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Jubiläumsjahr des Skiverbands wird zum Albtraum

Schweizer Ski-Alpine kommen nicht auf Touren.

(Keystone Archive)

Der Schweizer Skirennsport steckt in der grössten Krise seiner Geschichte, und das ausgerechnet im Jahr des 100. Geburtstages des Verbandes Swiss Ski.

Rennfahrer ausser Form, ineffiziente Trainer, amateurhafte Betreuer und "langsame" Anzüge: Die Kritik zielt in viele Richtungen. Die Ursache scheint aber anderswo zu liegen.

"Aus Respekt vor den Schweizer Ski-Pionieren sollten die Athleten alles tun, um in der Saison des 100-Jahre-Jubiläums von Swiss Ski einige Siege zu erringen", formulierte Verbands-Präsident Jean-Daniel Mudry gegenüber swissinfo die Zielsetzung. Das war Anfang November, anlässlich der traditionellen Medienkonferenz vor Beginn der Weltcup-Saison.

Inzwischen ist die Hälfte der Rennen absolviert, und die Hoffnungen Mudrys sind bisher arg enttäuscht worden. Schlimmer noch: Der Schweizer Skirennsport steckt in einer noch die da gewesenen Krise. Denn bisher hat es einzig die Appenzellerin Sonja Nef auf das Podest geschafft, als Zweite des Slaloms in Park City Anfang November.

Preis für 12-jährige Lethargie

"Wir bezahlen heute den Preis für eine rund 12-jährige Lethargie", erklärt Didier Bonvin, seit dem Jahr 2000 Chef des Nachwuchses bei Swiss Ski. "In der Dekade von Ende der 80er bis Ende der 90er Jahre hat man den Nachwuchs völlig vergessen. Trainer, Verantwortliche und Sponsoren haben sich exklusiv auf die siegreichen Stars konzentriert und geglaubt, die Jungen schafften es dann irgendwie von selbst an die Spitze", anlaysiert Bonvin gemachte Fehler.

Dieses "goldene" Zeitalter für Swiss Ski – Höhepunkt waren die Weltmeisterschaften in Crans Montana 1987, wo die Schweizer den weissen Zirkus in noch nie da gewesener Überlegenheit dominiert hatten – ist Vergangenheit.

Das Haus im Schlingern

Gelebt hat der Schweizer Verband in den letzten Jahren noch von den Erfolgen einiger weniger Ausnahmekönnerinnen und -könner. Heute aber ist das Schweizer Team schwach, sowohl qualitativ als auch quantitativ.

"Die Anzahl der Athletinnen und Athleten, die fähig sind, einigermassen konstant gute Leistungen zu zeigen, ist sehr limitiert", sagt der ehemalige Nationalmannschafts-Coach Louis Monney.

Noch im letzten Winter haben beispielsweise Bruno Kernen, Didier Cuche und Didier Defago Weltcup-Siege herausgefahren. Heuer aber sorgen die ausbleibenden Spitzenresultate für einen Druck, dem die Fahrer zunehmend ausgesetzt sind.

Mentale Abwärtsspirale

"Es ist offensichtlich, dass die negative Spirale und die Phase der wiederholten Misserfolge, durch welche die Schweizer Skirennfahrer momentan hindurch müssen, sie noch zusätzlich schwächt", beobachtet der Sportpsychologe Roland Seiler. Folge: "Auf der einen Seite steigt der Druck, auf der anderen sinken die Chancen für einen Platz auf dem Podium."

Für Seiler,den Leiter des Sportwissenschaftlichen Instituts der Eidgenössischen Sporthochschule in Magglingen, ist die Analyse eines externen Spezialisten momentan die einzige Möglichkeit, aus dem Loch heraus zu finden.

Seiler weiss aber, dass eine solche Analyse, in deren Fokus die Gruppendynamik und die Suche nach tragfähigen Lösungen stünde, einige Zeit in Anspruch nehmen würde.

Podestplätze: Absolute Notwendigkeit

Damit das schlingernde Haus von Swiss Ski nicht in sich zusammenstürzt und auch ein Köpfe-Rollen verhindert werden kann, sind Plätze in den ersten drei Rängen in den kommenden Weltcup-Rennen unbedingt nötig. Denn die Verbandsspitze und auch die Sponsoren sind ungeduldig.

Entscheidend können bereits die beiden Abfahrten der Herren in Chamonix sein, wie auch die Abfahrt der Frauen in Veysonnaz. Die drei Wettbewerbe finden an diesem Wochenende statt. Erwartet wird jedenfalls, dass die Verantwortlichen bis zu den traditionsreichen Rennen in Wengen im Berner Oberland am 17. und 18. Januar Position bezogen haben.

Vielleicht haben die Schweizer Abfahrer die Zeichen verstanden, denn sie verblüfften im Abschlusstraining von Chamonix. Bruno Kernen und Ambrosi Hoffmann stellten gemeinsam Bestzeit auf. Wenn sie die Bestätigung dieser Überraschung in den Rennen schaffen, könnte das die langersehnte Wende zum Besseren einleiten.

Umstrittener "Eiserner Karl"

Wahrscheinlichstes "Opfer" wäre Herren-Trainer Karl Frehsner. Der "Eiserne Karl" ist angesichts seines autoritären Führungsstils und seiner drastischen Methoden seit längerer Zeit umstritten. Zudem ist er der Initiant der Auflösung der Disziplinengruppen (Slalom, Riesenslalom, Super G und Abfahrt) zugunsten einer einzigen Gruppe.

In der Dienstags-Ausgabe der Genfer Zeitung "Le Temps" jedenfalls haben die beiden ehemaligen Schweizer Ski-Champions Pirmin Zurbriggen und Joël Gaspoz den Österreicher wegen der Umstrukturierung scharf kritisiert.

Gleichentags wurde Frehsner von den Verbands-Bossen zu einer Sitzung nach Bern beordert, an der aber noch keine definitiven Entscheide fielen. "Abwarten und Tee trinken", heisst derzeit das Motto. Aber nicht mehr für lange.

swissinfo, Mathias Froidevaux

Fakten

Schweizer Skirennfahrer waren noch nie so schlecht wie in dieser Saison.
Seit Beginn der Saison hat es kein Mitgllied des Schweizer Herren-Teams auf das Podest in einem Weltcup-Rennen geschafft.
Bei den Frauen errang Sonja Nef einen einzigen Podestplatz als Zweite des Slaloms in den USA gleich zu Beginn der Saison.

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In Kürze

Der Schweizerische Skiverband, heute Swiss Ski, wurde am 20. November 1904 in Olten gegründet.

2004 ist für Swiss Ski bisher eher ein Katastrophen- denn ein Jubiläumsjahr.

Am Wochenende stehen zwei Herren- und eine Frauen-Abfahrt auf dem Weltcup-Programm. Danach wollen die Verbands-Funktionäre über allfällige Konsequenzen entscheiden.

Nach den bisherigen schlechten Resultaten testet das Schweizer Team die letztjährigen Rennanzüge, die "schneller" sein sollen.

Zwischen 1997 und 2003 hat Swiss Ski 500 Mitglieder verloren. Momentan hat der Verband 5600 Mitglieder, womit er in der Schweizer Verbands-Rangliste noch den 13. Platz einnimmt.

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