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Durcheinandergewürfelte Cargo-Container in einem Industriekomplex in Sendai in Nordjapan.

Durcheinandergewürfelte Cargo-Container in einem Industriekomplex in Sendai in Nordjapan.

(Keystone)

Nach dem Beben und dem Tsunami droht auch eine Nuklearkatastrophe. Sie zeigt die Anfälligkeit unserer technologisierten und globalisierten Gesellschaft, meint der Philosoph Dominique Bourg von der Universität Lausanne.

Japan durchlebe "die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg", sagt der japanische Premierminister Naoto Kan. Doch das Zeitalter damals sei ein anderes gewesen als heute, sagt Dominique Bourg, Spezialist für nachhaltige Entwicklung, Risiken und Technologie am Lausanner "Institut des politiques territoriales et humaines". 

"High Tech", langezeit ein wichtiger Beitrag zur Stärke der Industrienation Japan, trage nun zur Schwäche gegenüber den ungezügelten Kräften der Natur bei.

swissinfo: Die Katastrophen in Japan zeigen die Anfälligkeit gegenüber den Kräften der Natur, trotz - oder wegen - der Technologie. Was hätte dasselbe Beben in Japan in den 50er-Jahren ausgelöst?

Dominique Bourg: Sicher wären mehr Gebäude eingestürzt. Heute sind sie viel erdbebensicherer - soviel zum Vorteil der Errungenschaften der Technologie.

Andererseits hätte es damals weder eine Nukleargefahr noch ein vergleichbares Zusammenbrechen des Kommunikations- und Stromnetzes gegeben. Damals war auch die Verflechtung der Wirtschaftsnationen untereinander viel weniger gross. Das heisst, die Katastrophe hätte nur Japan selbst betroffen. Heute hat dies finanzielle Auswirkungen rund um den Erdball.

Viele Produkte kann nur Japan herstellen, seien das bestimmte vitale Bestandteile des iPhones oder des iPads, oder bestimmte Stahlelemente für Nuklearreaktoren. Ich weiss nicht, ob die entsprechenden Unternehmung jetzt auch betroffen sind.

Aber die A-Werke, die nach dem Beben mit Meerwasser gekühlt werden mussten, werden nie mehr ans Netz gehen können. Das heisst, Japan wird noch während Jahren ein Energiedefizit aufweisen. Das ist Gift für die wirtschaftliche Produktivität des Landes.

swissinfo.ch: Glauben Sie, dass der Schock nach dieser Katastrophe in Japan genügt, um einen Ausstieg aus der Atomenergie einzuleiten?

D.B.: Sicher ist, dass es für die Nuklearenergie schwieriger wird. Doch für Japan, das 35% seines Stroms aus AKW bezieht, oder für Frankreich, das sogar 80% seiner Elektrizität nuklear herstellt, wird es Jahrzehnte dauern, um aus dieser Energieform auszusteigen.

Es gibt ja zur Zeit noch keine CO2-mässig akzeptable Alternativenergie in dieser Grössenordnung. Die nachhaltigen Energieformen kommen weltweit auf einen Anteil von 2 Prozent. In einigen Ländern erreichen sie sogar 10% oder mehr. Aber das genügt nicht für eine wirkliches Umsteigen.

Somit gibt es keine Alternative zum Sparen, zu einer wirklichen Konsumdrosselung beim Energieverbrauch. Das geht jedoch schon in Richtung Wachstumsstopp. Prinzipiell bin ich nicht dagegen, nur lässt sich das nicht einfach so bewerkstelligen.

Man muss sich dann auch bewusst sein, was das heisst. Es würde auf einen wirklichen Wechsel des Gesellschaftsmodells hinauslaufen. Nur bin ich mir gar nicht sicher, ob dies von der Mehrheit der Bevölkerung auch akzeptiert würde, obschon es wahrscheinlich das vernünftigste wäre.

