Jeder Jugendliche verübt sieben Straftaten im Jahr

Rund drei Prozent der jungen Schweizer Männer neigen zu Delinquenz. Dies ergab die jüngste Rekruten-Befragung des kriminologischen Instituts der Universität Lausanne.

Dieser Inhalt wurde am 06. Dezember 2001 - 19:44 publiziert

Die bisher umfassendste Befragung zu unentdeckten Gewalt- und Sexualstraftätern der Schweiz wurde 1997 bei 21'347 Rekruten sowie zum Vergleich bei 1'160 Nicht-Rekruten durchgeführt, wie Studienleiterin Henriette Haas am Donnerstag vor den Medien ausführte. Gewalt sei kein Phänomen der Armee, und die Rekruten seien nicht krimineller als Nicht-Rekruten, hielt sie fest.

Wenn, dann häufig

Die Rekruten gaben in der anonymen Befragung an, insgesamt 156'076 Delikte vor der RS begangen zu haben (7,3 pro Person). Über die Hälfte ging auf das Konto von nur acht Prozent der Rekruten. Diese "Intensivtäter" zeichneten verantwortlich für 70 Prozent der angegebenen Gewaltdelikte und über 80 Prozent der sexuellen Übergriffe.

Ein harter Kern von 341 Befragten (rund 1,5 Prozent) zeigte sich als stark zu Gewalt neigende Personen. Ihre Taten umfassten Raub, Körperverletzung, Erpressung, Nötigung, Angriffe und Gefährdung des Lebens.

Persönlichkeits-Störungen

Die Mehrheit wies eine weit in die Kindheit zurückführende Persönlichkeits-Störung und eine Vorliebe zu Waffen auf. Beides könne als Hauptursache von schwerer Gewalt bezeichnet werden, sagte Haas.

Zwar zeigten sich viele des harten Kerns als vordergründig angepasst (abgeschlossene Ausbildung, Freundin), gleichzeitig aber auch eine übersteigerte Aggression. Wegen ihrer Impulsivität sei es äusserst unwahrscheinlich, dass sie ihre Taten während ihres ganzen Lebens unentdeckt begehen könnten.

Bei insgesamt zehn Prozent aller Befragten trat in der Kindheit eine schwere Verhaltensstörung auf, die auf psychosoziale sowie auf biologische Faktoren zurückzuführen sei. Rund ein Drittel entwickelte im Alter von 19 Jahren einen Hang zum Delinquieren und weitere 37 Prozent zu weniger schweren Straftaten.

Umfeld und biologische Ursachen

Die Verhaltensstörungen werden einerseits auf Milieu-Schädigungen wie elterliche Gewalt, Alkoholismus in der Familie, Kindsmisshandlung und sexuellen Missbrauch zurückgeführt.

Andererseits werden biologische Störungen als Ursache angenommen. So wiesen die verhaltensgestörten Kinder eine dramatisch erhöhte Unfall-Häufigkeit auf, die auf angeborene minimale Hirn-Schädigungen zurückgehen könnte. Von untergeordneter Bedeutung sind laut Haas Bildungsdefizite, Immigration und Fürsorgeabhängigkeit der Eltern.

Rund fünf Prozent gaben an, von den Eltern körperlich schwer misshandelt worden zu sein. Vier Prozent wurden sexuell missbraucht worden.

Solche Vorfälle könnten aber in der Regel kompensiert werden, wenn sie nicht gehäuft aufträten. Eine sehr gute Beziehung zu den Lehrpersonen könne zudem das Risiko einer schweren Verhaltensstörung um das Fünffache verhindern. Weiter stellte sich heraus, dass 58 Prozent der Jugendlichen, die mit der Polizei in Kontakt kamen, ihr delinquierendes Verhalten aufgaben.

Mehr-Säulen-Modell gegen Gewalt

Henriette Haas fordert analog zur Drogenpolitik ein Mehr-Säulen-Modell gegen Gewalt. Die grössten Mängel sieht sie bei der Therapie, die wenn nötig bereits bei Kleinkindern einsetzen müsse. Zudem dürften bis zu einer allfälligen Bestrafung nicht Jahre verstreichen.

swissinfo und Agenturen

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