Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Eine zweite Chance

Südafrika hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt.

(Keystone)

Südafrika hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt. Die Schweiz beteiligt sich an Projekten zur Wiedereingliederung von jungen Straftätern.

Zielgruppe sind Jugendliche im Alter zwischen 18 und 25 Jahren.

In diesem Jahr feiert Südafrika sein zehnjähriges Bestehen als freie demokratische Nation. Innerhalb kurzer Zeit wurden auf institutioneller, wirtschaftlicher und sozialer Ebene gewaltige Fortschritte erzielt.

Doch das Vermächtnis der Apartheid und die koloniale Vergangenheit Südafrikas lassen sich nicht von heute auf morgen abstreifen.

Gesellschaftlicher Graben

Im Land am Kap lebt auch nach der Überwindung der Apartheid ein Grossteil der schwarzen Bevölkerung in Armut. Die neue südafrikanische Regierung muss enorme Entwicklungs-Anstrengungen unternehmen, um den wirtschaftlichen und sozialen Graben zwischen einer reichen Minderheit und einer armen Mehrheit zu reduzieren.

Die Armut, Arbeitslosigkeit und Unmoral, die das Apartheid-System hinterlassen hat, schlagen sich in hoher Kriminalität nieder. In den 236 Gefängnissen, die es im heutigen Südafrika gibt, sitzen 180'000 Häftlinge – vier von tausend Südafrikanern.

"Universitäten des Verbrechens"

Die Rückfallquote liegt bei 75-95%. Wer keine Arbeit findet, wird bald wieder kriminell. Die südafrikanischen Gefängnisse gelten als "Universitäten des Verbrechens". Die Statistik spricht von fast 20'000 Morden pro Jahr.

Obwohl die Regierung im Bereich der Verbrechensbekämpfung Fortschritte verzeichnen konnte, bleiben die Gefängnisse überfüllt. Offizielle Rehabilitierungs- und Reintegrations-Programme gibt es jedoch nur wenige. Umso wichtiger sind deshalb entsprechende Programme von Nichtregierungs-Organisationen (NGOs).

Stark genug

Das Nationale Institut für die Verbrechensprävention und Reintegration (NICRO) bereitet mit dem Programm "Tough Enough" (stark genug) junge Häftlinge während drei Monaten auf die Freilassung vor, hilft ihnen bei der Arbeitssuche und betreut sie nach der Rückkehr in ihre Familien und Quartiergemeinschaften.

Dieses Programm wird von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) mit einem Betrag von 850'000 Franken unterstützt. Im vergangenen Jahr konnten 5618 Gefangene davon profitieren.

Laut Angaben von Annamarie Minder, stellvertretende Leiterin des DEZA-Koordinationsbüros in Pretoria, konnte die Rückfallquote bei den NICRO-Programm-Absolventen von 80 auf 20% gesenkt werden. "Das ist ein grosser Erfolg", sagt sie gegenüber swissinfo.

Reintegrations-Programm statt Strafvollzug

Ein weiteres NICRO-Programm betreut jugendliche Straftäter. Diese können so den Mühlen des behördlichen Strafvollzugs entzogen werden.

In einer Therapiesitzung in einem NICRO-Zentrum in Soweto, dem grössten Schwarzen-Township von Johannesburg, sitzen 20 Jugendliche in einem Kreis. NICRO-Mitarbeiterin Sweetness Matsomane spricht mit den 15-18jährigen Jungen und Mädchen über ihre Vergehen.

"Wir wollen zusammen herausfinden, wieso man etwas Unrechtes getan hat", sagt sie gegenüber swissinfo. "Dann können wir darüber sprechen, wie eine Wiederholung solcher Taten verhindert werden kann."

Verarbeitung ist Prävention

Viele der jugendlichen Straftäter seien sich vorher gar nicht bewusst gewesen, ein Verbrechen begangen zu haben. "Jetzt, in der Gruppe, haben sie gelernt, dazu zu stehen. Sie werden sich ihrer Schuld gegenüber den Opfern erstmals bewusst", so Matsomane.