Wie auch immer: Auf die Länge werden wir dieser doppelten Einschränkung, einerseits der Klimaerwärmung und andererseits der Erschöpfung der fossilen Energiereserven, nicht entfliehen können. Und es wartet nicht nur das Energieproblem auf eine Lösung.

swissinfo.ch: Und doch hiess es immer, die japanischen AKW seien die sichersten auf der Welt.

D.B.: Die Zentralen wurden gebaut, um sowohl einem Erdbeben als auch einem Tsunami zu widerstehen. Sie haben dies, bis zu einem gewissen Punkt, auch getan. Denn zumindest bisher sind sie nicht zusammen gefallen.

Üblicherweise konstruiert man etwas stärker als die vorhergesehene Maximalstärke des Katastropheneintritts dies erforderte. Das Problem besteht darin, dass die Maximalstärke manchmal falsch eingeschätzt wird.

Doch diese Ausgangslagen-Kalkulationen haben nichts gemeinsam mit dem, was uns das laufende Jahrhundert infolge Klimaerwärmung noch bringen wird.  

Ob Trockenheit, Überschwemmung oder Wirbelsturm, unsere Industrieanlagen, nuklear oder nicht, werden künftig mit ganz anderen Katastrophen fertig werden müssen. Wir bewegen uns in eine Periode der Unsicherheit wie wir sie zuvor nie gekannt haben.

Während des ganzen 20. Jahrhunderts hat die Menschheit ohne Sicherheitsnetz gegenüber der Biosphäre gearbeitet. Die Folgen werden nun langsam spürbar werden.

swissinfo.ch: Die Bilder aus Japan erinnern uns an Katastrophenfilme. Wird es immer mehr Leute geben, die für 2012 schon den Weltuntergang kommen sehen?

D.B.: An einen Weltuntergang glaube ich sicher nicht. Aber ich glaube, dass wir in den kommenden Jahrzehnten den Untergang einer Welt sehen, welche die unsere ist - oder war.

Atompläne ausgesetzt

Energieministerin Doris Leuthard hat am Montag die

laufenden Verfahren bei den Rahmenbewilligungsgesuchen für neue Atomkraftwerke in der Schweiz sistiert.

Das Eidgenössische Nuklear-

Sicherheits-Inspektorat (ENSI) leitet bei allen bestehenden AKW eine vorzeitige Sicherheits-Überprüfung ein, wie Leuthards UVEK mitteilte.

Gegebenenfalls sollten neue Sicherheits-Standards abgeleitet werden, besonders was die Erdbeben-Sicherheit und die Kühlung betrifft.

Die 5- A-Werke in der Schweiz wurden in den 70er-Jahren gebaut und sollen zum Teil ersetzt werden.

Eine Volksabstimmung soll voraussichtlich 2013 eine endgültige Entscheidung treffen.

Die Schweiz bezieht rund 40% ihres Stroms aus AKWs.

Die SVP Schweiz äusserte sich kritisch zur Sistierung der Gespräche durch die Energieministerin.

Auch die Freisinnig-demokratische Partei (FDP) hält Leuthards Entscheid für voreilig.

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Japan in Not

Das Erdbeben der Stärke 8,9 und der darauf folgende Tsunami, eine Flutwelle von rund 10 Meter Höhe, zerstörten am Freitag, 11. März, weite Teile der Nordostküste Japans. Klare Aussagen zu Toten, Vermissten oder Schäden lassen sich zur Zeit noch nicht machen.

Schätzungen sprechen von möglicherweise über 10'000 Toten.

Landesweit sollen mindestens 300'000 Menschen in Sicherheit gebracht worden, sein, rund 5,5 Millionen Menschen müssten vorerst ohne Strom auskommen und mindestens 3400 Gebäude sollen zerstört oder beschädigt sein.

Das Kernkraftwerk von Fukushima ist schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Nach einer Explosion im Reaktorgebäude wurde eine mögliche Kernschmelze befürchtet. Darüber liegen derzeit noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

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Übertragung aus dem Französischen: Alexander Künzle, swissinfo.ch


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