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Jeder sechste Schweizer hat chronische Schmerzen

Besser ausgebildete Ärzte sollten chronische Schmerzen effektiver behandeln können.

(Keystone)

In der Schweiz leiden rund 1,5 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Fachleute sind überrascht von diesem Resultat einer europäischen Schmerzstudie.

Nun fordern die Experten bessere Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal sowie mehr Information für Patienten.

Die Resultate der Studie wurden am Dienstag in Bern präsentiert. Befragt worden waren insgesamt 46'000 Personen in 16 europäischen Ländern. Im Durchschnitt leidet in den befragten Ländern jede fünfte Person unter chronischen Schmerzen. In der Schweiz ist es jede sechste Person. Meistens sind die Schmerzen durch Rheuma oder Arthritis bedingt.

Im Durchschnitt leben Betroffene in der Schweiz seit 7,7 Jahren mit chronischen Schmerzen. Jede vierte Person leide gar seit über 20 Jahren darunter, sagte Uwe Freisens vom Marktforschungsinstitut NFO Infratest Health, das die Studie im Auftrag der Pharmaindustrie durchgeführt hatte.

Entgegen landläufigen Erwartungen sind es nicht in erster Linie alte Leute, die sich über chronische Schmerzen beklagen. Der Studie zufolge sind rund 19% der Betroffenen zwischen 18 und 30 Jahren alt; durchnittlich liegt das Alter bei 48 Jahren.

Gravierende Folgen

Die Folgen von chronischem Schmerz sind gravierend. Betroffene fühlen sich müde und älter als sie sind. Sie fürchten, dass ihre Arbeitsleistung sinkt.

16% der Betroffenen verlieren tatsächlich ihren Arbeitsplatz. 18% leiden unter Depressionen. Gar jeder Sechste sagte, der Schmerz sei manchmal so stark, dass er nicht mehr leben möchte.

Überraschte Fachleute

Ärzte- und Patientenvertreter sowie Fachleute aus Politik und Verwaltung zeigten sich an einer Podiumsdiskussion überrascht vom Ausmass des Problems.

Für Uwe Freisens vom Institut, das die Studie durchführte, liegt der Grund vielleicht darin, dass das Thema in der Schweiz bisher tabu sei, und man kaum offen über Schmerz spreche, auch nicht mit Freunden oder Verwandten. "Die Leute halten sich zurück. Wohl weil sie Konsequenzen fürchten, wenn bekannt wird, dass sie Medikamente gegen chronische Schmerzen einnehmen."

Auch Markus Felder, Spezialist für chronische Schmerzen, zeigte sich vom Ausmass des Problems überrascht. "Wir müssen herausfinden, wieso das so ist", erklärt Felder gegenüber swissinfo. Bei der spezialisierten Ausbildung von Ärzten müsse die Frage der chronischen Schmerzen mehr Gewicht erhalten.

"Der chronische Schmerz ist ein grösseres Problem als es die Gesellschaft wahrhaben will", sagt Ulrich W. Büttner, Direktor der neurologischen Klinik in Aarau. Auch er hält die Ausbildung der Ärzte in der Schweiz im Bezug auf den Schmerz für ungenügend.

Es gebe allerdings mittlerweile einen interdisziplinären Kurs zum Thema. Längerfristiges Ziel sei ein FMH-Fähigkeitsausweis.

Chronischer Schmerz ist teuer



Das mangelnde Wissen verursache auch unnötige Kosten, sagte der Gesundheits-Okonom Willy Oggier. Heute wanderten Schmerzpatienten von Arzt zu Arzt. Richtig diagnostiziert werde aber offenbar nicht. Für eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt sei dies unglaublich.

Die freisinnige Aargauer Nationalrätin Christine Egerszegi wies auf die Zusammenhänge zwischen chronischem Schmerz und Sozialversicherungen hin. Erfolg oder Misserfolg in der Therapie wirkten sich auf die Kosten für Invaliden-, Unfall- und Krankenversicherung aus. Auch der Fürsorgebereich sei betroffen.

Der Vizedirektor des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV), Fritz Britt, erklärte, hinter den Therapiebemühungen dürften nicht nur rechnerische Überlegungen stehen: "Menschen haben ein Anrecht auf eine Therapie, wenn sie Linderung oder Heilung bringt."

swissinfo und Agenturen

In Kürze

In der Schweiz geben 39% der insgesamt 1,5 Millionen Betroffenen an, dass sie immer Schmerzen haben. 35% haben täglich, 26% mehrmals wöchentlich Schmerzen. Die häufigste Ursachen für den Schmerz sind Rheuma und Arthritis (34%) und Bandscheibenvorfälle (25%).

Für die meisten Betroffenen (72%) ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Bei 30% kommt es zu keiner Behandlung. Zwei Drittel sind zufrieden mit dem Arzt, der sie behandelt.

Allerdings geben drei Viertel an, dass sie nicht immer angemessen behandelt wurden. Aus Angst vor Nebenwirkungen setzen viele Patienten verschriebene Medikamente wieder ab.

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Fakten

In der Schweiz leiden 1,5 Mio. Menschen unter chronischen Schmerzen, also jede sechste Person.

16% der Betroffenen verlieren Arbeitplatz.
18% leiden unter Depressionen.
16% denken wegen der Schmerzen an den Tod.

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