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Extrem-Sportart Menschen, die sich von Schweizer Felsen stürzen



Zwei Base-Jumper auf dem Flug von der Absprungstelle Hohe Nase ins 550 Meter weiter unten liegende Lauterbrunnental.

Zwei Base-Jumper auf dem Flug von der Absprungstelle Hohe Nase ins 550 Meter weiter unten liegende Lauterbrunnental.

(Keystone)

Was veranlasst gewisse Leute dazu, von hohen Felsen zu springen? swissinfo.ch hat die Elite – aber auch Anfänger – auf die Klippen begleitet, um zu erfahren, ob sie ihre Grenzen und ihre Einstellung gegenüber der "dunklen Seite des Sports" kennen.

Eine grosse, orange und schwarz gekleidete, fledermausartige Figur schleppt sich an den Rand des Abgrunds.

Michael Schwery hockt sich auf einen grasbewachsenen Felsvorsprung hoch über dem Walensee im Osten der Schweiz. Er schaltet seine beiden Helmkameras ein, schlägt mit den Flügeln seines Anzugs und prüft, ob er mit der Hand den Auslöser des Fallschirms an seinem Rücken greifen kann.

"Drei, zwei, eins…see ya!"

Plötzlich ist er weg, nach einem Sprung vom Felsen stürzt er mit ausgestreckten Armen ins Leere.

Einen Moment lang lachen und scherzen wir noch auf der Spitze des 2300 Meter hohen Hinterrugg. Danach bin ich allein. Die Augen zusammen kneifend suche ich das Tal unter mir ab, ohne ein Lebenszeichen von ihm zu entdecken. Ich wage nicht, zu weit nach unten zu schauen. Mein Herz hämmert.

Endlich entdecke ich eine winzig kleine, geflügelte Figur, die – wie ich gelernt habe - mit einer Geschwindigkeit von 200 km pro Stunde den Bergkonturen nördlich von Walenstadt entlang in die Tiefe rast.

Eine Minute nach dem Sprung vom Felsen öffnet Michael Schwery den Fallschirm und gleitet sicher hinunter aufs Weideland. Ich atme erleichtert auf. Michael Schwery, der Präsident der Swiss Base Association, hat soeben den 'Sputnik' vollendet.

Der Sprung des Base-Jumpers Jeb Corliss erlangte 2011 dank des Youtube-Video "Grinding The Crack", das von 24 Millionen Menschen angeschaut worden ist, weltweite Beachtung.

Improvisieren

Seit den ersten Versuchen in den 1990er-Jahren haben Wingsuits, spezielle aerodynamische Flügelanzüge, Base-Jumping stark verändert. Das ist der Sport, bei dem man von einem fixen Objekt, einem Felsen oder einer Brücke springt. Die Stoffflächen des Anzugs zwischen Armen und Beinen geben den Piloten den Auftrieb und Luftwiderstand, um ihre Vorwärtsbewegung und Fallgeschwindigkeit anzupassen und längere, schnellere oder spektakulärere Sturzflüge zu produzieren.

"Es macht viel Spass, den eigenen Körper zum Fliegen einzusetzen. Man hat einen hohen Grad von Selbstkontrolle, über das, was man tut", sagt Michael Schwery, der 10 Jahre Erfahrung und 650 Sprünge auf dem Buckel hat. "Aber es geht nicht nur ums Fliegen allein, sondern auch um  den Aufstieg zum Startpunkt, das Springen mit Freunden und die Schönheit des Ganzen."

Aber wie steht es ums Risiko? (Vgl. rechte Spalte)

"Ich habe vor jedem Sprung Angst, aber nicht so fest, dass es gefährlich für mich würde. Um mich konzentrieren zu können, brauche ich diese Furcht", sagt er. "Der Sport hat eine Schattenseite. Wir wissen, dass es gefährlich ist und haben Respekt vor den Risiken. Aber wir kennen unsere Grenzen. Gefährlich wird es beim Wingsuit-Fliegen, wenn die Leute zu nahe ans Gelände gehen."

In der Regel lernen die Sportler zuerst Fallschirmspringen – die empfohlene Sprungzahl liegt bei durchschnittlich 150 – bevor sie mit Base-Jumping beginnen, um letztlich vielleicht zum Wingsuit-Fliegen zu wechseln. Entweder absolvieren sie einen Base-Jump-Kurs, wie in den USA, oder sie suchen sich einen Mentor, der sie coachen kann. Meistens tragen sie am Anfang schlichtere Anzüge und springen von einfacheren Objekten, zum Beispiel von Brücken.

