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In Ramallah: Hilfe bei Suche nach neuem Leben

Die Unterstützung der Schweiz setzt nach dem Gefängnis ein. Keystone

In der Entwicklungs-Zusammenarbeit mit Palästina hat sich die Schweiz eine eigene Nische geschaffen.

Dieser Inhalt wurde am 07. Februar 2005 - 16:42 publiziert

Aussenministerin Micheline Calmy-Rey besuchte in Ramallah mehrere Hilfsprogramme. Eines davon unterstützt ehemalige palästinensische Häftlinge bei ihrer Wiedereingliederung.

In israelischen Gefängnissen werden zur Zeit noch über 8000 Palästinenser festgehalten. Die Ankündigung Israels von letzter Woche, wonach nächstens 900 Häftlinge freikommen sollen, hat die Palästinenser sicherlich gefreut.

Für das Programm, das ehemaligen Gefangenen einen Wiedereinstieg ins zivile Leben ermöglichen will, bedeutet diese Ankündigung jedoch grosse Arbeit. Das Hilfsprogramm wurde 1994 mit aktiver Unterstützung der Schweiz vor dem Hintergrund des Osloer Friedensprozesses lanciert.

Eine Geste der Solidarität und der Hoffnung

Ein wichtiges Ziel des Programms wurde 1998 im Bau des Bildungszentrums Abu Djihad in Ramallah verwirklicht. Das Zentrum, zu dessen Finanzierung die Schweiz 1,5 Mio. Franken beigesteuert hatte, ermöglichte bisher rund 6000 Menschen eine Ausbildung als Elektroniker, Automechaniker und Computer-Grafiker.

Und es war dieses Zentrum, dem Aussenministerin Calmy-Rey auf ihrer Nahost-Reise ihren ersten Besuch abstattete. "Indem sie unsere palästinensischen Partner in Ramallah, Bethlehem und in Gaza besuchte, setzte die Aussenministerin ein Zeichen der Hoffnung und der Solidarität. Das ist von unschätzbarem Wert", betont Mario Carera, der Vorsteher des Büros der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Gaza und im Westjordanland.

Das Programm zur Unterstützung der Ex-Häftlinge bei ihrer Wiedereingliederung ist einer der wichtigsten Pfeiler der Entwicklungs-Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und dem palästinensischen Volk. Auf Schweizer Seite wurde es wesentlich geprägt von Annick Tonti, der heutigen Leiterin der DEZA-Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika in Bern.

Der Ruf und die Erfahrung

Tonti hatte 1994 die Leitung des DEZA-Büros in Jerusalem übernommen. Als Repräsentantin der Schweiz stand sie der neu gewählten Palästinensischen Autonomiebehörde gegenüber, die sich in den befreiten Teilen Palästinas im selben Jahr konstituiert hatte.

Bereits 1993 hatte es in der Frage der Reintegration palästinensischer Flüchtlinge auf Anregung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) von Jassir Arafat erste Kontakte mit der Schweiz gegeben. Zusammen stellte man Überlegungen an, wie das Ganze organisiert werden könnte.

"Wir rechneten damit, dass im Zuge des Osloer Friedensabkommens von 1993 zahlreiche palästinensische Häftlinge freikommen werden. Die PLO hat uns um eine Zusammenarbeit in dieser Frage gebeten", erinnert sich Tonti gegenüber swissinfo.

Dass sich die PLO ausgerechnet an die Schweiz wandte, hat laut Tonti zwei Gründe. Zum einen sei es ihr Ruf als Depositärstaat der Genfer Konventionen und damit ihre enge Verbindung zum Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gewesen. Das IKRK war die einzige Organisation, die Zugang zu den palästinensischen Gefangenen hatte.

Zum anderen wussten die palästinensischen Gesuchsteller laut Tonti, dass die Schweiz in diesem Gebiet bereits Erfahrungen gesammelt hatte. "Die Schweiz hatte ein ähnliches Programm in Moçambique unterstützt. Dort engagierten wir uns für die Wiedereingliederung von Rebellen und Soldaten ins Zivilleben", erklärt Tonti.

Von der Ausbildung in die Arbeitslosigkeit

Das Programm liege jedoch vollständig in palästinensischer Hand, betont Tonti. "Wir halfen beim Aufbau des Projekts und standen der PLO als Berater zur Seite. Ausserdem erstellten wir das Budget. Danach schloss sich dann die Europäische Union (EU) dem Projekt an."

Das Know-how, das die Schweiz in das Programm einfliessen liess, wirkt heute noch: "Zur Zeit nutzen 2000 Ex-Häftlinge des Angebot im Bildungszentrum Abu Djihad", erklärt Carera.

Was nützt es aber, Ex-Häftlinge auszubilden, wenn sich die Lebensumstände der Palästinenser nicht grundsätzlich verbessern? "Die Hälfte der Bevölkerung von Gaza ist arbeitslos, im Westjordanland ist es ein Drittel - die versteckte Arbeitslosigkeit nicht eingerechnet", so Carera weiter.

Für Annick Tonti beschränkt sich das Programm jedoch nicht auf eine wirtschaftliche und soziale Wiedereingliederung von ehemaligen Häftlingen. Es soll den vorwiegend jungen Männern zugleich einen Freiraum bieten, der ihnen ermöglicht, ihre Emotionen freizusetzen und damit ihre Erlebnisse in den israelischen Gefängnissen aufzuarbeiten. Viele dieser Ex-Häftlinge hätten dringend psychologische Hilfe nötig.

Weinen dürfen

"Die arabische Welt hat eine klare Vorstellung darüber, was ein richtiger Mann ist", erklärt Tonti. "Sie verbietet es einem Mann, weinend aus dem Gefängnis in den Familienkreis zurückzukehren. Tatsache ist jedoch, dass die Männer weinen, wenn sie aus dem Gefängnis kommen!"

Eine weiteres Ziel des Programms ist klar politisch motiviert. "Es soll der palästinensischen Jugend eine Perspektive geben und verhindern, dass sie sich radikalisiert", erklärt Carera.

Damit leiste die Schweiz einen wichtigen Beitrag für einen nachhaltigen Frieden im Nahen Osten, resümiert Annick Tonti.

swissinfo, Jugurtha Aït-Ahmed, Ramallah
(Übertragung aus dem Französischen: Nicole Aeby)

Fakten

Für die Hilfsprogramme in Palästina stellt die Schweiz jährlich rund 25 Mio. Franken zur Verfügung:
15 Mio. davon gehen an das IKRK, an das UNO-Programm für Welter-nährung (PAM) und an die UNO-Hilfsorganisation für palästinensische Flücht-linge (UNRWA).
Mit 10 Mio. werden Pro-gramme der Entwicklungs-Zusammenarbeit mit rund 20 palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen in den Bereichen Soziale Entwicklung, Menschen-rechte und Umwelt unterstützt.

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In Kürze

Seit dem Friedensabkom-men von Oslo engagiert sich die Schweiz für den Wieder-aufbau in den palästinensischen Gebieten und für den Friedensprozess in dieser Region.

Auf eine Entscheidung des Bundesrats hin wurde im Juni 1994 ein Hilfsprogramm für die palästinensische Bevölkerung zusammen-gestellt.

Das Koordinationsbüro der DEZA in Ostjerusalem beschäftigt 8 Angestellte, zwei unter ihnen Schweizer.

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