Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Mehr staatliche Kontrollen für Bilanzprüfer

Künftig genauer unter der Lupe: Die Buchhaltungen der Unternehmen

(swissinfo.ch)

Der Fall Parmalat bildet den vorläufigen Schlusspunkt einer Serie von Finanzskandalen. Als Konsequenz werden die Gesetze verschärft - auch in der Schweiz.

In den USA hat man bereits gehandelt. In Anbetracht der neuen US-Normen verlangten auch die Schweizer Treuhänder von Bern schärfere Kontrollen.

Swissair, Enron, WorldCom. Diese Firmen eröffneten den Reigen der Finanzskandale. Dann war die Erb-Gruppe an der Reihe, gefolgt vom Parmalat-Imperium. Jetzt gibt es Ängste um das Wohlergehen von Adecco.

Es handelt sich nicht einfach um irgendwelche Firmen, sondern um Vorzeigeunternehmen der jeweiligen Branche. Diese stürzten zusammen wie Kartenhäuser, gedeckt von falschen Bilanzen.

Im Strudel der Skandale verschwinden nicht nur Arbeitsplätze und Aktionärsgelder, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Führungsetagen und des gesamten Wirtschaftssystems.

Es gibt viele Gründe für diese Entwicklung: Falsche Unternehmensstrategien, Marktschwierigkeiten, unehrliche Manager. Doch häufig tragen auch unvollständige, gefällige und leichtfertig ausgeführte Bilanzprüfungen eine Schuld.

"Auf alle Fälle haben die Kontrollen ihre Aufgabe nicht erfüllt", meint der sozialdemokratische Nationalrat Rudolf Strahm, Experte für Wirtschafts- und Finanzfragen. Wenn Bilanz- und Rechnungsprüfungen nicht einwandfrei ausgeführt würden, seien eben Manipulationen leicht möglich.

Italien will Investoren besser schützen



Die italienische Regierung hat am Dienstag einen Gesetzesentwurf verabschiedet, mit dem der Schutz der Investoren gestärkt werden soll. Mit dem Gesetz werden auch die Strafen bei Wirtschaftsvergehen verschärft.

Der von Wirtschaftsminister Giulio Tremonti verfasste Entwurf will auch das Kontrollsystem von Unternehmen verbessern.

Auch USA reagierten



Nachdem der Fall Enron sogar zu Turbulenzen im Weissen Haus führte, haben die USA im Jahr 2002 gehandelt und den Sarbanes-Oxley Act erlassen.

Dieser Erlass schreibt für die grossen Revisionsgesellschaften eine staatlich erteilte Betriebsgenehmigung und jährliche Kontrollen vor. Für Revisoren gilt das strikte Prinzip der Unabhängigkeit. Sie dürfen keine anderen Jobs wie Beratung oder Marketing für Unternehmungen ausführen, deren Buchhaltung sie kontrollieren.

Es handelt sich um eine drastische Verschärfung der Normen, denn die Treuhänder werden de facto unter staatliche Kontrolle gestellt. Ein wichtiges Detail: Die Normen gelten auch für ausländische Revisionsgesellschaften, die in den USA aktiv sind oder Bilanzen von US-Firmenfilialen im Ausland kontrollieren.

"Die grossen Treuhandgesellschaften der Schweiz haben sich deshalb umgehend an uns gewandt“, sagt Heinrich Koller, Direktor des Bundesamts für Justiz. Um weiterhin in den USA tätig sein zu können, verlangten sie die Einführung analoger Normen in der Schweiz.

Schnell gehandelt

Der Bundesrat reagierte schnell und liess ein Gesetz ausarbeiten. Die Botschaft wird wahrscheinlich schon im März an die Eidgenössischen Räte überwiesen.

Vorgeschlagen wird unter anderem eine verschärfte Kontrolle der Revisoren, eine Pflicht zur Rotation der Revisoren bei der Behandlung von Firmenbilanzen sowie die strenge Trennung von Beratungs- und Revisionsaufgaben.

