Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Grenzüberschreitende Mobilität Der Léman Express ist nicht genug für den Grossraum Genf

(Keystone / Jean-Christophe Bott)

Er galt als ein historischer Schritt nach vorn für den öffentlichen Verkehr im Ballungsraum Frankreich-Waadt-Genf: der Léman Express, der vor einem Monat eingeweiht wurde. Doch wenn sich die französisch-schweizerische Zusammenarbeit nicht weiterentwickle, bestehe die Gefahr, dass das grösste grenzüberschreitende S-Bahn-System Europas die Ungleichheiten zwischen Genf und der französischen Peripherie weiter vergrössere. Dieser Meinung ist der Forscher Sébastien Lambelet.

Arbeiten in Genf, Wohnen in den französischen Nachbardepartementen Ain und Hochsavoyen: Das ist kurz zusammengefasst die Entwicklungspolitik, die in den letzten Jahrzehnten im französisch-waadtländisch-genferischen Ballungsraum vorherrschte. Die Region ist eine der dynamischsten in Europa.

Mobilität über Grenzen hinweg Léman Express sprengt Genfs Mauern

Der Léman Express wird Genf mit mehreren Städten in der Schweiz und in Frankreich verbinden.

Die Folge daraus: Die französischen Grenzgemeinden werden mit zunehmenden Belastungen konfrontiert. Sie müssen massiv in ihre öffentliche Infrastruktur investieren, um die Tausenden von neuen Einwohnerinnen und Einwohnern jedes Jahr unterzubringen. Franzosen und Schweizer, die keine Unterkunft in Genf finden können.

Sébastien Lambeletexterner Link ist Spezialist für Agglomerationsfragen an der Universität Genf. Während die Inbetriebnahme des Léman Express rundherum gefeiert wird, sticht der junge Forscher ins Wespennest. Er warnt, dass ohne eine bessere grenzüberschreitende Steuerung das Ungleichgewicht zu Ungunsten des französischen Grossraums um Genf in den kommenden Jahren noch ausgeprägter werden könnte.

swissinfo.ch: Die Inbetriebnahme des Léman Express wurde als "historischer Moment" für die grenzüberschreitende Mobilität in Genf bezeichnet. Sie teilen diese Begeisterung aber nicht ganz. Warum?

Sébastien Lambelet: Der Léman Express sorgt in der Tat für mehr Möglichkeiten für eine reibungslosere, bahnorientierte Mobilität im Grossraum Genf und seiner eine Million Einwohnerinnen und Einwohner. Damit holt Genf letztlich nur zu den anderen Schweizer Agglomerationen auf. Erinnern wir uns daran, dass in Zürich bereits seit fast 30 Jahren ein leistungsfähiges S-Bahn-Netz besteht, in Basel seit 22 und in Lausanne seit 15 Jahren.

"Der Léman Express ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nur ein erster Schritt."

Ende des Zitats

Zudem ist zu beachten, dass Genf in den 1930er-Jahren über ein grosses Netz von grenzüberschreitenden Strassenbahnen verfügte, bevor man Mitte des letzten Jahrhunderts die Schienen entfernte, um Platz für das Auto zu machen.

swissinfo.ch: Trotzdem, erleben wir nicht eine Revolution, wie wir Mobilität in der Agglomeration Genf verstehen?

S.L.: Man hat mit Léman Express zwar einen hübschen Namen gefunden, der aber eine hohle Phrase bleibt. Die neue grenzüberschreitende S-Bahn ist vornehmlich auf Schweizer Gebiet ein "Express". Nach Annemasse wird das komplizierter. So braucht man etwa eineinhalb Stunden von Genf nach Annecy.

Zwischen Bellegarde und Saint-Julien gibt es zu Stosszeiten nur einen Zug pro Stunde. Und ganze Regionen wie das Pays de Gex sind überhaupt nicht an das grenzüberschreitende S-Bahn-Netz angeschlossen. Es ist daher ein Schritt in die richtige Richtung, aber nur ein erster Schritt.