Wingsuits sind viel komplizierter zu fliegen. Die Vorschriften der Fallschirm-Organisationen für den ersten Wingsuit-Flug variieren von Land zu Land. Meistens wird gesagt, dass man 200 bis 500 Sprünge braucht, um einen Wingsuit-Flug zu beherrschen.

Wie gross ist das Risiko?

Laut Forschern des Stavanger University Hospitals in Norwegen ist die Verletzungs- und Todesgefahr beim Base-Jumping 5 bis 8 Mal grösser als beim Fallschirmspringen.

In ihrer Analyse von 20'850 Base-Jumps am Kjerag Massiv in Norwegen in 11Jahren von 1995 bis 2005 werden 9 Todesfälle registriert (also ein tödlicher Unfall auf 2317 Sprünge), sowie 82 nicht tödliche Unfälle (einen auf 254 Sprünge). Seit 1981 sind 210 Base-Jumper ums Leben gekommen.

Die Statistik des Arztes Bruno Durrer über Base-Jumping im Lauterbrunnental weist seit 1994 insgesamt 35 Tote (33 Männer und zwei Frauen) und rund 200 Unfälle mit Verletzten aus, davon 70 mit Knochenbrüchen und 20 Notaufnahme in Spitälern.

Seit 2006 ist die jährliche Anzahl Sprünge rasant auf 15'000 gestiegen. Die Unfallzahlen sind in dieser Zeit ungefähr gleich hoch geblieben: 16 bis 24 Unfälle mit Verletzungen, 3 bis 5 Todesfälle pro Jahr.

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Elite-Flieger

Base Jumping wird als deutlich risikoreicher eingestuft als Fallschirmspringen – die Verletzungs- oder Todesgefahr ist gemäss Untersuchungen von 2007 fünf bis acht Mal grösser (Vgl. rechte Spalte).

Es wird vermutet, dass Mark Sutton ums Leben kam, weil er zu nahe am Berg geflogen und die Neigung der Felsen falsch eingeschätzt hatte. Der 42 Jahre alte Stuntman der Olympischen Spiele von London starb am 14. August bei einem Wingsuit-Unfall, als er nach einem Sprung von einem Helikopter auf einer Bergkante in der Region des Grandes-Otannes im Kanton Wallis aufschlug.

Michael Schwery, der Miteigentümer eines Basler Ingenieur-Unternehmens, verheiratet und Vater eines kleinen Kindes ist, gehört zu den 20 Schweizer Elite-Wingsuiters, die fast jedes Wochenende von Felsen springen, um ihrer Leidenschaft nachzugehen und immer neue Gefühle zu erleben.

Fast jede Woche werden in der Schweiz neue Absprungstellen eröffnet – inzwischen gibt es rund 50 Plätze. Aber abgesehen von Lauterbrunnen und Walensee werden die meisten von den örtlichen Wingsuiters geheim gehalten.

Michael Schwerys Freund Patrick Kerber "eröffnete" letzten Monat eine neue Absprungstelle, als er von der verschneiten Spitze der Jungfrau sprang und 3000 Meter hinunter nach Lauterbrunnen flog.

Geschäftstüchtiger Touristenort

Wie Hunderte andere hat auch Michael Schwery seine Base-Jumping-Fähigkeiten an den steilen Wänden von Lauterbrunnen perfektioniert. Der geschäftstüchtige Ferienort gilt als Mekka der Base-Jumper. Aber Michael Schwery zieht es heute vor, an anderen Orten zu springen. "Das ist etwas für Touristen", sagt er. "Es langweilt mich. Der Ort eignet sich nicht fürs Wingsuiting, weil die Felsen nicht so hoch sind."

In Lauterbrunnen werden jedes Jahr bis zu 15'000 Sprünge gezählt. Zwischen April und September treffen vor allem männliche junge Jumper aus der ganzen Welt im Berner Oberland ein, um Erfahrungen zu sammeln und die glorreichsten Sprünge zu versuchen.

Das spektakuläre Tal mit seinen steilen Felswänden unterhalb von Eiger, Mönch und Jungfrau bietet leichten Zugang zu den Absprungstellen. Und die ziemlich konstanten Wetterbedingungen lassen meistens mehrere Sprünge zu.

Wingsuits

Die so genannten Wingsuits werden bei Base-Jumpern immer beliebter. "Base" steht für vier Kategorien von unbeweglichen Objekten: buildings (Gebäude), antennae (Antennen) spans (Brücken) und earth (Klippen, Berge, Felswände). Zur Liste hinzugefügt wurden auch Helikopter.

