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Grenzüberschreitende Mobilität "Basel ist ein beispielhaftes Mini-Europa"

Die Tramlinien von Basel nach Frankreich und Deutschland sind ein Symbol für die gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den drei Ländern.

(© Keystone / Georgios Kefalas)

Der grenzüberschreitende Geist ist in der Metropole Basel und ihrer Bevölkerung stark ausgeprägt. Ein für die Schweiz und gar Europa einzigartiger Fall, der dem Rest des Kontinents als Vorbild dienen könnte, sagt der Soziologe Yann Dubois, Autor eines jüngst erschienen Buchs zu dem Thema.

Abstimmung über die Initiative "Gegen Masseneinwanderung" am 9. Februar 2014 in der Schweiz, Brexit-Referendum im Juni 2016 in Grossbritannien, Auftrieb des Nationalismus in verschiedenen europäischen Ländern: Nach mehreren Jahrzehnten zunehmender Öffnung ist die Frage der Grenzen auf dem Kontinent wieder zum Thema geworden.

Doch es gibt eine Region, die sich von dieser Entwicklung nicht beeinflussen lässt: Die im Herzen Europas gelegene Metropole Basel hat in Sachen grenzüberschreitende Zusammenarbeit eine Vorreiterrolle und unterhält nach wie vor intensive Beziehungen zu ihren französischen und deutschen Nachbarn.

Als Gastforscher am Labor für Stadtsoziologie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) nahm Yann Dubois die Besonderheiten der Agglomeration Basel aus unterschiedlichsten Blickwinkeln unter die Lupe. Das Resultat ist ein 615 Seiten umfassendes Werk mit dem Titel "Frontières et mobilité au quotidien: modes de vie dans l'agglomération bâloise"externer Link ["Grenzen und Mobilität im täglichen Leben: Lebensformen in der Agglomeration Basel"]. Die Erkenntnisse fussen zu einem grossen Teil auf Informationen von über 4800 Fragebogen, die an schweizerische, französische und deutsche Einwohnerinnen und Einwohner der Region versandt wurden. Ein Gespräch.

swissinfo.ch: In ihrem Buch führen Sie 12 grenzüberschreitende Regionen in der Schweiz auf, die drei bedeutendsten darunter Genf, Basel und das Tessin. Woher kommt Ihr besonderes Interesse an Basel?

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Grenzgänger, die Alltags-Migranten

In den letzten 15 Jahren hat sich die Anzahl der europäischen Grenzgänger und Grenzgängerinnen, die in die Schweiz zur Arbeit kommen, verdoppelt.

Yann Dubois: Basel ist in verschiedener Hinsicht interessant. Zusammen mit Luxemburg ist die Agglomeration Basel einer der seltenen Ballungsräume in Europa, der sich über drei Länder erstreckt.

Aus Schweizer Sicht betrachtet, ist es zudem ein besonders einzigartiger Fall, da die grenzüberschreitenden Beziehungen intensiv sind und in der Regel harmonisch. Für jemanden wie mich, einen Forscher aus der Westschweiz, ist dies ziemlich anders, als das, was man allgemein in Genf oder im Jurabogen beobachten kann.

swissinfo.ch: Basel spielt bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit eine Vorreiterrolle. Ist dies der Grund, wieso diese Zusammenarbeit heute so gut funktioniert?

 Y.D.: Dies ist ohne Zweifel ein bedeutender Faktor. Schon vor dem Ersten Weltkrieg waren die Beziehungen sehr eng. So gab es schon damals Tramlinien, welche die Grenze überquerten. Die grossen globalen Konflikte erschütterten zwar dieses gute Einvernehmen, doch nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer erneuten Annäherung.

In den 1960er-Jahren war Basel Schauplatz der ersten Form von grenzüberschreitender Zusammenarbeit in Europa. Dank dieser langfristigen Zusammenarbeit sind sich Bewohnerinnen und Bewohner der Region heute bewusst, in einem besonderen Raum zu leben.

swissinfo.ch: Gibt es noch andere Gründe, die diese besonders harmonischen grenzüberschreitenden Beziehungen erklären?

Y.D.: Die Zunahme der Grenzgänger und Grenzgängerinnen ist in Basel viel sanfter verlaufen, als in Genf oder im Tessin, wo die Zahlen dieser Arbeitnehmenden seit Inkrafttreten des Abkommens über die Personenfreizügigkeit explosionsartig gestiegen sind. Dies erleichterte die Anpassung und zog geringere Reibungen auf dem Arbeitsmarkt nach sich. Auch auf dem Immobilienmarkt sind die Spannungen weniger stark als zum Beispiel in Genf.

swissinfo.ch: Gibt es denn überhaupt keine Probleme?

Y.D.: Nein, es wäre eine Beschönigung der Realität, zu sagen, dass alles perfekt funktioniert. Grosse Herausforderungen gibt es insbesondere bei der Steuerung des Autoverkehrs. Auch wenn das Problem geringer ist als in Genf, leiden die Menschen in Basel unter dem Pendlerstrom und setzen hohe Erwartungen in ihre Behörden, den steten Staus ein Ende zu setzen.

swissinfo.ch: Sind Sie auf Lebensweisen gestossen, die spezifisch sind für die Agglomeration Basel?

