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"Das Ziel der Mobilität wurde erreicht"



In den Studierendenprotesten von letztem November wurde auch die Bologna-Reform kritisiert.

In den Studierendenprotesten von letztem November wurde auch die Bologna-Reform kritisiert.

(Keystone)

Die Bilanz zehn Jahre nach der Einführung der so genannten Bologna-Reform an den Universitäten ist durchzogen. Das Ziel der studentischen Mobilität und vergleichbaren Abschlüsse dank den ECTS-Punkten (European Credit Transfer System) wurde erreicht.

"Die Bologna-Reform wollte vor allem eine Vergleichbarkeit der Abschlüsse erreichen und damit auch die Mobilität für die Studierenden erleichtern", sagt Bernhard Pulver, Berner Erziehungsdirektor und Präsident der Universitätskonferenz. "Und dieses Ziel haben wir erreicht."

Auch für die Vertreterin des Verbandes der Schweizerischen Studierenden (VSS), Rahel Siegrist, sind einige Punkte erfüllt worden. "Das Zyklensystem Bachelor/Master/Doktor wurde eingeführt. Auch die ETCS-Punkte wurden eingeführt. Allerdings messen die ETCS-Punkte nur den Zeitaufwand, den man für das Studium braucht. Sie machen keine Aussage darüber, welche Kompetenzen man schliesslich erworben hat, weil die Learning-Outcomes nicht definiert sind."

Die ETCS Punkte würden natürlich das Risiko in sich bergen, dass das Studium zu einer Punktesammlerei verkomme, meint Bernhard Pulver dazu. "Das Ziel war nicht, die Studien so zu vereinheitlichen, dass es am Schluss keine Rolle mehr spielt, wo man studiert. Es soll ja jede Uni ihr eigenes Profil haben. Aber man soll davon ausgehen können, dass ein Bachelor in einem Fach ungefähr diesen Umfang und grundsätzlich etwa diese Themen beinhaltet. Eine völlige Vereinheitlichung war eigentlich nicht das Ziel."

Verschulung

"Mit der Einführung der Bologna-Reform wurden auch die Studiengänge mehr verschult. Es gibt weniger Flexibilität, die Studienabläufe sind schwieriger miteinander zu kombinieren, das Teilzeitstudium wird zusehends erschwert."

Dadurch werde es den Studierenden zusehends erschwert, während des Studiums einer Erwerbsarbeit nachzugehen und sich mitunter Kompetenzen zu erwerben, die sie nach dem Studium für die Stellensuche brauchten, kritisiert die Vertreterin der Studierenden.

Der Präsident der Universitätskonferenz sieht die Verschulung an den Universitäten auch: "Bei den Medizinern und den Juristen war schon vorher eine starke Strukturierung der Studiengänge vorhanden. Man wusste genau, wann man welche Prüfungen machen muss, bis wann man welche Fächer besucht haben muss. Dies hielt nun auch bei den Geisteswissenschaften vermehrt Einzug. Ich finde aber, man ist zu weit gegangen."

Pulver ist aber der Meinung, die Universität müsse ein Ort des freien Denkens sein, wo auch die Möglichkeit bestehen müsse, etwas ein bisschen langsamer zu machen.

Der Berner Erziehungsdirektor betont, man sei mit den Universitäten im Gespräch. Die Universitäten hätten diese Verschulung gar nicht unbedingt gewünscht.

Diese sei zum Teil eine Umsetzungsproblematik, zum Teil auch eine Vorgabe der Politik der letzten zwanzig Jahre. "Die Universitäten haben diese Reform gerade erst umgesetzt. Nun sieht man, wo die Probleme liegen, und jetzt muss gemeinsam überlegt werden werden, welche Korrekturen man machen will und kann."

Ökonomisierung der Bildung

"Bildung als Ware", "Ökonomisierung der Bildung" waren Slogans der Studentenproteste von letztem November, die auch in der Schweiz den Universitätsbetrieb beeinträchtigten. Die Ökonomisierung wurde der Bologna-Reform angelastet.

Pulver bestreitet diese Gefahr nicht: "Ich teile die Sorge einer gewissen Ökonomisierung der Bildung durchaus." Er sehe das Hauptproblem jedoch nicht vor allem bei den Universitäten, sondern als generelle Tendenz in der Bildungspolitik.

Bildung sei etwas Individuelles, was mit dem einzelnen Menschen, mit Beziehungen zwischen Menschen zu tun habe. Und auch mit der Freiheit der Wissenschaft und der Forschung.

"Aber wir sind noch gar nicht so weit, dass es hier eine unumkehrbare Entwicklung gegeben hätte. Vermehrt gibt es auch ökonomische Betrachtungsweisen in der Bildung. Bis zu einem gewissen Grad haben die dort auch ihre Berechtigung. Ich finde es jedoch wichtig, dass man darauf achtet, dass dies auf keinen Fall zu weit geht."

Soziale Dimension

Ein weiterer Kritikpunkt der Studierenden ist die soziale Dimension der Bologna-Reform, die Gewährleistung von Chancengleichheit. "Die soziale Dimension ist die am Stärksten vernachlässigte, auch in der Schweiz", sagt Rahel Siegrist dazu.

"In der Schweiz ist die Studienpopulation noch stark verzerrt, ein Grossteil der Studierenden haben mindestens einen Elternteil, der selber studiert hat oder stammen aus sozioökonomisch bessergestellten Familien."

Durch die zunehmende Verschulung habe sich dieses Problem noch verschärft, kritisiert Siegrist. "Wir haben in der Schweiz keine ausreichenden Stipendien. Der europäische Hochschulraum soll ja auch ein partizipativerer sein. Soziale Selektion ist nicht das Ziel. Chancengleichheit sollte gegeben sein."

Bernhard Pulver sieht die Lage in diesem Punkt ähnlich: "Wir sind noch nicht weit genug, was die soziale Dimension betrifft. In der Schweiz haben die Stipendien noch nicht die Höhe, die sie haben sollten."

Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren versuche, eine gewisse Vereinheitlichung zu erreichen. "Aber das wird noch lange dauern."

Eveline Kobler, swissinfo.ch

Der Bologna-Prozess

Der Begriff Bologna-Prozess bezeichnet ein politisches Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens bis zum Jahr 2010.

Er beruht auf einer im Jahre 1999 von 29 europäischen Bildungsministern im italienischen Bologna unterzeichneten, völkerrechtlich nicht bindenden Bologna-Erklärung.

Der Bologna-Prozess verfolgt drei Hauptziele: Die Förderung von Mobilität, von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Beschäftigungsfähigkeit.

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Die ECTS-Punkte

Das European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) soll sicherstellen, dass die Leistungen von Studenten an Hochschulen des Europäischen Hochschulraumes vergleichbar und bei einem Wechsel von einer Hochschule zur anderen, auch grenzüberschreitend, anrechenbar sind.

Dies ist möglich durch den Erwerb von Leistungspunkten (engl. credit points), das sind Anrechnungseinheiten, die in der Hochschulausbildung durch Leistungsnachweise erworben werden.

Diese Art der Bewertung von Leistungen an Hochschulen findet sich vorwiegend in den Bachelor- und Master-Studiengängen an Hochschulen.

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