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Unbehagen um Psychiatrie-Patienten



Die Zunahme der Zahl psychiatrischer Patienten ist eine Herausforderung.

Die Zunahme der Zahl psychiatrischer Patienten ist eine Herausforderung.

Die Zahl der psychiatrischen Patienten hat in der Schweiz zugenommen. Wie gehen die Notfalldienste mit diesem Phänomen um? Das Problem der häufigen Wiedereintritte bereitet Unbehagen, wie das Beispiel von Genf zeigt.

Die Notfälle mit der Diagnose "psychische Störung" haben in der Schweiz zwischen 2000 und 2008 von 10 auf 11% zugenommen. Psychiater (+11%), aber auch Allgemeinärzte (+2%) stellen die gleiche Tendenz fest, wie aus einer Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums hervorgeht, die Ende März publiziert wurde. Schizophrenie, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und psychische Störungen im Zusammenhang mit Stress, Alkohol und Drogen kommen am häufigsten vor.

Das Phänomen macht auch vor den psychiatrischen und medizinischen Notfalldiensten nicht halt. Obwohl es dazu nur wenige Studien gibt, ist das Problem offensichtlich.

Das Phänomen der "Drehtürpsychiatrie" ist beunruhigend. Zunehmend müssen sich die Notfalldienste um Patienten kümmern, die mehrmals pro Monat oder gar pro Woche auftauchen, es sind sozusagen Wiederholungstäter. Diese Menschen bewegen sich - oft nach einem Klinikaufenthalt - von Krise zu Krise, und ihre Betreuung verlangt besonders ausgebildetes Personal. Nothilfe kann nie eine Langzeitbehandlung ersetzen, das ist das grosse Problem.

Wie zum Beispiel in Genf, der Stadt mit einem der dichtesten Angebote an psychiatrischen Dienstleistungen weltweit. Sie zählt mehr als 300 Spezialisten, eine wichtige psychiatrische Abteilung am Universitätsspital und ein enges Netz an Hilfsangeboten.

Menschen, die unter psychischen Störungen leiden, klopfen Tag und Nacht an die Türen der psychiatrischen, psychosozialen und medizinischen Notfalldienste. Laut SOS-médecins, der Genfer Organisation für Notfall-Hausbesuche, waren letztes Jahr 10% der Konsultationen (3700) psychiatrische Fälle.

Allgemeinpraktiker eilt zu Hilfe

Dr. Pierre Froidevaux, der Gründer von SOS-médecins, erklärt, weshalb bei Beschwerden gerne der Allgemeinpraktiker gerufen wird. "Der Patient hat Schmerzen, die zwar auch Ausdruck eines Angstsyndroms sein könnten, doch er möchte kurzfristig eine Linderung, denn er möchte nicht einem Psychiater sein ganzes Leben erzählen. Er will bloss eine Spritze, schlafen und die Geschichte seiner Vergangenheit am nächsten Tag weiter aufarbeiten, wenn es ihm besser geht. Das pflegerische Ziel des Arztes beruht darin, den Patienten wieder in seine Therapie einzugliedern."

Beunruhigend ist vor allem die hohe Zahl der wiederkehrenden Patienten. Von jährlich 6000 Patienten kommen zwischen 900 bis 1200 (15 bis 20%) innerhalb von kurzer Zeit mehrere Male erneut zur Konsultation, wie das Aufnahmezentrum für psychiatrische Notfälle am Genfer Universitätsspital im zweiten Halbjahr 2009 ermittelt hat. Aufgrund dieser Zahlen wurde ein Programm zur besseren Identifizierung solcher Patienten bewilligt.

"Gewisse Patienten, die immer wieder auf die Notfallstation kommen, zeigen uns unsere Grenzen wie auch die des Gesundheitssystems auf", warnt der verantwortliche Arzt, Dr. Grégoire Rubovszky.

Systematische Anlaufstelle

Manchmal ist der Notfalldienst schlicht überlastet: "In gewissen Zeiten des Jahres fühlen wir uns als Feuerwehr. Die Fälle sind oft komplex. Wir müssten uns, in Zusammenarbeit mit dem Genfer Pflegedienst, schneller um die Patienten kümmern. Nur so haben die Menschen eine Chance auf eine längerfristige Behandlung."

Diese stetige Überlastung des Notfalldienstes und sein Versagen ist charakteristisch für ein urbanes Zentrum wie Genf. Die Patienten kämen oft auf Geheiss ihrer Umgebung, stellt Dr. Rubovszky fest. "Für sie ist es dann schwierig, in kurzer Frist bei einem privaten Psychiater einen Termin zu erhalten und eine Therapie zu beginnen. Geeignete Therapieplätze sind rar."

Während gewisse Patienten die ambulante Hilfe ablehnten, gebe es im Gegenzug solche, die das Angebot übermässig beanspruchten, daraus eine langfristige Therapie machten und ihre Funktionstüchtigkeit darauf aufbauten, stellte Patrick Giquel, Leiter der "mobilen sozialen Dienste", fest.

Auch dieser Dienst wurde nicht verschont. Letztes Jahr nahm er 900 Anfragen entgegen, darunter waren 220 Personen mit psychischen Störungen. Dieser Dienst, bislang der einzige dieser Art in der Schweiz, verzeichnet steigende Zahlen seit seiner Gründung vor sechs Jahren.

Das fehlende Glied in der Kette

Fehlt zwischen der psychiatrischen Institution und dem sozialen Netz nicht ein Glied in der Kette? Es gebe eine Anlaufstelle für Patienten, die sich der Gesellschaft entzogen haben, die auch nachts geöffnet sei und über acht Betten verfüge, aber stets überlastet sei, so Vito Angelillo, Leiter der kantonalen Integrationsstelle.

"Es wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, welche die Notwendigkeit einer zwischengeschalteten Betreuungsstelle quantitativ und qualitativ evaluieren soll", erklärt er.

Die Situation in Genf ist nicht einzigartig. Sie sei eine Folge der Politik der ambulanten Behandlungen in der Schweiz, so die Analyse von Hans Kurt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

"Einerseits sind die Aufenthalte immer kürzer, bedingt durch den Spardruck, der auf die Kliniken ausgeübt wird, andererseits favorisiert die Gesundheitspolitik die Rückkehr in die eigenen vier Wände. Darin besteht die Gefahr, dass die ambulanten Angebote für diese Personen, die oft zu früh nach Hause entlassen werden, nicht genügen."

Weil ihr Zustand oft nicht stabil genug ist, kommt es vermehrt zu Wiedereintritten (Drehtürpsychiatrie). "Zwischen 10 und 20% der hospitalisierten Patienten kommen wieder in die Klinik zurück. Diese Wiedereintritte haben zwischen 2000 und 2006 um 30% zugenommen, ein alarmierender Zustand", stellt Hans Kurt fest.

Sophie Roselli, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer)

Pessimistische Prognosen

Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht, wenn man der Studie glaubt, die vor einigen Jahren von der WHO realisiert wurde.

Diese bestätigt, dass ein Viertel der Welt-Bevölkerung im Lauf des Lebens theoretisch einmal eine Behandlung auf Grund einer psychischen Störung braucht.

Laut der Ende März veröffentlichten Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums leidet "beinahe die Hälfte der schweizerischen Bevölkerung einmal im Leben an einer psychischen Störung."

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