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Die Paradoxie des „Zigeunerlebens“ „Am besten würden wir den eigenen Garten mitnehmen“



Für Maria Mehr, die Leiterin des Zigeunerkulturzentrums, begann der Existenzkampf der Fahrenden bereits im Jahr 1850 mit den Zwangseinbürgerungen.

Für Maria Mehr, die Leiterin des Zigeunerkulturzentrums, begann der Existenzkampf der Fahrenden bereits im Jahr 1850 mit den Zwangseinbürgerungen.

(swissinfo.ch/Helen James)

Wer sich das Leben der Sinti und der Jenischen in der Schweiz als ein Leben voller Freiheit und Abenteuer vorstellt, irrt sich. Die bürokratischen Zwänge haben mittlerweile auch sie erreicht. Und sie sehen sich fast täglich mit Vorurteilen und Herausforderungen konfrontiert, die sich „Sesshafte“ kaum vorstellen können.

Auf der Stadionbrache Hardturm, wo Maria Mehr und Alfredo Werro mit dem Kulturfestival halt gemacht haben, stehen normalerweise 15 bis 20 Wohnwagen; Doch während des Festivals ist der Platz gefüllt mit Ständen und Zelten. Maria ist die Leiterin des Zigeunerkulturzentrumsexterner Link, sie bestimmt, was auf dem Platz läuft, zu ihr kommen die Leute, mit ihren Anliegen: Die Männer fragen, wo sie die Lichter für Musikveranstaltung während der Zigeunerkulturwoche aufhängen sollen, die Mädchen, wo sie spielen dürfen. Alle beteiligen sich an den Vorbereitungen für das Festival. Frauen stehen vor einem Wohnwagen und backen Süssigkeiten für die Besucher und die Männer stellen die Grills zusammen.

Fahrende

Die Fahrenden (Jenische und Sinti) sind in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt. Laut dem Bundesamt für Kultur (BAK) bezieht sich der Ausdruck „Fahrende“ auf die fahrende Lebensweise der Schweizer Jenischen und Sinti, aber auch der ausländischen Roma. Zum Zeitpunkt der Anerkennung galt der Begriff als neutral, im Gegensatz zur abwertenden Bezeichnung „Zigeuner“. Heute jedoch wird er als zu eindimensional wahrgenommen, da er die sesshaften Mitglieder der Gruppen nicht miteinbezieht. Deshalb entschied der Bund, künftig auf den Begriff „Fahrende» verzichtet werde. Bundesrat und Kulturminister Alain Berset sagte in einer Rede am 15. September 2015 anlässlich der „Fekkerchilbi“ in Bern: „Sie sind als nationale Minderheit anerkannt. [...] [Sie fordern], dass Sie auch so genannt werden, wie Sie sich selber nennen, nämlich Jenische und Sinti. Und eben nicht einfach „Fahrende", weil viele von Ihnen nicht fahrend leben. Ich anerkenne diese Forderung nach Selbstbezeichnung. [...].Das ist nicht Wortklauberei, mit Sprache schafft man Realität." 

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Ein kleines Mädchen wischt einen Tisch sauber und sagt, die Reporterin soll doch „bitte alles sauber behalten und keinen Schmutz hinterlassen“. Auch der neuen Generation ist es anscheinend bewusst, dass sie gegen Vorurteile kämpfen und deshalb während diesen Tagen der offenen Tür noch mehr aufpassen müssen. Denn das ist gemäss Maria Mehr, Leiterin des Zigeunerkulturzentrums, auch das Ziel der Veranstaltung: „Vorurteile abbauen, einen schönen Abend mit den Leuten verbringen, dass sie uns besser kennen lernen, Podiumsgespräche, wenn jemand etwas wissen will. Und sogar Messer schleifen lassen oder einen Schirm zum Flicken bringen, das kann man alles“.