S-Bahn-Netz Léman Express

Das S-Bahn-Netz Léman Express.

(Léman Express)

swissinfo.ch: Nur zwei Wochen nach Inbetriebnahme des Léman Express publizierte der französische Premierminister Édouard Philippe ein Dekret zur Genehmigung für den Bau einer 16,5 km langen Autobahn vor den Toren Genfs. Er will damit das französische Chablais besser anbinden. Ist das nicht absurd?

S.L.: Was die Kommunikationsstrategie angeht, ist es tatsächlich etwas unglücklich, dass dieses Projekt so kurz nach der Einweihung des Léman Express wieder auf den Tisch gelegt wurde. Tatsache bleibt, dass dieses Autobahnprojekt bereits seit den 1980er-Jahren besteht. Der französischen Region Chablais fehlt es auch heute noch an guten Verkehrsinfrastrukturen. Sie hat allen Grund, aufholen zu wollen.

Bei dieser Ankündigung aber symptomatisch ist die mangelnde Koordination bei der Umsetzung des Mobilitätsplans zwischen der Schweiz und Frankreich.

Das politische Genf kann schon empört sein und ankündigen, gegen den Bau der Autobahn Berufung einlegen zu wollen. Aber erinnern wir uns daran, dass jedes Mal, wenn französische Abgeordnete die Entwicklungspolitik in Genf anprangern, ihnen gesagt wird, dass es sie nichts angehe, und sie sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten. Es steckt also eine Doppelmoral in dieser Empörung.

Léman Express nimmt Fahrt auf

Video: Léman Express nimmt Fahrt auf

swissinfo.ch: Wenn wir Sie richtig verstehen, wird der Léman Express nicht in der Lage sein, wie von Zauberhand die recht angespannten grenzüberschreitenden Beziehungen zu beruhigen?

S.L.: Nein, wirklich nicht. Zum Beispiel reichte eine einfache Werbung für Einkaufstourismus auf einem Genfer Tram aus, um die französisch-schweizerischen Beziehungen ins Wanken zu bringen. Positiv bei der Inbetriebnahme des Léman Express war, dass die Grenzgänger-Frage für einmal im Rampenlicht stand.

Sébastien Lambelet ist doktorierender Assistent in Politikwissenschaft an der Universität Genf.

(Carla Da Silva / Carla Da Silva)

Damit der Effekt aber nachhaltig ist, müssen sich die Genfer Abgeordneten stärker für die gemeinsamen Probleme interessieren und ein für allemal damit aufhören, nur für ihre Seite zu schauen. Wenn sich diese Dynamik der grenzüberschreitenden Regierungsführung nicht ändert, könnte der Léman Express sogar kontraproduktive Effekte haben.

swissinfo.ch: Wie das?

S.L.: Laut den jüngsten Zahlen des Observatoire statistique transfrontalier nahm der Kanton Genf zwischen 2011 und 2016 nur 35% der 76'000 neu in der Agglomeration angekommenen Einwohnerinnen und Einwohner auf. 55% fanden eine Wohnung in den französischen Nachbarregionen. Gleichzeitig wurden 67% der neuen Jobs der gesamten Agglomeration im Kanton Genf geschaffen, gegenüber 21% im französischen Umland.

Man ist somit sehr weit von einem Wiederherstellen eines Gleichgewichts im Verhältnis von Unterkunft und Beschäftigung entfernt. Dieser Wunsch wird seit 2007 in den Agglomerationsprojekten geäussert.

Doch durch den Léman Express dürften sich die Ungleichheiten zwischen dem Zentrum und der Peripherie des Ballungsraums noch vergrössern. Dank einer reduzierten Reisezeit werden Arbeitnehmende in der Region dazu verleitet, immer weiter entfernt von Genf zu wohnen und weiterhin dorthin arbeiten zu gehen.

swissinfo.ch: Dafür werden diese Menschen auf das Auto verzichten und so nicht mehr die Genfer Strassen verstopfen. Warum soll das ein Problem sein?

