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Krise heisst Konjunktur für Outplacement-Branche

Outplacement-Berater Eric Burri "fängt" Entlassene "auf" und macht sie wieder "fit" für den Arbeitsmarkt.

(swissinfo.ch)

Arbeitslosenzahlen auf 6-Jahre-Hoch, Regionale Arbeitsvermittlungs-Zentren (RAV) am Anschlag: Nach dem Schock der Entlassung kann ein Outplacement Betroffenen neue Richtungen weisen.

Der Outplacer ist kein Stellenvermittler, sondern hilft bei der Standortbestimmung und Neuorientierung.

Wenn Eric Burri seine Klienten in Empfang nimmt, sind diese meist in einer heiklen Situation. "Sie sind empfindlich, enttäuscht, wütend, traurig, verletzt oder schockiert", sagt Burri im Gespräch mit swissinfo. Der Grund: Sie haben gerade vom Arbeitgeber erfahren, dass sie entlassen werden.

Die einen würden ihre Stimmung verstecken, die anderen zeigten sie, so Burris Erfahrung. Sein Vorgehen erfordert Empathie und Fingerspitzengefühl. "Ich hole die Klienten in ihrem Gemütszustand ab, bringe ihnen Verständnis und Respekt entgegen und führe sie auf eine Plattform, wo eine sachliche und konstruktive Zusammenarbeit möglich wird."

Prozess auslösen

Eric Burris Aufgabe als Outplacement-Berater ist es, die Kunden "aufzufangen" und bei ihnen einen Prozess zu initiieren, an dessen Ende Selbstverantwortung und selbstbewusstes Agieren steht, unter anderem bei der Suche nach einer neuen Stelle oder einer anderen Lösung.

Der Marktkenner und Pragmatiker Burri führt in Biel die Kommunikations- und Marketing-Beratung EBM und ist Partner bei A+O Career Group, die seit 8 Jahren in der Branche tätig ist. Das Unternehmen gehört mit seinen über 20 Mitarbeitern und 10 Büros in der ganzen Schweiz zu den wichtigsten Firmen.

Die Dienstleistung ist ein Bereich, der dank der Krise wächst. "Die Branche ist in letzter Zeit regelrecht explodiert", beobachtet Burri. Vor 3 Jahren seien es 50 bis 100 Anbieter gewesen. "Heute dagegen sind es mehrere Hundert. Wobei natürlich Seriosität und Spezialisierung eine entscheidende Rolle spielen."

Praktische Hilfestellungen...

"Fit in den Markt", lautet Burris Zielsetzung für seine Klientinnen und Klienten. Sein Konzept bezeichnet er als "einfach, greifbar und marktbezogen, also umsetzbar und nachhaltig". Der Parcours dorthin umfasst mehrere Stationen.

Zuerst müsse der Kunde seine aktuelle Situation verarbeiten und vom alten Verhältnis loslassen. "Danach mache ich seine Fähigkeiten und Talente sichtbar", fährt Burri fort. Daraus folge die Entwicklung einer Vorwärtsstrategie, die sich auf die Marktmöglichkeiten abstütze. Am Schluss stehe die Lösung: Job oder Selbständigkeit oder eine Mischform davon.

Konkret umfasst sein Programm einmal die "Basics" wie Erstellen und Aktualisieren des persönlichen Dossiers des Kunden und das Feilen an Präsentation und Kommunikation. Verhandlungsstrategie und die Simulation von Bewerbungsgesprächen sind ebenfalls Teil dieses "praktischen" Pakets.

... und Philosphieren über das Leben

"Der Schnitt im Leben bietet Gelegenheit, die Philosophie einzubringen", beschreibt er den anderen Aspekt. Damit meint Burri das Streben nach einer Verbesserung der Lebensqualität. "Die Kunden sollten den Crash zum Anlass nehmen, ihr Leben aus einer ganzheitlichen Sicht neu zu betrachten: 'Was will ich? Was ist wichtig für mich? Was bedeutet für mich Leben?"

Dies bedinge aber, den gesellschaftlichen Rahmen zu verlassen und sich für Träume und Visionen zu öffnen, was eine Vielfalt an neuen Lösungsansätzen ermögliche.

Gruppenerfahrungen wichtig

Seine Klienten lädt Burri regelmässig zu Gruppensitzungen ein. "Durch den Austausch mit anderen Betroffenen und das Knüpfen von neuen Kontakten untereinander entstehen Synergien."

An diesen Zusammenkünften legt beispielsweise der entlassene Kadermann aus der Versicherungsbranche die Kriterien auf den Tisch, welche bei seiner Auswahl von neuen Mitarbeitenden den Ausschlag gaben. Oder die Klienten feilen anhand von Video-Aufnahmen an einer besseren Präsentation beim Bewerbungs-Gespräch.

Informationen über Markt sammeln

Dies ist die Überleitung zu dem, was Burri die "Marketing-Komponente" nennt. "Der klassische Bewerber muss zum aktiven Unternehmer werden, die klassische Bewerbung zum aktiven Angebot." Dafür müsse sich der Klient einerseits am Mehrwert, am "added value" seiner Leistung orientieren. Andererseits müsse er den Markt, auf dem er seine Leistung anbiete, genau kennen, so der Outplacer.

