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Ein Schweizer als Geburtshelfer der Republik Estland

Lastwagen für die Armee, Exporte für die Industrie: Jürg und Diana Würtenberg.

(swissinfo.ch)

Jürg Würtenberg, ehemaliger Hochsee-Funker und Leiter einer Therapiestation für Drogensüchtige, lebt seit 1990 in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Er ist Präsident der Schweizerisch-Baltischen Handelskammer. Seine Frau ist Geschäftsführerin. Eine Begegnung am Frühstückstisch.

"Diana hat extra einen Schweizer Zopf gebacken", sagt Jürg Würtenberg und schenkt Kaffee ein. "Heute Nachmittag reisen wir mit unsern Kindern auf die Insel Hiiumaa und werden dort die Sommersonnenwende feiern."

Diana Würtenberg ist auf Hiiumaa aufgewachsen und hat in Riga, der Hauptstadt des Nachbarlandes Lettland, studiert: "Das war zu Zeiten der Sowjetokkupation. Die Insel war militärisches Sperrgebiet. Ich hatte eine Jahresbewilligung und konnte so meine Eltern besuchen. Wenn ich allerdings Gäste auf die Insel einladen wollte, musste ich sechs Monate im Voraus einen Antrag stellen."

Kennengelernt haben sich die beiden bei der Schweizer Firma Schöttli AG in Diessenhofen. Diese hatte 1995 in Tallin eine Filiale eröffnet. "Als ich das erfahren habe, habe ich mit der Firma Kontakt aufgenommen. Der Inhaber hat mir erzählt, er habe in Tallinn eine Geschäftsführerin angestellt, die ihm ein Headhunter aus 500 Bewerbern empfohlen habe", erzählt Jürg Würtenberg.

"Zurück in Tallinn, war ich neugierig und ging mal schauen, wer diese Mitarbeiterin ist. Es war Diana." - Seither leben und arbeiten die beiden zusammen. Er ist Präsident der von ihm gegründeten Schweizerisch-Baltischen Handelskammer. Sie ist Geschäftsführerin.

Einladungen für Firmen besorgt

Jürg Würtenberg wohnt seit den frühen 1990er-Jahren in Tallinn. Vorher war er Funkoffizier auf Hochseeschiffen und stellte in den 1960er-Jahren den Vertrieb des Zürcher Tages- Anzeigers auf EDV um. Danach gründete er im Zürcher Oberland eine Therapie-Station für Drogensüchtige.

"Nach Tallinn kam ich 1990 als Direktor eine Firma, die Computer verkaufte. Ich hatte drei Sekretärinnen und zwei Programmierer. Computer haben wir keine verkauft. Aber es gab immer mehr Firmen hier, die Bewilligungen haben wollten, um ins Ausland zu fahren. Dafür brauchten sie eine Einladung einer westlichen Firma. Solche habe ich den Firmen besorgt", erzählt Würtenberg.

Lennart Meri und das Telefon aus der Schweiz

"Eines Tages kam ein Professor in mein Büro und fragte mich, was man machen müsse, wenn man einen selbständigen Staat gründen wolle." – Würtenberg hat die Schweizerische Bundesverfassung übersetzt, "mit Hilfe von estnischen Übersetzern" und wurde Berater der ersten estnischen Regierung.

Würtenberg kennt sie alle, die Präsidenten und Minister der jungen estnischen Republik, so auch den bekanntesten estnischen Politiker, den 2006 verstorbenen Lennart Meri. Meri war von 1992 bis 2001 Minister-Präsident von Estland.

"Meri hatte eine Phobie, die Russen würden wieder zurückkommen", erzählt Würtenberg und schenkt Kaffee nach: "Einmal, als der damalige Schweizer Nationalrat François Loeb zu Besuch war, sagte Meri zu ihm: 'Wissen Sie, es gibt so einen Koffer. Drinnen hat es ein Satelliten-Telefon. Ich möchte so eins haben, dann kann ich den Nato-Generalsekretär anrufen, falls die Russen wieder kommen und die Telefonleitungen gesperrt sind'."

Loeb habe Meri ein Satelliten-Telefon der Schweizer Firma Ascom beschafft, so Würtenberg. "Gebraucht hat er es nie. Er hat es aber ständig im Kofferraum seines Dienstwagens mitgeführt."

Am Arbeitstisch des Präsidenten

Auch die estnische Armee kam in den Genuss von Schweizer Qualitätsmaterial. "Ich sass am Arbeitstisch des Präsidenten, dort wo normalerweise die Sekretärin sitzt und schrieb ein Gesuch an den damaligen Präsidenten der Militärkommission, Ernst Cincera. Meri hat das Gesuch unterzeichnet und in die Schweiz geschickt."


Resultat: Die Schweizer Armee schenkte der estnischen Armee 300 ausgemusterte Militärfahrzeuge. "Die estnischen Offiziere waren begeistert, denn die Fahrzeuge waren in einem guten Zustand und hatten neue Batterien unter der Haube. Die deutsche Armee lieferte damals auch Armeefahrzeuge. Deren Batterien waren allerdings nicht mehr funktionstüchtig. Deshalb mussten die Fahrzeuge im Hafen von Tallin aus den Frachtschiffen gezogen werden", erinnert sich Würtenberg.

"Noch heute können Sie auf der Strasse oder an einer Militärparade ab und zu einen Berna- oder Saurer-Lastwagen sehen, obschon Estland jetzt in der Nato ist und die Armee neues Material hat."

Schweizer Exporte

Das Kerngeschäft der Schweizerisch-Baltischen Handelskammer ist die Beratung von Schweizer Firmen, die nach Estland exportieren oder eine Filiale gründen wollen. Das sei nicht immer einfach, erzählt Diana Würtenberg: "Die Schweizer Firmen sagen vielfach, das Baltikum sei zu klein und zu unbedeutend."

Dennoch haben einige Schweizer Firmen in Tallinn eine Niederlassung. Als erste gründete die auf den Bau von Präzisionsmaschinen spezialisierte Max Daetwyler AG eine Filiale in Estland. "1995 sind Max und ich während dreier Wochen zusammen in der Gegend rumgefahren und haben einen Standort gesucht. Jetzt hat die Firma 50 Angestellte", so Würtenberg.

Inzwischen sind auch die Kinder aufgewacht. Auch sie freuen sich über den frischen Zopf auf dem Tisch.

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Schweiz und EU

Die EU hat ihre Kohäsionspolitik 1986 eingeführt. Ziel ist eine Umverteilung zwischen reicheren und ärmeren Staaten.

Von 1988 bis 2004 wurden dafür rund 500 Mrd. Euro eingesetzt.

Mit der EU-Osterweiterung 2004 kamen 10 neue, meist mittelosteuropäische Staaten dazu. Seither fliessen die meisten Kohäsionsgelder der EU in die neuen EU-Länder, also seit 2007 auch nach Rumänien.

Die Schweiz geht seit dem positiven Volksentscheid vom November 2006 eigenständig Verpflichtungen in Form von konkreten Projekten ein .

Eigenständig heisst, dass der Schweizer Erweiterungsbeitrag nicht in den EU-Kohäsionsfonds fliesst, sondern die Schweiz selbst entscheidet, welche Projekte unterstützt werden.

Von 1990 bis 2006 zahlte die Schweiz 3,45 Mrd. Franken Ost-Transitionshilfe und von 2007 bis 2011 weitere 0,73 Milliarden an nicht EU-Länder.

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(swissinfo.ch)

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