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Kritik an Nestlé-Manager im Stiftungsrat von Heks

Kostbares Gut Wasser - um die Art der Verteilung streiten sich Nestlé und das Heks.

(Keystone)

Die Wahl von Nestlé-Schweiz-Chef Roland Decorvet in den Stiftungsrat des Hilfswerks Heks hat für Wirbel gesorgt. Das Heks versucht zu beschwichtigen. Doch die Kritik hält an.

Vom Milchpulver-Skandal bis zur Bespitzelungs-Affäre: NGOs und Hilfswerke haben Nestlé immer wieder angeprangert. Dass nun ein Spitzenmanager des Konzerns im Stiftungsrat des Hilfswerks der evangelischen Kirchen (Heks) sitzt, sorgt für Irritationen. Viele sehen unvereinbare Interessen: Nestlé ist im Wassergeschäft tätig, das Heks setzt sich gegen die Privatisierung von Wasser ein.

Das Konfliktpotenzial zeigt sich am Fall des brasilianischen Aktivisten Franklin Frederick, der mit Unterstützung der Schweizer Kirchen gegen die Privatisierung von Wasser kämpft. Vor kurzem ist bekannt geworden, dass Frederick von der Bespitzelung der Organisation Attac durch Nestlé betroffen war.

Die Kritiker befürchten, dass sich das Heks mit Decorvet nicht mehr politisch engagieren kann - zum Beispiel für den Zugang zu Wasser. Decorvet heizte die Stimmung zusätzlich an. In einem Interview der Zeitung Reformierte Presse sagte er, Nestlé sei "die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt". Die Kritiker bezeichnete er als "eine kleine Gruppe von Kirchenleuten, die politisch extrem links sind und viel Lärm machen".

Menschenrecht auf Wasser

Zum Thema Privatisierung von Wasser versus Menschenrecht auf Wasser sagt Nestlé-Sprecher Robin Tickle gegenüber swissinfo: "Man unterscheiden zwischen Trinkwasser, das für die Grundversorgung vorgesehen ist, und Wasser, das für die Herstellung anderer Produkte benutzt wird, etwa in der Landwirtschaft, die für 70% des weltweiten Wasserverbrauchs verantwortlich ist."

Es gebe durchaus ein Menschenrecht auf Wasser, um die täglichen menschlichen Grundbedürfnisse zu decken. "Es gibt aber kein Menschenrecht auf Wasser, das benutzt wird, um einen Golfplatz zu bewässern oder ein Auto zu waschen." Für dieses Wasser müsse es einen Marktpreis geben, damit es nicht verschwendet werde.

"Es geht nicht um allgemeine Privatisierung oder Verstaatlichung von Wasser – 97% der welweiten Wasserversorgung ist in staatlicher Hand. Es geht darum, dass das Menschenrecht auf Wasser tatsächlich umgesetzt wird und der Rest des Wassers einen angemessenen Preis hat", sagt der Nestlé-Sprecher.

Kirchenvertreter fordern Rücktritt

Die Kirchenbasis reagierte empört. Am Dienstag hat sich erstmals ein kantonales Kirchenparlament - die Synode der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn - mit dem Thema beschäftigt.

Der Synodalrat (Exekutive) schlug sich klar auf die Seite der Kritiker. Decorvets Wahl in den Heks-Stiftungsrat könne zu Rollenkonflikten führen, hielt er in seiner Antwort auf eine Interpellation fest. Nestlé sei ein gewinnorientiertes Unternehmen und verfolge somit nicht dieselben Ziele wie eine Entwicklungsorganisation.

Im Zusammenhang mit Nestlé kämen immer wieder Missstände zum Vorschein. So habe Nestlé in Kolumbien gegen Arbeitsrechte verstossen und in Brasilien die örtlichen Gesetze missachtet, von der Bespitzelungs-Affäre ganz zu schweigen.

In der Debatte des Berner Kirchenparlaments, für die sich 93 Vertreter ausgesprochen hatten, dominierten ebenfalls kritische Stimmen. "Wir verlangen den Rücktritt von Herrn Decorvet aus dem Stiftungsrat", sagte Irene Meier-de Spindler.