Nach Angaben des Bundesamtes für Kultur, leben in der Schweiz heute rund 30’000 Personen jenischer Herkunft, schätzungsweise 2‘000 bis 3‘000 von ihnen pflegen eine nomadische Lebensweis: Im Winter leben sie auf einem Standplatz und von Frühjahr bis Herbst sind sie mit ihren Wohnwagen „auf der Reise“, machen auf Durchgangsplätzen halt und besuchen ihre Kunden.

Die Jenischen und Sinti in der Schweiz sind offiziell eine nationale Minderheit und ihr Recht auf angemessene Stand- und Durchgangsplätze wurde 2003 anerkannt; Dennoch befinden sie auf ständige Suche nach einem Platz.

Dieses Recht ist für die 74-jährige Maria Mehr keine Selbstverständlichkeit „Wir müssen für Durchgangs- und für Stammplätze kämpfen. Wir haben auch ältere oder kranke Leute, die gerne länger auf einem Stammplatz bleiben würden, ohne in eine Wohnung ziehen zu müssen. Oder mit schulpflichtigen Kindern. Diese Familien würden gerne von Herbst bis im Frühling auf einem Platz überwintern, und dann während des Sommers wieder auf die Reise gehen.“

Der ständige Kampf um Durchgangs – und Stammplätze ist denn auch eines der grössten Probleme der Fahrenden. Oft ist die Platzmiete zu teuer und die Fahrenden müssen dazu noch für Strom und Wasser bezahlen. Laut Maria Mehr verfügten die Gemeinden zwar oft über Kilbiplätze, aber die kosten zu viel: Maria Mehr nennt ein Beispiel: Sie wollte auf dem Kilbiplatz in Aarau Halt machen. „Die verlangten 9500 Franken pro Monat, ohne Licht, ohne Wasser. Ich bin ja keine Kilbi, kein Zirkus, ich habe keine Einnahmen, auch wenn jemand ein Bierchen bei uns trinkt“. Auf dem Hardturm bezahlen die Fahrenden Maria pro Tag gerade mal 15 Franken.

„Wir sind nicht frei wie ein Vogel“

Die Illusion des freien Vagabundenlebens weist auch Alfredo Werro zurück. „Wir sind wie alle anderen. Wir brauchen eine AHV-Nummer, bezahlen unsere Krankenkasse, füllen unsere Steuererklärung aus und müssen sogar eine feste Adresse haben. Sonst dürften wir hier gar nicht leben und könnten nicht einmal eine Autonummer lösen. Das freie Leben und Herumziehen mit Pferd und Wagen wie fürher gibt es heute nicht mehr. Heute ist alles obligatorisch.“

Alfredo erzählt, er sei mit den Eltern im Wald aufgewachsen. Wir hatten das schönste Leben. Es gab kleine Bäche, wir kochten auf dem offenen Feuer. Heute jedoch lassen sie uns nur noch auf diesen Betonplätzen wohnen - wenn wir Glück haben.“

Ein Wohnwagen bedeute nicht unbedingt Mobilität und weniger Bürokratie, betont Alfred Werro: „Wenn man einen Wohnwagen kauft und denkt, man sei frei wie ein Vogel, dann irrt man. Denn wir werden ja überall weggejagt. Auf einem Parkplatz darf man nicht mehr als 24 Stunden bleiben, in einem Wald ist es auch verboten, da gibt es überall Park- oder Fahrverbote“. Und dann lacht er und fügt sarkastisch an: „Eigentlich müssten wir unseren eigenen Garten mitnehmen“.

