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Gesundheitswesen Personal-Fischzüge auf Kosten der Ärmsten



Würde auch in ihrer Heimat benötigt: Russische Pflegerin in einem Zürcher Pflegeheim für Demenzkranke.

Würde auch in ihrer Heimat benötigt: Russische Pflegerin in einem Zürcher Pflegeheim für Demenzkranke.

(Keystone)

Ohne Personal aus dem Ausland ginge im Schweizer Gesundheitswesen nicht mehr viel. In manchen Spitälern stammt über die Hälfte der Pflegenden aus dem Ausland. Mit teils katastrophalen Folgen für die dortige Bevölkerung, kritisiert Medicus Mundi Schweiz.

Der Mangel an Pflegepersonal in Schweizer Spitälern ist chronisch. Und akut: In den nichtuniversitären Gesundheitsberufen würde jährlich ein Berufsnachwuchs von 13'000 bis 16'000 Personen benötigt. Das ist ein Drittel mehr, als die Ausbildungsstätten tatsächlich verlässt. In der Pflege selber beträgt das Ausbildungsdefizit gar 50%.

Deshalb rekrutieren Spitäler, Kliniken und weitere Institutionen schon seit längerem Personal im Ausland. Institutionen in der Deutschschweiz meist in Deutschland, solche in der Westschweiz meist im benachbarten Frankreich.

Damit sind die schlimmsten Personalengpässe im Schweizer Pflege- und Gesundheitsbereich zwar einigermassen gestopft. Doch die Folgen sind weitreichend, in Form einer Rekrutierungswelle über den Globus.

Domino-Effekt

"Deutschland ist dann seinerseits gezwungen, Gesundheitspersonal in Polen zu rekrutieren, die Polen rekrutieren in der Ukraine, die Ukraine in Russland und dieses wiedum in Entwicklungsländern", illustriert Martin Leschhorn vom Netzwerk Medicus Mundi Schweiz (MMS).

Die Verlierer dieser Welle seien einmal mehr die Ärmsten und Schwächsten. "In Ländern, wo auf 1000 Menschen nur ein Arzt oder eine Hebamme fällt, ist deren Abwanderung für die dortige Bevölkerung katastrophal", illustriert Leschhorn. Dies gelte insbesondere für Länder mit einem hohen Anteil an HIV-Infizierten, deren antivirale Therapie gut geschultes Personal erfordere.

Medicus Mundi unterstützt deshalb den Kodex zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitspersonal, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Mai vorlegen will.

Abgeltung

Die wichtigsten Punkte des geplanten Regelwerks: Die Rekrutierung soll allen Beteiligten, also dem Ziel- und dem Herkunftsland sowie dem auswandernden Gesundheitspersonal selber, zu Gute kommen.

Personal soll nur aus solchen Ländern geholt werden, mit denen das Rekrutierungsland bilaterale oder multilaterale Abkommen unterhält. Solche Abkommen enthalten Massnahmen im Bereich Ausbildung oder regionale Absprachen. Martin Leschhorn: "Man darf nicht einfach in Ländern rekrutieren, wo Massnahmen fehlen, um die Folgen der Abwanderung aufzufangen."

In Entwicklungsländern soll nur rekrutieren dürfen, wer das dortige Gesundheitssystem technisch oder finanziell unterstützt, etwa in Form von Ausbildungshilfen oder mit dem Aufbau von Gesundheitsstationen.

Skepsis beim Bund

Einen Knackpunkt sieht der Vertreter von Medicus Mundi auch in der Schweiz selber. "Die grösste Mühe bereitet dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Forderung im WHO-Kodex, dass alle Länder selber genügend Gesundheitspersonal ausbilden sollen."

Auf den ersten Blick lässt sich dies nicht sogleich erkennen. "Die Schweiz hat die Idee zur Ausarbeitung eines praktikablen und wirksamen Kodex sofort unterstützt", sagte Jean-Daniel Biéler, stellvertretender Leiter der Abteilung Internationales im Bundesamt für Gesundheit (BAG), vergangene Woche an der Konferenz des WHO-Exekutivrates in Genf.

Die Migration von Pflegepersonal sei zudem Thema des nächsten nationalen Gesundheitstages in der Schweiz, den die Regierung jedes Jahr zu einem zentralen Thema der öffentlichen Gesundheit durchführe.

Doch die Vorstellungen über die Selbstversorgung und die Kompensation bedürften einer Neuformulierung, machte Biéler klar. Erst dann könne die Schweiz die Bestimmungen gutheissen.

Ausbildung auf nationaler Ebene anpacken

Leschhorn anerkennt, dass in der Schweiz wesentliche Anstrengungen zur Schliessung der Lücken eingeleitet seien, wie die Verstärkung der Ausbildung, Massnahmen zur längeren Haltung des Personals im Beruf oder die Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) präsentierte Ende letzten Jahres einen Bericht, der auch Vorschläge zur zentralen Steuerung der Ausbildung von Gesundheitspersonal enthält. Diese ist bisher grösstenteils Sache der Kantone.

Leschhorn räumt ferner ein, dass nicht alle Probleme ihre Ursachen in den reichen Industriestaaten hätten. In Entwicklungsländern existiere auch eine Binnenwanderung, weil Pflegepersonal von der medizinischen Grundversorgung in attraktive und erfolgreiche internationale Programme wie etwa dem Global Fund wechselten. "Auch dieses Personal fehlt dann in der Basisversorgung", sagt Leschhorn.

Auf Ausländer angewiesen

In der Schweiz arbeiten rund 330'000 Personen im Pflege- und Therapiebereich. Der Bedarf wäre viel grösser.

In den nichtuniversitären Gesundheitsberufen bräuchte es in der Schweiz jährlich 13'000 bis 16'000 frisch ausgebildete Pflegende.

Jedes Jahr fehlen in der Schweiz 4500 Diplomierte im Gesundheitsbereich.

Am grössten ist der Mangel in der Pflege: Hier fehlen jährlich 2400 frisch Diplomierte.

Im Jahr 2020, so eine Hochrechnung, fehlen in der Schweiz 25'000 Fachkräfte im Gesundheitsbereich. Andere Studien rechnen gar mit 45'000.

Bis 2020 nehmen die Über-65-Jährigen um etwa 34% gegenüber 2006 zu. Gleichzeitig wird der Anteil der Personen im Erwerbsalter nur um 4% steigen.

Deshalb rekrutieren Spitäler Personal aus dem Ausland.

Der Anteil ausländischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Schweizer Spitälern beträgt bis zu 55%.

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