Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Durchbruch in der Rückenmark-Forschung

In der Schweiz werden jedes Jahr rund 180 neue Paraplegie-Fälle registriert.

(Keystone)

Novartis führt klinische Versuche bei Menschen mit Rückenmarkverletzungen durch, nachdem Nerven im beschädigten Rückenmark von Affen wiedergestellt wurden.

Sie folgen auf umfangreiche Rückenmarks-Regenerations-Forschungen an den Universitäten von Zürich und Freiburg, über die diese Woche in nature medicine berichtet wurde.

Die Entdeckungen der Wissenschafter und der Begin der ersten Versuche bei Menschen sind wichtige Schritte, um Querschnittgelähmten zu helfen, ihre Mobilität wiederzuerlangen.

"Wir haben einen wichtigen Meilenstein in einem sehr langwierigen Prozess erreicht", sag Eric Rouiller, Professsor für Physiologie an der Universität Freiburg gegenüber swissinfo.

In ihrem sechsjährigen Forschungsprogramm trennten die Forscher Rückenmarksverbindungen bei 12 Affen, welche zur Lähmung einer Hand führten.

Die Affen wurden dann mit dem Antikörper anti-Nogo behandelt, der es Nerven ermöglicht, um bis zu 12 Millimeter zu wachsen. Damit erlangten die Affen 80% ihrer Bewegungsfähigkeit wieder.

Angeregt durch diese Forschungsergebnisse hat Novartis nun die erste Phase von klinischen Versuchen an Menschen begonnen. Dabei arbeitet die Firma zusammen mit dem Rückenmark-Verletzungszentrum der Universität Zürich und anderen europäischen und amerikanischen Rückenmarks-Verletzungszentren.

Die Versuche sind bestimmt für Personen, die eine entsprechende Verletzung 10 Tage vor Behandlungsbeginn erlitten haben also nicht für Langzeit-Querschnitt-Gelähmte.

In der ersten Phase wird den 15 Patienten eine kleine Pumpe eingesetzt, um die anti-Nogo Antikörper ins Rückenmark einspritzen zu können.

Wenn alles gut geht, sagt Novartis, startet die zweite Forschungsreihe im Frühjahr 2007, wo Sicherheit und Wirksamkeit dieser Therapie an rund 100 Personen erforscht werden soll.

Vorsicht

Trotz ihres Optimismus äussern sich die Forscher vorsichtig zum Erfolg ihrer Versuche. Rouilller betont den langfristigen Aspekt und sagt, den Patienten dürfe nicht zu viel Hoffnung gemacht werden.

"Man muss daran denken, dass klinische Versuche das schwierigste Stadium der Forschung sind und immer unvorhergesehene Überraschungen auftauchen können", sagt er.

Martin Schwab, ein führender Schweizer Neurobiologe und Chef des Zentrums für Neurowissenschaften Zürich vergleicht eine Rückenmarkverletzung mit einer Bombe, die in einem Computerraum explodiert. "Es ist deshalb nicht überraschend, wenn Nervenverbindungen nicht mehr richtig nachwachsen."

Bei einer Rückenmarkverletzung gibt es im Allgemeinen mehr gequetschte Nerven als getrennte. Rouiller ist davon überzeugt, dass seine Affen-Versuche repräsentativ sind für jene Fälle, wo die Nervenverbindungen nicht total zerstört sind.

Die Forscher jedenfalls sind überzeugt, dass es bessere Heilungschancen für Menschen mit Rückenmarksverletzungen gibt. Schwabs realistische Hoffnung geht dahin, dass ein Paraplegiker einen Teil seiner Bewegungsfähigkeit zurück erlangen könnte – wahrscheinlich mit Hilfe von Krücken und Geländern – und dass die Kontrolle über die Blasenfunktion wieder hergestellt werden könnte.

Die Wissenschafter sind überzeugt, dass zur Wiedergewinnung der Mobilität eine Multitherapie nötig ist. Darin eingeschlossen ein Nogo-Blocker um das Nervenwachstum zu fördern und eine Art Zelltransplantation zu Behandlung von schweren Lähmungen.

Was auch immer geschieht, Schwab freut sich, dass die Forschung bei Lähmungen stark ausgedehnt wird: "Selbst wenn unsere Bemühungen nicht zu einer Therapie führen sollten, werden wahrscheinlich andere Erfolg haben."

swissinfo, Simon Bradley
(Übertragung aus dem Englischen: Etienne Strebel)

Fakten

In der Schweiz gibt es rund 2200 Menschen mit Rückenmarkverletzungen.

Jährlich erleiden rund 180 Menschen eine Querschnittlähmung, 50% davon mit schweren Verletzungen.

Die meisten Rückenmarksverletzungen treten im Bereich der Hals- und der Lendenwirbelsäule auf.

Infobox Ende

In Kürze

1988 identifizierte Martin Schwab als erster eine Substanz im Zentralnervensystem welche verhindert, dass Gehirn und Rückenmark sich nach einer Verletzung selbst reparieren.

Das Gen wird Nogo genannt, da es ein Protein produziert, welches das Nachwachsen beschädigter Nerven verhindert, nachdem sie durchtrennt wurden.

Schwabs Team entwickelte einen Antikörper, der das blockierende Protein neutralisiert und damit den Nerven die Möglichkeit gibt, wieder zusammenzuwachsen.

Die ersten Forschungen wurden an Ratten durchgeführt, die durch Rückenmarkschnitte teilweise gelähmt waren. Darauf wurde ihnen der Antikörper verabreicht. Die Nervenenden wuchsen wieder zusammen und die Tiere konnten ihre normalen Tätigkeiten wieder aufnehmen.

Rouiller führte die Tests mit 12 Affen durch, deren Rückenmarkverbindungen dem Menschen relativ ähnlich sind.

Nachdem ihr Rückenmark teilweise durchtrennt und dann mit dem Antikörper behandelt worden war, gewannen die teilweise gelähmten Tiere ihre Handbewegungs-Fähigkeit zu 80% zurück.

Infobox Ende


Links

Neuer Inhalt

Horizontal Line


subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.

swissinfo DE

Aufruf, der Facebook-Seite von swissinfo.ch beizutreten

Treten Sie unserer Facebook Seite auf Deutsch bei!

×