Und trotzdem könnte er sich – gleich wie hunderte andere Fahrende in der Schweiz – kein anderes Leben vorstellen. Er habe sogar einmal eine sesshafte Freundin gehabt. Doch in ihrer Wohnung hielt er es nicht länger als drei Wochen aus. Dann musste er weg. „ Ich bin so aufgewachsen. Das ist in meinem Blut. Bei euch wäre es wahrscheinlich umgekehrt: Ihr braucht eine Dusche, eure Einrichtungen und alles, was dazu gehört. Das ist halt Gewohnheitssache“

Nach dem Gesetz haben die Jenischen als Schweizer Bürger heute die gleichen Rechte und Pflichten wie die sesshafte Bevölkerung. Laut dem Bundesamt für Kultur gehören die Jenischen und Sinti seit Jahrhunderten auch Teil der kulturellen Vielfalt der Schweiz.

Sprache 

Sowohl die Jenischen als auch die Sinti sprechen neben dem Schweizerdeutschen auch ihre eigenen Sprachen, das Jenische und das Romanés. Das Jenische hat den Charakter einer „Schutzsprache“ und wird zumeist nur innerhalb der Gruppe verwendet und weitergegeben. Es basiert auf der grammatische Struktur der deutschen Sprache. Die in der Schweiz lebenden Sinti sprechen die traditionelle Roma-Sprache Romanés, eine indoarische Sprache mit Einflüssen von griechischen, germanischen, slawischen, baltischen Sprachen.

Heute setzt sich Bundesamt für Kultur (BAK) nach eigenen Angaben für die Verbesserung der Lebenssituation der Jenischen und Sinti ein. Es unterstützt Organisationen der betroffenen Minderheiten und fördert Projekte zur Bewahrung ihrer eigenen Sprachen und Kultur mit finanziellen Beiträgen. 

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„Wir mussten uns immer vor der Organisation verstecken“

Für Maria Mehr begann der Existenzkampf der Fahrenden bereits im Jahr 1850 mit den Zwangseinbürgerungen. Die Jenischen, die bisher an Waldrändern, am Rande von Wiesen oder sogar Kehrrichtdeponien wohnten, wurden einfach in der Gemeinde, in der sie sich gerade befanden, eingebürgert. „Schon damals wollte man, dass die Jenischen sesshaft werden. Aber die zogen mit Pferd und Wagen trotzdem immer weiter. Man konnte sie nicht sesshaft machen.“ Ein weiteres dunkles Kapitel der Schweiz bildeten die Zwangsadoptionen durch das „Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“. Dieses entzog von 1926 bis 1973 mindestens 600 Kinder jenischer Herkunft ihren Familien und brachte sie in Heimen, Anstalten, oder Familien unter. Fälle von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch waren keine Seltenheit. Maria erinnert sich nur ungern an diese Zeit: „Wir mussten uns immer vor der Organisation verstecken, weil die uns die Kinder wegnehmen wollten.  Deshalb konnten wir uns während Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen, wie wir wollten“.

Erst ab den Achzigerjahren begann der Bund, sich für die Wiedergutmachung des Unrechts an den Jenischen und Sinti einzusetzen und 1986 entschuldigt sich dann auch der Bundesrat offiziell bei den Betroffenen.

Vorurteile bleiben

Doch noch heute müssen die Fahrenden gegen Vorurteile kämpfen. Alfred Werro, das 58-jährige Patenkind von Maria Mehr, beteuert immer wieder, das auch sie echte Schweizer seien. Doch „wir werden nie richtig akzeptiert, obwohl wir den Militärdienst absolvieren und unsere Steuern bezahlen. Das ist schlimm, im eigenen Land.“

Für Maria gibt Leute, die ihre Kultur gerne kennenlernen möchten und die anderen. „Ich könnte noch 50 Jahre lang Veranstaltungen organisieren mit der Bevölkerung, die Vorurteile würden bleiben“. Und doch komme es immer vor, dass Besucher durch das Festival ihre Einstellung änderten, „wenn sie sehen wie wir leben und dieses Leben dann auch akzeptieren“. „Es wäre schön, wenn man uns einfach leben lassen würde“, sagt Maria zum Schluss. „Wir machen ja nichts Schlimmes. Ein bisschen wohnen, ein bisschen leben, das ist alles“.



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