Die 15-jährige G.S. hat mehrere Ladendienstähle begangen. Sie ist froh, statt im Jugendstrafvollzug in einem NICRO-Programm zu sein. "Diese offene Gruppen-Diskussion hilft uns, gegenseitig unsere schlechten Erfahrungen auszutauschen. Das motiviert uns, in Zukunft keine Verbrechen mehr zu begehen."

C.S., 18jährig, hat mehrere Raubüberfälle mit schwerer Körperverletzung begangen. "Hier bin ich mir erstmals bewusst geworden, dass ich anderen Menschen schweres Unrecht und Leid zugefügt habe. Ich will das nie wieder tun."

Gestärkt in die Gesellschaft zurück

Das NICRO-Programm erleben die jugendlichen Straftäter als Stärkung ihrer Persönlichkeit. "Hier in der Gruppe lernen sie positive Dinge, sie denken und leben positiv, man stützt sich gegenseitig", so Sweetness Matsomane. "So werden sie stark genug, um wieder zurück in die Gesellschaft zu gehen."

Das NICRO-Programm bemüht sich auch um die Kontakte zwischen den Straftätern und ihren Eltern. Oft wollten Eltern nichts mehr von ihren straffällig gewordenen Kindern wissen, sagt Matsomane. Das Programm bringe solche Eltern wenigstens dazu, über eine Vermittlungsperson mit ihren Kindern zu sprechen.

Schwierigkeiten bleiben

Nach Abschluss des NICRO-Programms geht es darum, eine Arbeit zu suchen, die Schule oder das Studium weiterzumachen – kein einfaches Unterfangen.

Der 16jährige T.M. wünscht sich, wie viele seiner Programm-Kollegen, nichts so sehr, wie wieder in seine Schule zu gehen. Doch ohne die Hilfe von NICRO ist das oft unmöglich.

"Und oft reagiert die Zivilgesellschaft ablehnend", erklärt Matsomane. Der 18jährige J.Q. zum Beispiel, der bei einem Ladenüberfall den Besitzer durch Schüsse lebensgefährlich verletzte, habe Angst vor der Rückkehr in seine Quartiergemeinschaft. Denn dort habe man ein grosses Foto von ihm zur Erinnerung an sein Verbrechen aufgehängt.

Keine Übernahme von Staatsaufgaben

Das Engagement der DEZA für die erfolgreichen NICRO-Programme werde nicht ewig dauern, sagt Annamarie Minder. Denn letzten Endes sei der Strafvollzug für Jugendliche eine Aufgabe des Staates. Die südafrikanische Regierung arbeite daran.

Dass dabei die Menschenrechte auch für jugendliche Straftäter respektiert werden, garantiert das südafrikanische Verfassungsgericht – notfalls auch gegen die neuen demokratisch gewählten Machthaber.

So hat dieses höchste Gericht die Regierung zur Abgabe von Medikamenten an Aids-Kranke gezwungen und den Strafgefangenen das Stimmrecht gesichert – auch auf Betreiben von NICRO.

swissinfo, Jean-Michel Berthoud, Soweto (Johannesburg)

Fakten

Anzahl Gefangene: 180'000

400 von 100'000 Südafrikanern sind im Gefängnis

702 von 100'000 in den USA

68 von 100'000 in der Schweiz

Rückfallquote in Südafrika: 75-95%

Rückfallquote von NICRO-Programm-Absolventen: 20%

Infobox Ende

In Kürze

Vier von tausend Südafrikanern – doppelt so viele wie in den meisten anderen Ländern der Welt – sitzen in überfüllten Gefängnissen.

Die Rückfallquote liegt bei 75-95%. Die südafrikanischen Gefängnisse gelten als "Universitäten des Verbrechens".

Die DEZA unterstützt Reintegrations- und Präventions-Projekte der südafrikanischen NGO NICRO für jugendliche Straftäter.

Infobox Ende


Links

×