Gewerkschafter jubilieren, und kämpfen weiter

SGB-Präsident Paul Rechsteiner: Der Kampf geht weiter. Keystone

Arbeitnehmer und Prominenz aus Politik und Kultur haben am Samstag in Bern das 125-jährige Bestehen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes gefeiert.

Dieser Inhalt wurde am 05. November 2005 - 16:31 publiziert

Die Gewerkschaften seien gerade angesichts des dramatischen Wandels des Arbeitsmarktes nötiger denn je, sagte SGB-Präsident Paul Rechsteiner.

Die Gewerkschaften haben in den vergangenen 125 Jahren viel erreicht. Aber auch heute sind sie unabdingbar: Diese Bilanz zog der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), Paul Rechsteiner, am Samstag am Jubiläumskongress in Bern.

Die Veränderungen der Arbeit seien dramatisch. Bei den grossen technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sei eines geblieben: die Abhängigkeit und die Verwundbarkeit der Menschen im Arbeitsverhältnis, sagte Rechsteiner. "Die Sensibilität dafür ist nirgendwo sonst so verankert wie in den Gewerkschaften."

Noch nie habe es so viel Kapital gegeben wie heute. "Doch noch kaum je gab es so viel Ungleichheit wie heute." Im grassierenden Neoliberalismus, mit seinem Kult der Ungleichheit, stellten sich die alten Verteilungsfragen in neuer Schärfe.

Der Kampf für anständige Löhne sei seit Beginn eine erstrangige gewerkschaftliche Aufgabe, sagte Rechsteiner weiter. Auch die Arbeitszeit sei ein immer wieder aktuelles Feld der Auseinandersetzung. "Heute kämpfen wir bei der Arbeitszeit statt für neue Fortschritte vor allem gegen Verschlechterungen."

Vorwärtsstrategie gefordert

Die Wirtschaft und die Beschäftigungsstrukturen hätten sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert. Die Gründung der interprofessionellen Gewerkschaft Unia und die Öffnung des SGB für Angestelltenorganisationen und Berufsverbände seien eine Antwort darauf.

Auch Christine Goll, Präsidentin der Gewerkschaft Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste (vpod), forderte vom SGB eine Vorwärtsstrategie. Dazu gehöre unter anderem, die Gewerkschaftspolitik vermehrt auf Frauen auszurichten. "Auf dem Weg zur Gleichstellung von Frauen und Männern liegt noch ein weiter Weg vor uns."

Unterschätzte Gefahr

Der Politologe Hanspeter Kriesi präsentierte eine Aussensicht der Gewerkschaften. Er ortete bei der Polarisierungstendenz neben Chancen auch eine Gefahr, welche noch unterschätzt werde: "Die Gefahr besteht darin, einseitig defensiv zu werden, sich auf die Verteidigung von angestammten Rechten zu spezialisieren."

Die Herausforderung für die Gewerkschaften bestehe deshalb darin, diese Verteidigung mit neuen Angeboten für die Bedürfnisse individueller Lebensgestaltung zu verknüpfen, sagte Kriesi.

Verantwortungsvolle Politik

Aussenministerin Micheline Calmy-Rey betonte, die Schweiz brauche starke Gewerkschaften. "Starke Gewerkschaften heisst auch starke Demokratie." Die Gewerkschaften hätten grossen Anteil am guten Verhältnis der Schweiz zur EU, sagte sie.

Dank ihrem Engagement habe sich die Schweiz als solidarische Partnerin erwiesen, der Wirtschaftsstandort Schweiz sei gestärkt und der Sozialschutz verbessert worden. "Es ist diese Art von verantwortungsvoller Politik, mit der wir die Interessen unseres Landes, seiner Bewohnerinnen und Bewohner, bestmöglich wahren und unsere Verantwortung gegenüber unseren europäischen Partnern wahrnehmen."

Neben Reden, Referaten und Debatten war am Jubiläumskongress für Unterhaltung gesorgt: Ein ad-hoc-Chor sang traditionelle Kampflieder, "Greis" trug politisch linken Rap vor. Zudem wurde ein Videoprojekt zur modernen Arbeitswelt uraufgeführt; ausserdem wurden historische Ereignisse szenisch dargestellt.

swissinfo und Agenturen

In Kürze

Der SGB ist der grösste Gewerkschafts-Verband der Schweiz: Er vertritt 16 Gewerkschaften mit 380'000 Mitgliedern.

Bei der Gründung 1880 waren es 12 Sektionen mit insgesamt 133 Mitgliedern.

Die erste Gerwerkschaft der Schweiz wurde 1858 gegründet.

Die christlichen Gewerkschaften sind nicht dem SGB angeschlossen, sie bilden seit 2002 den Verband Travail.Suisse.

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