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Kampagne gegen sexuelle Ausbeutung im Sport

Prominente Unterstützung für die Kampagne: Skirennfahrerin Sonja Nef (li).

(Keystone)

Kinder und Jugendliche im Sport besser vor sexuellen Übergriffen schützen: Das ist das Ziel einer Kampagne, die im Herbst lanciert wird.

Mit der Aktion reagieren Bund und Swiss Olympic auf zahlreiche schwere Fälle von Missbrauch, die in den letzten Jahren publik geworden sind.

Jährlich werden in der Schweiz rund 5000 Kinder und Jugendliche Opfer von sexuellen Übergriffen und Grenzverletzungen in Sportvereinen. Dies die Schätzung der Fachstelle mira, die seit 1998 Prävention gegen sexuelle Ausbeutung im Freizeitbereich betreibt. Begangen werden die Delikte in den meisten Fällen von Trainern und anderen Vereins-Verantwortlichen.

Zahlreiche schwerwiegende Fällen hatten in den letzten Jahren die Öffentlichkeit aufgeschreckt und zu Verurteilungen von Tätern geführt. Das veranlasste das Bundesamt für Sport (Baspo), die nationale Behörde für Fragen des Sports, im letzten Sommer zum Handeln. "Es ist dringend nötig, dass jetzt auf oberster Ebene koordiniert wird und Strategien entwickelt werden", so Baspo-Direktor Heinz Keller damals.

Tabu muss gebrochen werden

Jetzt will das Baspo im Kampf gegen sexuellen Missbrauch im Jugendsport Nägel mit Köpfen machen. Zusammen mit Swiss Olympic, dem Dachverband des Schweizer Sports, hat die oberste Sportbehörde am Mittwoch die Kampagne "Gegen sexuelle Übergriffe im Sport" auf Herbst 2004 angekündigt. Basis der Aktion bildet die Ethik-Charta für einen glaubwürdigen Sport.

"Sexueller Missbrauch ist das schlimmste, das einem Kind oder Jugendlichen passieren kann. Bei diesem Thema handelt es sich um ein Tabu, das gebrochen werden muss, sei das im Sport oder allgemein in unserer Gesellschaft", betonte
Skirennfahrerin Sonja Nef, Fairplay-Botschafterin von Swiss Olympic, am Mittwoch vor den Medien in Bern.

Horizont 4 bis 5 Jahre

Prävention und Information stehen an oberster Stelle der Kampagne, die längerfristig, das heisst auf 4 bis 5 Jahre, angesetzt ist. Zielgruppen sind alle Akteure des Jugendsportes, also Kinder, Jugendliche, Eltern, Trainer, Betreuer, Funktionäre sowie das Personal von Sportstätten.

Sportvereine und Verbände sollen sich verbindlich gegen sexuelle Übergriffe in ihrem Bereich verpflichten. Das so genannte Commitment rückt den gegenseitigen Respekt zwischen Trainern und jungen Menschen in den Vordergrund und soll ihre umfassende physische und psychische Integrität garantieren.

Die Verpflichtung basiert auf der "Charta Ethik im Sport" von Swiss Olympic und insbesondere deren sechstem Prinzip "gegen Gewalt, Ausbeutung und sexuelle Übergriffe".

Experten mit von der Partie

Die Vorarbeiten wurden im letztem Sommer in Angriff genommen. Von Anfang an einbezogen waren neben Vertretern von Behörden und Verbänden auch Fachleute von Beratungsstellen wie beispielsweise der mira, die mit ihrem Leiter Urs Hofmann im Gremium vertreten war.

Hofmann findet es "sehr begrüssenswert, dass das Bundesamt für Sport die Ärmel hochgekrempelt" habe. Die Stossrichtung der Kampagne sei sehr breit, lobt er.

Zentral für Hofmann ist eine nachhaltige Prävention. "Ziel muss sein, dass sich die Vereine mit ihrer Prävention einen positiven Touch geben können." Es sollte ein Qualitätszeichen sein, wenn ein Verein Kinder, Jugendliche und Eltern darauf aufmerksam macht, dass Grenzverletzungen oder sexuelle Übergriffe auch in seinem Bereich möglich sein könnte. Die Formel, "so etwas kommt bei uns nicht vor", müsse dagegen eher Misstrauen wecken.

Noch ungesicherte Finanzierung

Die Kosten der Kampagne sind auf rund 350'000 Franken veranschlagt. "Momentan ist gut ein Drittel des Gesamtbudgets gesichert", sagt Judith Conrad, die bei Swiss Olympic für den Bereich Entwicklung und Ausbildung zuständig ist, gegenüber swissinfo.

Als Voraus-Aktion wurde am Mittwoch eine Informations-Plattform im Internet aufgeschaltet. Dort sollen Kinder und Jugendliche, die belästigt worden sind oder unangenehme Gefühle im Kontakt mit Trainern oder Betreuern hatten, bereits heute Informationen und erste Hilfestellungen erhalten.