S.L.: Man muss über die tägliche Mobilität hinausdenken. Genf exportiert bereits heute einen grossen Teil der negativen Auswirkungen seines Wirtschaftswachstums ins benachbarte Frankreich. Der Kanton kann aus einer Position der Stärke heraus agieren: Er kann es sich zum Beispiel leisten, einen hundertjährigen Baum nicht zu fällen, weil er weiss, dass die Wohnungen, auf deren Bau er damit verzichtet, ohnehin im benachbarten Frankreich gebaut werden.

"Durch den Léman Express dürften sich die Ungleichheiten zwischen dem Zentrum und der Peripherie des Ballungsraums noch vergrössern."

Ende des Zitats

Doch man kann verdichtetes Bauen nicht immer im Namen des Umweltschutzes verweigern, während die Zersiedlung im französischen Umland von Genf verstärkt wird. Das ist absurd!

swissinfo.ch: Werden die Verantwortlichkeiten nicht auf beiden Seiten der Grenze geteilt?

S.L.: Ich denke, dass die französischen Abgeordneten ein ausgeprägteres Bewusstsein für das grenzüberschreitende Zusammenleben haben. Sie haben ein Interesse an der Zusammenarbeit, weil ihr Wohlstand von einem guten Funktionieren des Grossraums Genf abhängt. Zudem sind mehrere unter ihnen selber Grenzgängerinnen und Grenzgänger.

Auf der anderen Seite zeigen die Genfer Behörden kein grosses Interesse daran, die im Rahmen des Agglomerationsprojekts eingegangenen Verpflichtungen zu konkretisieren, wie zum Beispiel das Versprechen, pro Jahr 2500 neue Wohneinheiten zu bauen.

Mit einer proaktiveren Politik würde es ihnen sicher gelingen, eine Mehrheit der Genferinnen und Genfer zu überzeugen, für Projekte zu stimmen, die eine bessere Verdichtung des Gebietes zum Ziel haben.

Idee eines Grossgenfer Parlaments wiederbelebt

Der Verein Genevois sans frontièresexterner Link verteidigt die fast 40'000 Schweizerinnen und Schweizer, die in den Nachbardepartementen von Genf leben. Er setzt sich ein für die Schaffung eines Grossgenfer Parlaments.

Mitglieder dieses Parlaments würden von den verschiedenen Regionen im Verhältnis zu deren Einwohnerschaft gewählt. Die Aufgabe dieses Parlaments wäre es, an der Identität des Grossraums Genf zu arbeiten, besonders durch die Ausarbeitung einer Charta von Grossgenf.

"Ein Grossgenfer Parlament erscheint uns als intelligente und realisierbare Lösung, die im Einklang mit einer langfristigen Vision dieser Region wäre. Denn ob man es mag oder nicht, diese Region ist eine Realität", sagt Vereinsmitglied Houda Khattabi.

Die Idee wurde bereits in der Vergangenheit erwähnt und mit der Inbetriebnahme des Léman Express wieder aufgegriffen. Es gehe dabei nicht darum, in die Entscheidungen der Behörden auf beiden Seiten der Grenze einzugreifen, "sondern die Leute dazu zu bringen, öfter gemeinsam an einen Tisch zu sitzen", so Khattabi.

Infobox Ende

Kontaktieren Sie den Autor dieses Artikels auf Twitter: @samueljabergexterner Link


(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

Neuer Inhalt

Horizontal Line


Externer Inhalt

Warum fehlt die weibliche Kunst in den Schweizer Museen?

SWI plus Banner

  • Relevante Meldungen kompakt aufbereitet
  • Fragen und Antworten für die Fünfte Schweiz
  • Diskutieren, mitreden und vernetzen

Mit einem Klick ein Plus für Sie!


subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.