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