Angebot wird laufend ausgebaut

Vorerst stehe beim Angebot die generelle Prävention im Vordergrund, sagt Judith Conrad weiter. "Die Webseite ist auch eine Art Landkarte, auf der Kinder und Jugendliche Links zu Fach- und Opferhilfe-Stellen in ihrer Region und ihrem Kanton finden, an die sie sich wenden können." Die Plattform werde laufend mit Informations-Material, Hilfsmitteln, Checklisten und Links ergänzt.

Konkrete Vorgaben sind erst in Vorarbeit. Solche betreffen beispielsweise Abklärungen bei der Einstellung von neuen Trainern, zu unterzeichnende Grundsatzerklärungen, Informationen an Cheftrainer, Eltern etc. Diese verbindlichen Richtlinien sollen zu einem späteren Zeitpunkt via Funktionäre an die Basis in den Verbänden und Vereinen getragen werden.

Momentan ist laut Conrad eine Gruppe, der auch Fachleute von Beratungsstellen angehörten, daran, sich einen Überblick über aktuelle Präventions-Strategien zu verschaffen. Diese sollen dann für die Kampagne auf die Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen zugeschnitten werden.

Zielgruppen mit breiter Offensive erreichen

Der eigentliche Start der Kampagne erfolgt im kommenden Herbst. Inserate und Beiträge in Presse, Radio und Fernsehen sowie Auftritte von Schweizer Musikgruppen werden das Tabuthema aufgreifen.

Grosser Stellenwert kommt auch der Ausbildung von Trainern und Betreuern zu. Prävention und Sensibilisierung gegen sexuellen Missbrauch im Jugendsport sei bereits seit längerer Zeit fester Bestandteil der Ausbildung, so Conrad. Dies sowohl im Bereich Spitzen- als auch Breitensport.

Kontrolle vorgesehen

Sollte ein Verband seine Verpflichtungen nicht oder nur ungenügend einhalten, hat Swiss Olympic als Dachverband laut Conrad jedoch nur beschränkte Befugnisse. "Im Rahmen der Sportförderung bieten sich uns dennoch gewisse Möglichkeiten."

Drei Säulen der Prävention

Urs Hofmann von der mira bezeichnet die Haltungsänderung bei Vereinsverantwortlichen als erste Säule einer nachhaltigen Prävention. Wichtig sei zweitens ein offenes Gesprächsklima, in dem mögliche heikle Situationen, beispielsweise bereits im Vorfeld eines Lagers, thematisiert würden.

Als dritten Punkt nennt er die Information. Diese sei wichtig, um auch die Eltern in die Verantwortung einzubinden. "Sie müssen wissen, dass sexuelle Ausbeutung von Kindern meist ausserhalb des Vereins, zum Beispiel beim Trainer zuhause, und nicht innerhalb geschieht", so Hofmann.

Wichtige Differenzierung

Hofmanns Erfahrung zeigt, dass nur rund ein Sechstel der Übergriffe von eigentlichen Pädosexuellen begangen wird. "Reine 'Täter sind Schweine'-Kampagnen sind deshalb kontraproduktiv, auch wenn die Wut in solchen Fällen verständlich und berechtigt ist", so Hofmann. Es mache keinen Sinn, die Prävention auf diese Gruppe zu fixieren.

Die meisten Fälle sind laut Hofmann Grenzverletzungen zwischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Bereich der Jugendverbände. Gefragt ist hier Fingerspitzenfühl und ein Klima der Offenheit. So darf beispielsweise ein Pfadi-Leiter mit einem Kind balgen, für einen Lehrer dagegen ist das nicht angebracht. "Wenn ich mich im Schwimmbad als Leiter nicht in der offenen Garderobe ausziehen will, dann kann ich das sagen, am besten mit einem Spruch", so Hofmann.

swissinfo, Renat Künzi

Fakten

Pro Jahr werden laut Schätzungen rund 5000 Kinder und Jugendliche Opfer von Übergriffen im Sport.
Der Stein kam 1997 ins Rollen: In Möriken hatte ein Lehrer und Kunstturn-Trainer minderjährige Mädchen sexuell missbraucht.
Seine Verurteilung zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus hatte Signalwirkung.
Seither sind mehrere schwere Fälle von Kindsmissbrauch im Sport publik geworden, die ebenfalls mit Gefängnis-Strafen geahndet wurden.
Die Kampagne gegen sexuellen Missbrauch im Sport ist Teil der Fairplay-Kampagne des Baspo und von Swiss Olympic. Sie richtet sich gegen Gewalt an Sportveranstaltungen, Suchtverhalten von Fans und Doping.

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In Kürze

Das Baspo und Swiss Olympic lancieren eine Kampagne gegen sexuelle Übergriffe im Sport.

Prävention und Information sind die Haupt-Stossrichtungen der mehrjährigen Aktion.

Ziel ist es, Kinder und Jugendliche im Sport besser vor Missbrauch und Verletzungen der Schamgrenze zu schützen.

Pädosexuelle sollen vom Jugendsport ferngehalten werden.

Adressaten sind neben Kindern und Jugendlichen die Eltern, Trainer, Betreuer sowie Vereins- und Verbands-Verantwortliche.

Angestrebt wird eine erhöhte Sensibilisierung der Öffentlichkeit sowie ein offenes Gesprächsklima.

Damit soll das vielerorts noch bestehende Tabu gebrochen werden.

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