Das Ziel sei erreicht, wenn seine Kunden "optimistischer, gestärkt und mit der nötigen Sensibilität" in den Markt gingen. "Dann sind sie fortan auch stress- und crash-resistenter!"

Gefragt: Berufliche Mobilität

"Neu ist, dass jeder gefährdet ist. Jeder kann morgen entlassen werden", so Burris Einschätzung des heutigen Arbeitsmarktes. Schnelllebige Technologien würden die Arbeitenden nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. "Das führte zu einem Paradigmenwechsel von der Langzeittreue zur Flexibilität."

Am meisten betroffen vom Stellenverlust in den Unternehmen seien die langjährigen treuen Mitarbeiter, denn sie seien nach 30 Jahren "eingefahren und blockiert". Burri räumt ein, gerade bei solchen Kunden in Einzelfällen an eine "Schmerzgrenze" zu gelangen. Dies dann, wenn kaum die Möglichkeit zu einer Öffnung der Perspektive oder dem Schritt in die Selbständigkeit bestehe.

Positive Einstellung hilft

Entscheidend für Burri ist die Einstellung. "Falls die Bereitschaft und eine positive Einstellung zu einer Lösung vorhanden ist, ergibt das für den Klienten eine positive Ausgangslage für die Neuorientierung."

Burri erwähnt das Beispiel eines ehemaligen Journalisten. Dieser habe sich in der Standortbestimmung nach einem Stellenverlust das Ziel gesetzt, bei den Städtischen Verkehrsbetrieben Bern derjenige Bus-Chauffeur zu werden, der an den Haltestellen am sanftesten anhält und losfährt und die Gäste mit einem Witz unterhält. Er habe dieses Ziel auch erreicht, denn auf seiner Linie seien regelmässig auch politische Magistrate mitgefahren.

Zu starre Berufsbilder

Er ist aber weit davon entfernt, einfach in Positivismus zu machen. Denn dafür vermisst er hierzulande die nötige Dynamik in der Entwicklung der Berufsbilder.

"Bei der Ausbildungsreform macht die Schweiz beispielsweise gegenüber Deutschland zu wenig Tempo", kritisiert er. Hier sei beispielsweise die Psychotherapie als solche eine Ausbildungs-Richtung. Im nördlichen Nachbarland dagegen könnten die Auszubildenden in dem Bereich zwischen mehreren separaten Richtungen wählen.

Als beste Voraussetzungen, um in einer sich immer schneller verändernden technologischen Umgebung erfolgreich bestehen zu können, erachtet Burri das Erlernen mehrerer Berufe. Und mehrerer Sprachen. "Denn das heisst reisen. Reisen fördern Toleranz und Respekt, welche für eine neue Lebenskultur notwendig sind."

swissinfo, Renat Künzi

Fakten

Im Dezember 2003 waren in der Schweiz knapp 163'000 Menschen (4,1%) als arbeitslos registriert, so viele wie seit 6 Jahren nicht mehr. Ohne Stelle waren gesamthaft gar 230'000 Personen.
Die Regionalen Arbeitsvermittlungs-Zentren (RAV) der Kantone, wo die Betroffenen gemeldet sind, haben die Grenzen ihrer Kapazitäten erreicht.
Outplacement ist keine Konkurrenz der RAV, sondern ein ergänzendes Angebot.
Steht eine Firma vor Entlassungen, kann sie einen Outplacer beauftragen, die betroffenen Mitarbeiter einzeln oder gruppenweise zu betreuen.
Firmen, die ihren Entlassenen ein Outplacement bieten, stammen meist aus der Grossindustrie, der Banken-, Versicherungs- und Informatik-Branche. Kleinere Betriebe können sich ein Outplacement kaum leisten.
Nachdem ein Outplacement bis anhin meist Managern und Kadermitarbeitern vorbehalten war, steht es heute vermehrt auch Fachkräften offen.
Die Teilnahme ist freiwillig und meist zeitlich beschränkt.

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In Kürze

Outplacement ist ein Prozess, in dem Freigestellte/Arbeitslose eine Standortbestimmung und Neuorientierung vornehmen.

Outplacement ist keine Stellenvermittlung.

Ziel ist vermehrte Lebensqualität und selbstbewusstes Agieren auf dem Stellenmarkt.

Voraussetzung ist die Lösung aus dem alten Arbeitsverhältnis und das denkerische Verlassen des herkömmlichen gesellschaftlichen Rahmens.

Dies soll eine Öffnung für Visionen und Ideale ermöglichen, welche in die Neuorientierung einbezogen werden.

Praktische Hilfestellungen umfassen Erstellen/Nachführen des Bewerbungs-Dossiers sowie ein Coaching zur Verbesserung der Präsentation bei Vorstellungsgesprächen.

Die Wirtschaftskrise, in der zahlreiche Firmen Umstrukturierungen mit Entlassungen vornehmen, löste in der Outplacement-Branche einen Boom aus:
Die Zahl der Unternehmen stieg in den letzten 3 Jahren von unter 100 auf heute mehrere hundert Firmen.

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