Mit den Wingsuits ist es Base-Jumpern gelungen, das Limit ihres Sports immer weiter auszudehnen.

Laut dem "Guinness Book of Records" beträgt die weiteste geflogene Strecke in einem Wingsuit 17,83 Meilen (28,7 km). Der Japaner Shinichi Ito flog sie im Mai 2012 über Yolo County in Kalifornien, USA.

Mit 9 Minuten und 6 Sekunden die längste Flugdauer erreichte der Kolumbianer Jhonathan Florez im April 2012 über La Guajira in Kolumbien.

Anfang Mai 2013 sprang der 48-jährige russische Extremsport-Star Valery Rozow an der Nordflanke des Mount Everest von einer Höhe von 7220 Metern.

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Globaler Sog

Beim Parkplatz in Stechelberg am Talende stehen Touristengruppen Schlange, um mit der Luftseilbahn in die Feriendestination Mürren oder bis hinauf zum Schilthorn auf 2970 m ü. M. zu fahren.

Am Himmel drehen Gleitschirm-Flieger graziös ihre Runden vor der Landung, und von der 'Via Ferrata' hebt von Zeit zu Zeit ein Base-Jumper ab und taucht als Fallschirm vor dem spektakulären Wasserfall des Mürrenbachs auf.

Vor britischen und deutschen Wohnmobilen am Ende des grossflächigen Parkplatzes packen Jumper sorgfältig ihre Schirme für den nächsten Sprung ein. Andere hängen herum, tauschen Geschichten aus und beobachten das Geschehen.

Der Schauplatz ist atemberaubend. Aber unbemerkt von mir und den meisten Leuten hier kam in der Nähe von Stechelberg am Morgen der bekannte spanische Abenteurer, TV-Moderator und erfahrene Base-Jumper, Alvaro Bulto, ums Leben, weil sich sein Fallschirm nicht geöffnet hatte.

Therapie und Herzklopfen

"Weshalb mache ich das?", fragt Barry Holubeck, der Base-Jumping seit 10 Jahren und Fallschirmspringen seit 18 Jahren praktiziert. "Es ist eine Leidenschaft. Für mich persönlich ist es wie eine Therapie und Meditation. Alle brauchen etwas, um sich zu befreien."

Durch seine Sonnenschutzgläser beobachtet er den Felsen hoch oben. "Es ist ein unnötiges Risiko, aber die Erkenntnis befreit von der Angst."

Sean* ist seit zwei Monaten in Lauterbrunnen, um seine Fähigkeiten beim Base-Jumping zu verbessern. Seinen Job in London hat er aufgegeben.

Er klopft auf seine Brust: "Kein Zweifel, es lässt das Herz höher schlagen. Man fühlt sich lebendig und hat das Gefühl, etwas in seinem Leben getan zu haben, im Unterschied zur Monotonie des Alltags, arbeiten, essen, schlafen, arbeiten …"

Schnell lernen

Der 22-jährige 'Buzz' hat seinen Beruf als Skipisten-Aufsicht im neuseeländischen Mount Hutt aufgegeben, um seine Base-Jumping-Fähigkeiten zu verbessern. Auch sein Ziel ist das Wingsuiting. "Bisher habe ich hier in zweieinhalb Monaten 215 Sprünge gemacht", sagt er. "Es ist schwierig, das Gefühl zu beschreiben, das ich beim Absprung und beim Gleiten durch die Luft erfahre, mit dem Wind im Gesicht und der Kontrolle darüber, was ich mache."

Er denke oft an die Gefahr, versuche aber kontrolliert zu springen: nur bei schönem Wetter und im Bereich des Möglichen. "Meine Freundin hat nichts dagegen, aber letztlich ist es ein Risiko, das nicht alle eingehen". Und nach kurzem Zögern sagt er: "Doch, ich glaube, sie hat nichts dagegen."

Auch José aus Madrid ist in Lauterbrunnen, um sich zu verbessern. Er hat erst 15 Fallschirm-Sprünge gemacht und ist bereits erpicht darauf, sich ins neue Abenteuer zu stürzen. "Ich träume nachts vom Base-Jumping". Er ist überzeugt, dass er das Minimum von 200 Fallschirmsprüngen in 18 Monaten nicht brauche, um den ersten Base-Jump zu machen.

"Das ist typisch für die Youtube-Generation, die sich coole Videos anschaut und sich zu schnell ins Abenteuer stürzt", sagt Michael Schwery dazu. "Das ist ein weiterer Grund, weshalb ich mich von Lauterbrunnen fernhalte. Ich will mit diesen Leuten nichts zu tun haben."

(*Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.)


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch


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