Wie Schweizer Muslime heute mit 9/11 umgehen

Die Religion der Muslime ist seit 9/11 Verunglimpfungen ausgesetzt. swissinfo.ch

Vor 10 Jahren haben islamistische Terroristen Flugzeuge in amerikanische Kultgebäude gesteuert und diese zum Einstürzen gebracht. Der Kollaps ist heute noch weltweit spürbar. Vielen Muslimen wird mit Argwohn begegnet und ihre Religion verunglimpft.

Dieser Inhalt wurde am 11. September 2011 - 17:00 publiziert
Julia Slater, swissinfo.ch

Wie die meisten Leute, welche die Aufzeichnungen der terroristischen Anschläge am Fernsehen verfolgt hatten, erinnert sich auch die Schweizer Bürgerin Nezhda Drissi sehr genau an die Ereignisse.

"Meine erste Reaktion war, dass Muslime nicht fähig sein können, so etwas Schreckliches zu tun", sagt sie gegenüber swissinfo.ch. Drissi ist in Marokko geboren worden. Seit 20 Jahren lebt sie in der Schweiz.

Larbi Guesmi, ein tunesischer Menschenrechtsaktivist aus Neuenburg, sagt, dass er vom Ausmass des Anschlags schockiert war und sich Sorgen um die Auswirkungen gemacht hatte.

Die Rechtfertigung der Terrororganisation Al-Kaida, dass die Attacke eine Antwort auf das Gebaren der USA seien, weist Guesmi gänzlich zurück. "Es hat zahlreiche Fälle von Aggressionen und Demütigungen seitens der Amerikaner gegen Muslime gegeben, aber solche Anschläge erweisen der Sache der Muslime keinen Dienst", sagt er.

"Sie spielen nur den Diktatoren in die Hände, die sich hinter dem 'Kampf gegen Terrorismus' verbarrikadieren, um damit ihr Volk zu unterdrücken – und das ist immer noch so."

Verdächtigungen und Misstrauen

Guesmi hebt das Misstrauen hervor, das er selber auch zu spüren bekomme. "Auch heute noch ernten wir finstere, hasserfüllte Blicke und spüren Rachegelüste gegen uns".

Drissi – die von sich selbst sagt, dass sie nicht sehr ausländisch aussehe – hat keine Feindseligkeiten erfahren. Aber sie musste sich an spezielle Fragen gewöhnen, die ihr in den USA gestellt werden, sobald sie ihren Pass mit ihrem Namen und den Visa für arabische Länder zeigt.

"Man muss es mit Würde ertragen. Muslimin zu sein, ist kein Fehler", sagt sie.

Muslimin sein

Die Politikwissenschaftlerin Elham Manea – sie hat das Schweizer und das jemenitische Bürgerinnenrecht – sagt gegenüber swissinfo.ch, dass 9/11 die Wahrnehmung vieler Leute in Bezug auf ihre Person eingeschränkt habe, nämlich auf die Tatsache, dass sie Muslimin sei. Die andern Aspekte ihrer komplexen Identität gingen dabei vergessen.

Obwohl sie dies bedauert, sieht sie einen positiven Effekt darin, dass die seriösen Medien begonnen hätten zu fragen, was es überhaupt bedeute, Muslim zu sein.

"Andererseits begann damit die Entwicklung der rechtsgerichteten Parteien, die Profit daraus zogen, indem sie es zu einer politischen Angelegenheit machten, um ihren Wählerkreis zu erweitern."

Drissi hat darauf reagiert, indem sie Nicht-Muslimen die Hand ausstreckte: Während des Ramadans öffnet sie einen Abend lang ihre Türen. Eingeladen sind alle, die an einer gemeinsamen Mahlzeit am Fastenende interessiert sind.

"Wir Muslime müssen pro-aktiv sein", sagt sie. "Ich handle nicht gegen, sondern für etwas: für einen interkulturellen, religiösen Dialog, um herauszufinden, was uns vereint und stärker macht".

Die meisten Nicht-Muslime, die an Drissis Mahlzeiten teilgenommen haben, haben keine Angst vor dem Islam. Aber manchmal hat sie auch Gäste mit einer ablehnenden Haltung.

