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Im Finanzzentrum hält Kreativität Einzug

Neues Zürcher Wahrzeichen: Der Freitag-Turm aus alten Schiffscontainern.

Zürich wird vom Finanz- zum Kreativzentrum. Dafür sorgen trendige Unternehmen, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, wie eine Untersuchung zeigt.

Die Zahl der Beschäftigten in den Bereichen Kunst, Mode, Design, Unterhaltung und Medien nahm an der Limmat um über 10% zu, im übrigen Land dagegen nur um 0,5%.

Zürich ist dabei, sein Gesicht zu verändern, indem es von der Banker- immer mehr zur "Lifestylestadt" wird. Die Zahlen sprechen für sich: In Zürich stieg zwischen 1997 und 2001 die Zahl der im Kulturbereich tätigen Unternehmen um 6,8% auf 4300. Insgesamt beschäftigte der "kreative" Sektor rund 28'000 Personen.

In der übrigen Schweiz dagegen wuchs die Branche in jenen fünf Jahren weniger stark.

Der Wirtschafts- und Sozialgeograph Philipp Klaus von der Universität Zürich ging dem Phänomen in seiner Studie "Stadt, Kultur, Innovation" auf den Grund. Kunst und Kulturindustrie seien stark in die Phalanx der Banken, Versicherungen eingebrochen, so sein Fazit.

Die Kreativbranche mache einen Sechstel der Firmen in der grössten Schweizer Stadt aus, beziffert Klaus das Verhältnis. Vor 1980 sei das alles noch ganz anders gewesen. Damals habe es kaum eine kulturelle Szene gegeben.

Es begann mit den Jugendunruhen

Die Wende kam dann mit den Jugendunruhen von 1980, die eine neue Subkultur an den Strand der Limmat gespült habe.

"Vor 1980 hatte Zürich ein sehr langweiliges Image, weil die Eliten neuen Strömungen gegenüber sehr misstrauisch waren und diese als etwas Gefährliches betrachteten", sagt Klaus gegenüber swissinfo.

"Mit der Jugendbewegung hielt eine Alternativkultur Einzug, zur der auch Punkmusik gehörte." An den Anlässen der Szene hätten sich Künstler, Musiker und Party-Organisatoren getroffen, fährt Klaus fort. "Daraus sind dann kulturelle Netzwerke entstanden."

Untergrund

Die lebendige und vielfältige Untergrundszene veränderte ihren Charakter erst, als die Politiker entdeckten, dass diese Szene nicht nur neues Leben, sondern der Wirtschaft auch neue Umsätze bringt.

In den 1990er-Jahren machte eine Vielzahl von Anlässen den Imagewechsel Zürichs auch über die bisherige Untergrundszene hinaus deutlich. Dies inspirierte Künstler, den Schritt ins Unternehmertum zu wagen und ein eigenes Geschäft aufzubauen.

"Die Konkurrenz zwischen den Städten im Kampf um neue Unternehmen und vermögende Kunden verstärkte sich, und die Verantwortlichen realisierten, dass Kultur ein wichtiges Kriterium war", erklärt Klaus.

Gutes Image

In der Folge habe sich die eher sterile Stadt in einen attraktiven Wohnort transformiert. Was laut dem Wissenschafter auch im Ausland registriert worden ist: "In internationalen Vergleichen landet Zürich meistens auf Platz eins, was die Attraktivität von Arbeitsplätzen betrifft."

Kaum ein Unternehmen verkörpert diesen Übergang besser als das Modelabel Freitag. 1993 hatten die Brüder Markus und Daniel Freitag die geniale Idee, aus alten Lastwagen-Plachen, Auto-Sicherheitsgurten und Fahrradschläuchen Taschen herzustellen.

Internationaler Durchbruch

Erst zeigten sich nur ein paar Insider mit der umgehängten Tasche aus den rezyklierten Materialien. Dann schwappten die Freitag-Taschen auf die ganze Schweiz über.

Heute exportieren die Freitags ihre Produkte in die ganze Welt. Erste Adressen wie Harvey Nichols in London oder Bloomingdales in New York führen die Freitag-Taschen in ihrem Sortiment.

Diesen Monat haben die Freitags in Zürich ein neues Lokal eröffnet, das aus alten Schiffscontainern besteht. Die Inhaber bleiben angesichts des Erfolgs auf dem Boden, sie lassen ihr Geschäft eher behutsam wachsen Das Label zählt heute 48 Mitarbeiter.

"Viele Leute staunen, wie kreativ Zürich geworden ist, von Zeit zu Zeit sogar wir selber", sagt Daniel Freitag.

"Wir waren immer von Künstlern umgeben. Der grosse Wechsel kam in den letzten Jahren, als sie ebenso wie wir ein eigenes Geschäft aufgezogen haben und seither nicht mehr nur ein 'Hobby betreiben.'"
Für Freitag ist Zürich genau die richtige Stadt, um aus guten Ideen und Passion sein eigenes Unternehmen zu starten: Einerseits klein genug, um rasch die richtigen Leute kennen zu lernen, andererseits ist es eine internationale Stadt im Zentrum Europas.

Schattenseite

Der Boom hat aber auch Nachteile, wie der andere Freitag, Markus, findet. Der Raum in alten Industriehallen, wie er für solche Jungunternehmen sehr vorteilhaft sei, werde immer knapper.

"Die Miete von Räumlichkeiten wird nun sehr teuer, was sehr schade ist, denn die 'Garagen-Szene' bietet das ideale Umfeld, um unsere kreativen Träume zu entwickeln", so Markus Freitag. Schliesslich habe auch ein Unternehmen wie Microsoft in einer Garage begonnen.

swissinfo, Matthew Allen in Zürich
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Künzi)

Fakten

Philipp Klaus verfasste "Stadt, Kultur, Innovation" als Doktorarbeit an der Universität Zürich.
Klaus ist auch Teilhaber am INURA-Institut (International Network for Urban Research and Action) in Zürich.
Seine Spezialgebiete sind Stadtentwicklung und -planung im Zusammenhang mit sozialen, ökonomischen und kulturellen Entwicklungen.

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In Kürze

Zürich ist das Schweizer Finanzzentrum, Sitz von Börse, internationalen Konzernen und Versicherungen.

In der Stadt sind 26'000 Firmen angesiedelt, 4300 oder ein Sechstel davon sind im kreativen Bereich tätig.

Gemäss Studie von Philipp Klaus stieg die Zahl der Unternehmen in der Schweiz zwischen 1997 und 2001 um 2,7%, in Zürich aber nur um 1,7%.

Bei Firmen im Kreativbereich betrug die Zunahme für Zürich aber 6,8%, im übrigen Land waren es 5,8% mehr.

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