„Die grossen Revisionsgesellschaften erhalten eine staatliche Genehmigung und werden registriert. Sie müssen jedes Jahr eine Reihe von Dokumenten zur Kontrolle abliefern“, betont Heinrich Koller.

Die amerikanischen Behörden sind laut Koller mit dem Entwurf zufrieden: "Sie haben unserem System gute Noten ausgestellt und werden, zumindest bis 2007, keinerlei Kontrollen in der Schweiz ausführen.“

Mehr als verlangt

Die SP hatte schon seit Jahren verlangt, den staatlichen Druck auf die Revisionsgesellschaften zu erhöhen. "Schon bevor die US-amerikanischen Gesetze in Kraft traten, hatte ich diverse parlamentarische Initiativen eingereicht“, erinnert sich Rudolf Strahm.

Er hätte sich mit seinen Vorschlägen aber nie getraut so weit zu gehen, wie jetzt die amerikanischen Gesetze. "Es handelt sich um eine wirkliche staatliche Kontrolle“, sagt Strahm, der gleichwohl im Schweizerischen Gesetzesentwurf die Förderung der Unabhängigkeit der Revisoren als unzureichend beurteilt.

Gemäss Strahm ist das Gesetz aber viel zu schnell ausgearbeitet worden: "Die Vernehmlassung war ungenügend und ein Teil der Treuhänder ist überhaupt nicht zufrieden.“ Strahm prophezeit daher eine langwierige Parlamentsarbeit.

Tatsächlich befürchten insbesondere die kleinen und mittelgrossen Treuhandbüros eine Zunahme von Kontrollen. Die Vorteile gehen ihrer Meinung fast ausschliesslich zu Gunsten der grossen Treuhandgesellschaften, die ihrerseits – und verständlicherweise – die neuen Normen ausnahmslos gutheissen.

Werden die neuen Normen ausreichen, um neue Skandale zu vermeiden? Das lässt sich noch nicht sagen. Aber die Bedeutung der Bilanz- und Rechnungsprüfung wird unterstrichen, auch wenn es einen "staatlichen Beigeschmack“ im Gesetzesentwurf gibt.

"Die Revisionsgesellschaft ist die wichtigste Instanz bei einem Unternehmen, wesentlich wichtiger als der Verwaltungsrat“, bilanziert Rudolf Strahm. "Es ist die einzige Instanz, die über Wochen die Bilanzen und die Buchhaltung eines Unternehmens prüfen kann. Die Verwaltungsräte treffen sich ja nur einige Male im Jahr."

swissinfo, Marzio Pescia
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Fakten

Die USA haben die Gesetzgebung für Bilanz- und Buchprüfungsgesellschaften durch den Sarbanes-Oxkey Act deutlich verschärft.

Der Bundesrat wird voraussichtlich im März eine mit den US-Normen vergleichbare Gesetzesbotschaft den eidgenössischen Räten vorlegen

Infobox Ende

In Kürze

Die Fälle Swissair, Enron und WorldCom hatten die Diskussionen um "gefällige Buchprüfungen und Revisionsgutachten“ ausgelöst.

Der jüngste Fall des konkursiten multinationalen Unternehmens Parmalat, sorgt erneut durch seine gigantischen Dimensionen für Aufsehen.

Gemäss jüngster Erhebungen betrug die Verschuldung der Gruppe Ende September 2003 bereits 14,3 Milliarden Euro.

EU-Kommissar Frits Bolkenstein hat erklärt, dass der Einbruch von Parmalat für die Gesetzgebung in der EU in den nächsten Jahren von entscheidender Bedeutung sein wird.

In den vergangenen Wochen gab auch die Finanzsituation von Adecco Anlass zur Sorge.

Infobox Ende


Links

Neuer Inhalt

Horizontal Line


subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.

swissinfo DE

Aufruf, der Facebook-Seite von swissinfo.ch beizutreten

Treten Sie unserer Facebook Seite auf Deutsch bei!

×