Y.D.: Ja, der am stärksten kosmopolitisch ausgerichtete Teil der Bevölkerung kümmert sich überhaupt nicht um die Grenzen. Für diese Leute hat die Landesgrenze die gleiche Bedeutung wie eine Gemeindegrenze. Sie kaufen zum Beispiel in Frankreich ein, essen in einem Restaurant in Deutschland und besuchen ein Konzert in Basel.

Andere wiederum haben eine funktionalere Beziehung zur Landesgrenze, sie überschreiten sie nur, um zur Arbeit zu gehen oder ihre Einkäufe zu machen. Und eine Minderheit, etwa 15%, begeben sich praktisch nie in die Nachbarländer.

Für die Mehrheit der Bevölkerung ist der grenzüberschreitende Geist, der die Region Basel prägt, jedoch von Bedeutung. Sie sind der Idee des Zusammenlebens und einer offenen Grenze sehr verbunden. Sie sind auch echt stolz darauf. Es ist eine Einstellung, die man sonst nirgendwo in der Schweiz findet.

"Die Basler hängen stark an den offenen Grenzen und der Idee des Zusammenlebens", sagt der Soziologe Yann Dubois.

(DR)

swissinfo.ch: In welchen Bereichen ist die Grenze heute noch besonders sichtbar?

Y.D.: Die Grenze hat noch immer einen starken Einfluss auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Gute Freunde und Familienmitglieder leben zum grössten Teil im gleichen Land.

Die Bewohner und Bewohnerinnen der Agglomeration Basel ziehen es auch vor, in ihrem Heimatland zu leben, und können sich meist nur schwer vorstellen, sich auf der anderen Seite der Grenze niederzulassen.

Franzosen sind etwas offener für die Idee, anderswo zu leben. Die Schweizer viel weniger. Auch wenn die Immobilienpreise in Basel recht hoch sind, besteht kaum die Notwendigkeit, in ein Nachbarland umzuziehen, um eine erschwingliche Wohnung zu finden, wie das in Genf manchmal der Fall ist.

Man darf auch nicht vergessen: Ein Umzug in eines der Nachbarländer bedeutet, dass man ein Schulsystem, ein Sozialversicherungs- und ein Krankenversicherungswesen sowie anderes mehr hinter sich lässt. Das kann recht einschränkend sein.

swissinfo.ch: In Europa, auch in der Schweiz, wird die Idee einer barrierefreien Mobilität über die Grenzen hinweg heute teils ernsthaft in Frage gestellt. Welche Auswirkungen könnte das auf Basel und seine Agglomeration haben?

Y.D.: Der Ballungsraum Basel hat alle Voraussetzungen, um auf Erfolgskurs zu bleiben. Besser noch, er kann anderen als Modell dienen. Basel ist ein beispielhaftes Mini-Europa.

Die Agglomeration zeigt anhand der Fakten auf, dass ein offenes Europa funktionieren kann. Vorausgesetzt, man gibt sich die notwendigen Mittel und gestaltet die grenzüberschreitenden Beziehungen pragmatisch und effizient.

swissinfo.ch: Ist es nicht paradox, dass dieses Beispiel aus einer Region am Rande der Europäischen Union kommt?

Y.D.: Die Tatsache, dass die Schweiz nicht EU-Mitglied ist, zwingt sie dazu, pragmatische Lösungen zu finden. Es liegt sozusagen in ihrer DNA.

Zudem sollte man darauf hinweisen, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Region Basel auf die Zeit vor der Gründung der Europäischen Union zurückgeht. Der Kanton Basel-Stadt musste, aufgrund der Spannungen mit dem Kanton Basel-Landschaft, schon sehr früh andere Partner suchen, um sich zu entwickeln. Daher wandte er sich seinen Nachbarländern Deutschland und Frankreich zu.

Die weitere Entwicklung der Agglomeration Basel innerhalb und ausserhalb der Landesgrenzen wurde auch ermöglicht durch die in den 2000er-Jahren von der Eidgenossenschaft eingeführte Agglomerationspolitik. Auch dies eine Illustration des Schweizer Pragmatismus.

Grenzüberschreitende Agglomeration Basel

Der grenzüberschreitende Ballungsraum Basel liegt am Schnittpunkt der Schweiz, Deutschlands und Frankreichs und hat etwa 830'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die meisten davon – etwa 525'000 – leben in der Schweiz, etwa 205'000 in Deutschland und etwas unter 100'000 in Frankreich.

Die Agglomeration Basel ist Teil eines grösseren wirtschaftlichen und politischen Raums, des Oberrheins, der das Elsass in Frankreich, Baden-Württemberg und den Süden von Rheinland-Pfalz in Deutschland sowie die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft, Solothurn, Aargau und Jura in der Schweiz umfasst.

Wirtschaftlich vor allem auf Dienstleistungen (Finanzen, Versicherungen), Chemie und Pharma ausgerichtet, zählt die Agglomeration Basel rund 410'000 Arbeitsplätze, davon 170'000 allein in der Stadt Basel, dem wahren Zentrum des grenzüberschreitenden Ballungsraums.

In den beiden Kantonen Basel arbeiten gegen 55'000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger; in der Region Nordwestschweiz insgesamt (inkl. Kanton Jura) sind es rund 80'000.

Infobox Ende

Kontaktieren Sie den Autor dieses Artikels auf Twitter: @samueljabergexterner Link


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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