"Ein Herr hat mich angerufen und gesagt, er gehöre der (rechtskonservatien; N.d.R.) People's Party an. Ich war sehr froh, dass er teilnahm und sehr viele Fragen stellte. Den meisten Fragen lag Angst zu Grunde.

Er hat den Abend genossen und etwas Nettes ins Gästebuch geschrieben. Aber ich glaube, dass seine Überzeugungen stärker sind, als das, was er hier sah."

Sündenböcke

Auch Guesmi sieht Feindseligkeiten gegen den Islam in der Angst begründet. "Ich habe Menschen gern. Wer feindselig, rassistisch und von Vorurteilen eingenommen ist, tut mir leid, und ich empfehle solchen Leuten, sich behandeln zu lassen".

"Diese Angst ist eine Gefahr für die Gesellschaft", sagt er. "Alle müssen dagegen aufkommen, weil alle davon betroffen sind".

Weder Manea noch Drissi fühlen sich als Opfer oder Sündenböcke. Drissi räumt ein, dass viele Muslime – die schweigende Mehrheit – die Anfeindungen erdulden und darauf warten, dass sich die Situation von selbst verbessere.

"Natürlich kommt man in Versuchung, so zu reagieren, schliesslich muss sich jeder um sein eigenes Leben und seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Aber man muss auch Verantwortung übernehmen, für die Kinder, und sich für ihre Zukunft engagieren."

Das sieht auch Elham Manea so: "Man kann sich nicht nur darüber beklagen, dass uns die Welt diskriminiert, sondern muss am gesellschaftlichen Leben teilnehmen."

Sündenböcke habe es in jeder Gesellschaft gegeben, sogar in der muslimischen. Auch in der Schweiz seien in der Vergangenheit verschiedene Migranten, aber auch religiöse Gruppen betroffen gewesen: Nicht nur Juden, auch Katholiken waren Opfer von Diskriminierungen.

Positive Entwicklungen 

Laut Elham Manea, die in fortschrittlichen Muslimgruppierungen der Schweiz tätig ist, wird seit 9/11 auch unter Muslimen über Fundamentalismus und über hassschürende Randgruppen gesprochen, über die man nicht schweigen solle.

Sie werde oft von jungen Muslimen in der Schweiz angesprochen, die nicht über Diskriminierung von aussen, sondern über Entfremdung in ihrer eigenen Gemeinschaft sprechen wollten. Das habe oft nichts mit Religion, sondern mit patriarchalen Strukturen und Traditionen zu tun.

Für sie ist dies eine normale Entwicklung zwischen den Generationen. Manea ist aber optimistisch, dass diese jungen Muslime ihren eigenen Weg finden würden, wie sie ihre Religion praktizieren und die Traditionen in ihrer Schweizer Identität integrieren wollten.

Muslime in der Schweiz

In der Schweiz leben zwischen 350'000 und 400'000 Muslime. Rund 12 Prozent sind Schweizer Bürger.

Der Anteil der muslimischen Bevölkerung ist von 2,2% (1990) auf 4,3% (2000) angestiegen.

Viele Muslime kamen während des Balkankriegs in die Schweiz.

Ein grosser Teil der muslimischen Einwanderer stammt auch aus der Türkei.

Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung sind Christen: 42% Katholiken, 35% Protestanten, 2,2% gehören anderen christlichen Religionen an.

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Fast 3000 Todesopfer

Insgesamt wurden durch die Anschläge in New York, Washington und Pennsylvania fast 3000 Menschen getötet, über 2750 verloren ihr Leben allein in New York.

Unter den Opfern befanden sich zwei Schweizer. Eine Frau, die im World Trade Center gearbeitet hatte und ein Schweizer, der sich mit seiner schwangeren Frau an Bord einer der Maschinen befand, die in die Türme geflogen waren.

In den ersten Tagen nach den Anschlägen hatten rund 700 Schweizer und Schweizerinnen als vermisst gegolten. Viele davon waren Touristen, von denen Freunde oder Familienangehörige nur wussten, dass sie irgendwo in den USA unterwegs waren.

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