"Es geht um die Glaubwürdigkeit des Heks", mahnte ein anderer Votant. Manche drohten unverhohlen damit, das Hilfswerk nicht mehr für Spenden zu empfehlen.

Der Brief, den das Heks in diesen Tagen an Kirchenvertreter geschickt hatte, vermochte die Kritiker nicht zu besänftigen. Dass der Heks-Stiftungsrat sich veranlasst sehe, sich von Decorvets Aussagen zu distanzieren, sei ein deutliches Indiz dafür, dass er der falsche Mann sei, gibt Pfarrer Jacob Schädelin zu bedenken.

Heks nimmt Stellung

Das Hilfswerk hatte in seinem Schreiben festgehalten, die Befürchtungen der Kritiker seien unbegründet. Entwicklungszusammenarbeit könne nur effizient und nachhaltig sein, wenn benachteiligte Menschen in ihrem Kampf für Rechte unterstützt würden: "Daran ändert sich mit dem Einsitz von Roland Decorvet im Stiftungsrat absolut nichts". Heks verweist zudem auf den NPO-Code. Diese Richtlinie für Non-Profitorganisationen verlangt unter anderem, dass ein Mitglied des Stiftungsrats in den Ausstand treten müsse, wenn eine Interessenkollision bestehe.

Decorvet bedaure, dass er die Kritiker als Linksextreme bezeichnet habe, heisst es weiter. Die Bespitzelung von Aktivisten verurteile er. Im übrigen habe der Nestlé-Manager bekräftigt, dass er sich als Privatperson bei Heks engagiere. Der Heks-Stiftungsrat halte seinerseits fest, dass er einen multinationalen Konzern nicht als Entwicklungsorganisation betrachte.

Die Kontroverse um Decorvet sorgt auch unter den Mitarbeitenden des Heks für Diskussionen. Vergangene Woche erhielten sie Gelegenheit, dem Nestlé-Chef Fragen zu stellen. Einen Spendenrückgang konnte das Heks bisher nicht feststellen, wie es auf Anfrage hiess.

swissinfo und Charlotte Walser, InfoSüd

Fakten

Das Heks ist das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz.
Es leistet Überlebens- und Nothilfe und bekämpft Ursachen von Hunger und Elend auf der Welt.
Das Heks betreibt 290 Projekte in 45 Ländern.
In 22 Schwerpunktländern ist die Organisation mit eigenen Büros präsent.
Das Budget für das Jahr 2007 betrug 57 Mio. Franken. 90% davon fliessen in Projekte, der Rest wird für Personal und Verwaltung verwendet.

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Bespitzelungs-Affäre

Der brasilianische Aktivist Franklin Frederick, der von Nestlé bespitzelt wurde, zeigt sich besorgt über den Umgang mit der Affäre in der Schweiz. Die Infiltration von Organisationen werde verharmlost. Als Südamerikaner wisse er, wohin solche Methoden führen könnten, sagt Frederick, der wegen der Gerichtsverhandlungen zu Attac in der Schweiz weilt.

Aus den Gerichtsakten gehe hervor, dass Nestlé Kenntnis vom Inhalt seiner e-mails gehabt habe. Dies sei skandalös. Dass die Öffentlichkeit und insbesondere die Kirchen von Nestlé nicht eine öffentliche Entschuldigung forderten, sei unverständlich. Nestlé behaupte auf der einen Seite, es habe sich um eine einmalige, nicht autorisierte Aktion gehandelt. Auf der anderen Seite verteidige das Unternehmen im Gerichtssaal sein Vorgehen. Dies sei widersprüchlich.

"Die Bespitzelungs-Affäre ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt Frederick. In der Kontroverse um Roland Decorvet fordert Frederick die Kirchen und Hilfswerke auf, klar gegen den Nestlé-Manager Stellung zu beziehen. Ansonsten seien ihre Voten gegen die Privatisierung von Wasser blosse Lippenbekenntnisse.

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