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Henriette Muheim und ihre Kelim-Teppiche

Henriette Muheim-Dumlupinar mit ihren Kelims.

(swissinfo.ch)

Die einstige Familienfrau und Sprachlehrerin verbringt ihr zweites Leben mit dem Verkauf von Teppichen in der Türkei. Mit Erfolg.

Eine Begegnung mit einer Auslandschweizerin aus dem Kanton Freiburg, die schon immer in der Welt zu Hause war.

"Ich bin in der Schweiz geboren und in Australien aufgewachsen. Später, bevor wir nach Genf und Freiburg zurückkehrten, bin ich mit meinem ersten Ehemann, einem Schweizer Arzt, viel gereist", erzählt Henriette Muheim-Dumlupinar.

Als ihre zwei Söhne flügge wurden, packte sie erneut das Reisefieber. Sie entdeckte während den Ferien die Türkei.

Zurück aus dem Land am Bosporus begann sie Türkisch zu lernen, "weil mir diese Sprache sehr gefällt und ich gerne verstehe, was rund um mich passiert".

Alles ist möglich

Zwei Jahre später liess sie sich in Izmir nieder und arbeite als Sprachlehrerin an einer Schule. "Ich bin mit meinem Auto, meinem Duvet und meinen Bildern abgereist. Ich wusste nicht, ob ich ein Jahr oder zehn Jahre bleiben würde. Ich liess alle Möglichkeiten offen."

Das war vor 19 Jahren. Sechs Jahre nach ihrem Aufbruch war aus Henriette Muheim Frau Aykut Dumlupinar geworden. Heute spricht sie fliessend Türkisch und ist von ihrer Schwiegerfamilie bestens akzeptiert.

"Für uns Europäer, aber auch für die jungen Leute in der Türkei, kann die Familie allmächtig, gar erdrückend erscheinen. Aber ich war schon über 40, und meine Schwiegermutter hat immer eine grosse Verschwiegenheit gezeigt", erzählt sie im Gespräch mit swissinfo.

Eine untypische Schwiegermutter und ein untypischer Ehemann, auch für Schweizer Verhältnisse: Aykut macht den Haushalt, kocht, erledigt die Wäsche. Und er folgte seiner Frau in ihrer neuen beruflichen Ausrichtung.

Die Leidenschaft der Kelim

Denn eine andere Seite im Leben von Henriette Muheim ist ihre Leidenschaft für die Kelim, diese Teppiche, die von Dorfbewohnern oder Nomaden Anatoliens gewoben werden. Bei ihren Besuchen auf dem Bazar wurde die Lehrerin Expertin auf diesem Gebiet.

"Zuerst kaufte ich einen für mich, dann bekam ich Lust, sie meinen Freunden zu zeigen, schliesslich eröffnete ich einen Laden - in Kalkan, einem Dorf zwischen Fethiye und Antalya, an der touristischen Südwestküste des Landes."

Sie hätten nach einer kleinen Ecke gesucht, die für Touristen aber zugänglich war. Der Laden sei über 10 Jahre lang gut gelaufen, dann habe sich die Lage unter dem Druck des Massentourismus verschlechtert.

Henriette und Aykut beschlossen, den Laden dicht zu machen. Sie kommen aber nach wie vor jeden Winter in die Schweiz, wo sie Verkaufs-Ausstellungen organisieren.

Von ihrem freiburgischen Winterquartier aus reisen sie in verschiedene europäische Länder, um ihre Teppiche zu verkaufen.

Ein Handwerk, das ausstirbt

Die Anatolier fabrizieren traditionsgemäss auch geknüpfte Teppiche, die zum Verkauf bestimmt sind. Die einfacheren Kelim waren in erster Linie für den privaten Gebrauch bestimmt.

Bei den Motiven, den Kompositionen und Farben liessen sie ihrer Fantasie freien Lauf.

"Jeder Teppich war ein Unikat. Man wusste gar aus welchem Dorf, von welcher Frau er hergestellt worden war", erzählt Henriette Muheim.

Das Problem ist, dass die Frauen keine Kelim mehr weben. Sie haben sogar begonnen, ihre Familienstücke gegen synthetische, maschinell hergestellte Teppiche oder Küchenutensilien zu tauschen.

Heute ist es mit der Ausbeute von alten Kelim-Teppichen aus Anatolien vorbei, die Frauen weben nicht mehr. "Oder sie kopieren die Motive und stellen die Teppiche serienmässig her, da sie pro Stück bezahlt werden. Teppiche, die dann in den Schweizer Warenhäusern zu finden sind", bedauert Henriette Muheim. Auch sie selber hat immer mehr Mühe, Original-Teppiche zu finden.

Kelim, ein Erbe, das am verschwinden ist. Doch ein Teil davon bleibe erhalten, urteilt die Schweizerin. Aufgrund ihrer relativ tiefen Preise sind die Kelim nicht den Export-Beschränkungen für Antiquitäten unterworfen. "So werden sie von Europäern gekauft, statt in den Estrichen zu verstauben."

Eher Türkei als Schweiz

Eine definitive Rückkehr in die Schweiz? Henriette Muheim denkt in keiner Weise daran. Zusammen mit ihrem Mann ist sie daran, in der Türkei ein Haus zu bauen. "Ich habe Glück, denn ich lebe in zwei verschiedenen Welten."

Im Winter trifft sie Freunde und Familie in der Schweiz. "Wenn ich wählen müsste, würde ich mich für ein Leben in der Türkei entscheiden."

Das Leben in der Türkei sei nicht immer einfach, führt sie aus. "Aber dieses Land ist in stetiger Veränderung. Täglich passiert etwas, währenddem ich in der Schweiz Leute sehe, die immer müder, angespannter und besorgter werden."

swissinfo, Isabelle Eichenberger
(Übertragung aus dem Französischen: Gaby Ochsenbein)

Fakten

Henriette Muheim wurde 1945 in der Schweiz geboren.
Zwei Jahre später ging sie mit ihren Eltern nach Australien und kam 1956 wieder in die Schweiz zurück.
Mit ihrem ersten Mann lebte sie in Grossbritannien, in den USA und in Afrika.
Nach der Rückkehr in die Schweiz war sie Deutsch- und Englisch-Lehrerin in Freiburg.
1988 liess sie sich in der Türkei nieder.

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