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Gentechnik spaltet Forschergemeinde

Wissenschafter haben Angst um den Forschungsplatz Schweiz. Keystone

Welche Vorteile bringen gentechnisch veränderte Organismen (GVO) der Schweizer Landwirtschaft? Und welche Risiken bergen sie?

Dieser Inhalt wurde am 22. November 2005 - 08:40 publiziert

Der Einsatz der Gentechnologie ist höchst umstritten. Auch unter Wissenschaftern gehen die Meinungen stark auseinander. Das Schweizer Volk muss am 27. November entscheiden.

Abgestimmt wird über die Volksinitiative "für Lebensmittel aus gentechnikfreier Landwirtschaft". Sie wurde von zwei Dutzend Umwelt-, Bauern- und Konsumentenverbänden lanciert. Sie verlangt, dass die Landwirtschaft im Sinne einer Übergangsbestimmung vorläufig für fünf Jahre gentechnikfrei bleibt.

Das vorgeschlagene Moratorium hat eine heftige Debatte über die Gentechnologie ausgelöst. Dabei spielen ethische, soziale und ökonomische Argumente eine wichtige Rolle. Die Befürworter der GVO erwarten eine höhere Produktivität und bessere Resistenz von Pflanzen gegen Krankheiten. Doch viele Bauern und Umweltschützer befürchten Risiken für Mensch und Umwelt.

Auch unter Wissenschaftern herrscht keine Eintracht. Mehr noch: Wissenschaftliche Untersuchungen kommen häufig zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen. So kommt eine vom WWF in Auftrag gegebene Studie zum Ergebnis, dass die Koexistenz von gentechnisch modifizierter und traditioneller Landwirtschaft in der Schweiz praktisch unmöglich ist. Eine von der Regierung in Auftrag gegebene Expertise behauptet genau das Gegenteil.

Technologische Kontinuität

Unter den Wissenschaftern, die das Gentechnik-Moratorium ablehnen, kann man die Ängste gegenüber der Gentechnologie nicht nachvollziehen.

"Es geht doch eigentlich nur um eine neue Etappe in einem langen Selektionsprozess der Arten, die in der Landwirtschaft verwendet werden", meint etwa Pierre Spierer, Dekan der wissenschaftlichen Fakultäten der Universität Genf. "Bei der Transgenese werden natürliche Gene verwendet, die heute schon Bestandteil der Nahrung sind. Sie werden nur neu gekreuzt."

Auch Spierer räumt ein, dass es in der Wissenschaft tatsächlich Wissenslücken in Bezug auf GVO gibt und gewisse Zweifel aufkommen können. "Doch wir sollten in solchen Fällen von den USA lernen: Wenn es Probleme gibt, werden diese vertieft. In Europa ist man hingegen übermässig vorsichtig und ängstlich."

Vorsichtsmassnahmen sind seiner Meinung nach unerlässlich, wenn wirklich grosse Probleme entstehen könnten. "Ich sehe jedoch keine Epidemie, die durch GVO entstanden ist. Und in einigen Ländern werden diese Organismen seit über 10 Jahren konsumiert."

GVO biologisch?

Auch Wilhelm Gruissem, Professor für Pflanzen-Biotechnologie im Institut für Pflanzenwissenschaften der ETH Zürich, ist sicher, dass die Gentechnologie der Schweizer Landwirtschaft viele Vorteile bringen könnte. "Der Einsatz von Pestiziden liesse sich wohl reduzieren. Vielleicht liesse sich auch eine Alternative zum Einsatz von Düngemitteln finden."

Für Gruissem ist die momentane Kontraposition von biologischer Landwirtschaft und GVO ein grosser Fehler. Seiner Meinung nach könnte die Gentechnologie sogar einen wichtigen Beitrag zu einer Umwelt schonenden Landwirtschaft bilden, indem der Einsatz von chemischen Mitteln drastisch reduziert wird. Dies käme letztendlich auch der biologischen Landwirtschaft zu Gute.

Langfristige Konsequenzen

"Die Risiken der Gentechnologie sind nicht leicht vorherzusehen und auch nicht leicht zu beweisen", gibt Daniel Ammann von der Schweizer Arbeitsgruppe für Gentechnologie zu. Einige Probleme seien jedoch heute schon bekannt und könnten nicht geleugnet werden.

Amman nennt als Beispiel den übermässigen Gebrauch von Pestiziden bei der Zucht von transgenen Pflanzen, die auf Unkrautbekämpfungsmittel resistent sind: "Inzwischen haben auch viele Unkräuter diese Resistenz entwickelt."

In diesen Fällen handelt es sich um indirekte Folgen transgener Kulturen. Doch es gibt auch gewichtige Hypothesen zu den direkten Auswirkungen gentechnisch veränderter Organismen. "Es gibt etwa Studien, welche die schädlichen Auswirkungen von Bt-Mais - eine Maisart mit dem Gen Bacillus thuringensis - auf Insekten belegen, die eigentlich der Landwirtschaft dienlich sind."

Amman räumt ein, dass die Zahl der Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen von GVO sehr gering ist. "Doch zeigen einige Studien an Nagetieren auf, dass es ernsthafte Probleme gibt. Und diese müssten vertieft analysiert werden."

Gemäss Ammann werden sich die Konsequenzen der gentechnisch veränderten Organismen erst langfristig zeigen: "Deshalb sind wir in Bezug auf ihre Verwendung in Nahrungsmitteln äusserst skeptisch."

swissinfo, Andrea Tognina
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

In Kürze

Ein beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) vom WWF in Auftrag gegebenes Gutachten ist zum Schluss gekommen, dass die Koexistenz von transgenen Kulturen und traditioneller Landwirtschaft nur möglich ist, wenn "Sicherheits-Abstände" zwischen den jeweiligen Anbaufeldern bestehen. Bei Raps beträgt dieser Abstand 4 Kilometer, bei Weizen 100 Meter und bei Kartoffeln 10 Meter.

Dies würde für ein Land wie die Schweiz mit kleinflächigen Anbaugebieten praktisch bedeuten, dass eine Koexistenz der beiden Landwirtschafts-Arten nicht möglich ist.

Ein von der Landesregierung beim Forschungsinstitut Agroscope in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu einem anderen Schluss: Demnach reichen Abstände von 25 bis 50 Metern, um eine Vermischung von transgenen und traditionellen Pflanzen zu vermeiden.

Zudem ist Agroscope der Meinung, dass ein Produkt GVO-frei ist, wenn der Gehalt transgener Stoffe unter einem Prozent liegt, für die biologische Forschungsanstalt FIBL muss der Gehalt unter 0,1 Prozent liegen.

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